Kabarettist Georg Schramm glänzt zum 30-jährigen Bestehen des Klecks-Vereins

Bissig, zynisch, kritisch, direkt

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In der Rolle des Presse- und Öffentlichkeitsoffiziers Oberstleutnant Sanftleben redet der Kabarettist Georg Schramm selbst den Afghanistankrieg schön.

Kempten – Ausverkauft hieß es schon seit Monaten. Wer das Glück hatte, Karten für den über zweieinhalbstündigen Auftritt des Kabarettisten Georg Schramm zum 30. Jubiläum des Kleinkunstvereins Klecks ergattert zu haben, erlebte einen Abend, der Gehirn, Emotion und Lachmuskeln gleichermaßen auf Trab hielt.

Das war Kabarett wie es sein sollte: bissig, zynisch, betroffen machend, kritisch, direkt, provozierend, revoltierend, Brandsätze legend, der Wut auf Missstände Bahn brechend – gewürzt mit der gerade richtigen Prise an Humor. Ganz klar: Ein Blatt vor den Mund nehmen, ist Schramms Sache nicht. Sprachlich ausgefeilt, gerne auch gezielt polemisierend, sprang er nicht nur durch die Themen, sondern ebenso durch seine drei vertrauten Bühnenfiguren: der kriegsversehrte Rentner Lothar Dombrowski, der hessische Sozialdemokrat August, dem eine Neigung zum Anarchismus kaum abgesprochen werden kann, und der Presse- und Öffentlichkeitsoffizier Oberstleutnant Sanftleben. 

 Fast hatte man das Gefühl, Schramm wolle zum Ende seiner Solokarriere mit „Meister Yodas Ende – Über die Zweckentfremdung der Demenz“ noch einmal alle seine Anliegen vorbringen, den Finger in möglichst viele Wunden legen, um die Menschen aufzuwecken. Wenig Sympathie zeigte er dennoch bei dem Vergleich zwischen ihm und Meister Yoda aus „Star Wars“, Bekämpfer des Bösen durch Gedankenkraft, denn dessen Sprachduktus entspreche dem eines „schlesischen Spätaussiedlers“. Dabei ist der Verfall der Sprache dem Meister des politischen Kabaretts offensichtlich ein Dorn im Auge; die Verblödung durch reihenweise nichtssagende Talk-Shows, in denen Politiker aus der Sprache „das Gegenteil von dem machen, wozu sie da ist“ – nämlich etwas zu sagen; die Kraft der Sprache, der Polemik, die mehr und mehr im „Geplapper“ der Menschen untergehen und bald „im Brackwasser der Beliebigkeit untergegangen sein werden“, so seine Prognose. „Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht“. 

Dieser Spruch von Papst Gregor dient ihm als roter Faden, die alles dominierende und gesellschaftsfähige Habgier nicht nur in Politik, Wirtschaft oder Kirche zu demaskieren, sondern auch den Verfall kultureller oder empathischer Werte. „Habgier ist die Kernkraft des Bösen“, unausrottbar seit Jahrtausenden, so Schramms Tenor, „aber das entbindet uns nicht davon sie zu bekämpfen“. Klare Worte findet das Alter-Ego Schramms für die Mähr, Angela Merkel sei die mächtigste Frau der Welt, oder zumindest im eigenen Land. Mitnichten, denn „ein Fingerschnipp von Friede Springer“ reiche aus, um sie wie Wulff, oder in Italien Draghi, Berlusconi oder Monti abzuservieren, zielte er auf die Macht der Medien. 

 Derweil versteckte sich Sanftleben in seinen Erklärungen zum Afghanistankrieg hinter militärisch-sterilen Fachterminologien, „die gar nicht verstanden werden sollen“. Da wurde aufgerechnet „Eigenblutfluss“ gegen „Fremdblutfluss“. Aber gibt es denn überhaupt ein „sinnvolles Blutvergießen“? Dombrowski dagegen sorgt sich weit mehr um die „Pflegebedrohung“, die ältere Menschen durch „Klapse“ oder die Gabe von „Stimmungsaufhellern“ fürchten müssen. Als Mitglied des Vereins „Humanes Sterben“ sah er am Ende als einzige Fluchtmöglichkeit „sich rechtzeitig vom Acker zu machen“. Und bis es soweit ist? Bis dahin wird die Rentnergang aus der Senioren-Selbsthilfegruppe wohl noch weiter den zivilen Ungehorsam im Kleinen an der Supermarktkasse proben. Sich widerstandslos fügen? 

Nicht mit Georg Schramm, dem die Figuren aus der eigenen Seele zu sprechen schienen. Ab dem 1. Januar 2014 will der 64-Jährige übrigens nicht mehr als Solo-Kabarettist unterwegs sein. In Kempten gab es am Freitag noch einmal tosenden Applaus.

Christine Tröger

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