Ausverkauftes Haus bei "Gretchen 89 ff."

Immer neue Klischees

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Regie und Schauspiel – „zwei von alters her natürliche Angstgegner“, wie Richard Aigner, in dieser Szene als Regisseur und Nadine Schneider, beim Vorsprechen für die ersehnte Rolle in der TIK-Eigenproduktion „Gretchen 89ff.“ vor ausverkauftem Haus deutlich werden lassen.

Kempten – Der Blick hinter die Kulissen begeisterte vergangenen Freitagabend im ausverkauften TheaterOben. Nein, nicht etwa eine Führung durchs TheaterInKempten (TIK) sorgte für einen kurzweiligen Abend mit viel Lach- und Schmunzelkitzlern.

Es war die Premiere der TIK-Eigenproduktion von Lutz Hübners Erfolgskomödie „Gretchen 89 ff.“, die die Probebühne auf die Kemptener Bühne brachte und der vermeintlich ach so schillernden Glitzerwelt, um die „Normalsterbliche“ Schauspieler und Theatermacher so oft beneiden, gehörige Kratzer verpasste. Zwei Akteure 105 Minuten im Dauereinsatz, ohne Pause. 105 Minuten, in denen die berühmte Kästchenszene aus Goethes „Faust“, erster Teil, Seite 89 ff., immer wieder neue Theaterklischees aus dem Hut zaubert.

 Ein und dieselbe Literaturvorlage – unzählige Interpretationsvarianten, Produkte der „seligen oder unseligen Kombination von Regie und Schauspiel , zwei von alters her natürlichen Angstgegnern“, wie das werte Publikum im TheaterOben gleich zu Beginn des Stückes aufgeklärt wurde. Unzählige Varianten heißt in diesem Fall natürlich zehn. Denn unter so vielen, sehr breit gefächerten Prämissen durfte Gretchen sich entfalten – oder eben auch nicht, wobei sich die Probebühnen-Akteure, ganz innerhalb des eigenen Egos kreisend, das Leben gegenseitig nicht eben einfach machten. 

Inszeniert wird deshalb letztendlich nicht nur Johann Wolfgang Goethes berühmte Szene. Der Selbstinszenierung verfallen da durchaus auch die jeweiligen Akteure, gleich ob als „Schmerzensmann“, „Anfängerin“, „alter Haudegen“, „Diva“, Tourneepferd“, „Hospitantin“, „Streicher“, „Schauspielerin an sich“, „Freudianer“ oder „Dramaturgin“. In jedem Fall, so viel ist sicher, sind die Figuren mit Richard Aigner – zuletzt als Kurt in Strindbergs „Totentanz“ auf der Bühne des TIK – und Nadine Schneider, die ihren schauspielerischen Wurzeln beim heimischen Improtheater „Die Wendejacken“ eine professionelle Ausbildung angefügt und 2011 erfolgreich abgeschlossen hat, genial besetzt. Da ist Schneider, die nicht nur die hier zwangsläufig multiplen Persönlichkeiten Gretchens durch Freud und Leid einfach hinreißend verkörpert. Und da ist Aigner, der ihr den leidenden, den genervten oder den Regisseur als Alphatier genauso brillant gegenüberstellt, wie er sich als schon länger arbeitsloser Schauspieler um die Frauenrolle des Gretchens bemüht.

 Williges Publikum 

Kaum wagt man ja nach solch einem Stück den Regisseur zu nennen. Aber da die Probenarbeiten laut Einführungsgespräch vor der Aufführung eher von Spaß als Nervenkrieg geprägt gewesen sind: Der Regisseur Markus Bartl hat dem Kemptener Publikum diese wunderbare Komödie aufbereitet, das sich auch gerne einließ auf seine Inszenierung der erfahrenen Diva, die den jungen, noch unerfahrenen Regisseur mit ihren klaren Vorstellungen schlicht einschüchterte; der junge Anfängerin, die es durch ihren verqueren Überperfektionismus fast schaffte, die künstlerische Kreativität des Regisseurs abzuwürgen; der Überlebensstrategien des „Theaterhascherls“ „Biggi-Maus“, das sich der Anzüglichkeiten des dicklichen, „wie ein kolumbianischer Drogenbaron“ herausgeputzten Theatermanns erwehren musste, dem der Wiener Schmäh aus allen Poren triefte. 

 Unverholene Tragik 

Bei all der Heiterkeit und Komik blieb aber auch die Tragik dahinter dem Zuschauer im TIK nicht verborgen: die Abhängigkeit, von der Öffentlichkeit geliebt und von der Presse lobend beachtet zu werden, oder auch die immer wieder finanziellen Entbehrungen, die wohl für die meisten Schauspieler zum täglichen Brot gehören. Die Glitzerwelt hat eben auch Schattenseiten – bei den „Berufenen“ zu schwach gegen den Magnet Theater & Co.

Christine Tröger

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