"Total interessant"

Für ihre Seminararbeit mussten Jeno Krishnan (links) und Nina Müller auch viele Bücher wälzen. Foto: Tröger

Intensive Vorbereitungen im Unterricht, viel Recherchearbeit, Bezwingen von „Neuland” – unter anderem Suchen und Befragen von Zeitzeugen –, sorgfältiges Abwägen ob wichtig oder unwichtig, glaubwürdig oder verklärt, und am Ende mussten die Ergebnisse formal einwandfrei zu Papier gebracht werden. Das mit dem G8 neu eingeführte Wissenschafts-Seminar (W-Seminar) im Fach Geschichte hat die Teilnehmer aus der 12. Jahrgangsstufe des Allgäu-Gymnasiums auf Trab gehalten.

Zudem konfrontierte sie das Thema „Alltag in schwieriger Zeit: Jugendliche in und um Kempten in den Jahren 1933 bis 1948“ mit Biografien und Lebenssituationen, die ihnen zeitlich zwar nicht fern liegen, aber von völlig anderen Voraussetzungen bestimmt waren. Nina Müller (18), die sich mit dem „Reichsarbeitsdienst“ befasst hatte, und Jeno Krishnan (19), dessen Wahl auf „Erfahrungen in der Hitlerjugend (HJ) und im Jungvolk“ gefallen war, fanden das im Vordergrund stehende Erlernen wissenschaftlichen Arbeitens „auch als Vorbereitung für die Uni gut“. In ihren Themen sahen sie weniger einen eigenen Bezug zur Kemptener Region, wenngleich hier „die HJ vielleicht nicht so intensiv war wie in einer Großstadt“, vermutete Krishnan. Seine These: Die „HJ war eine Art futuristischer Organisation“, für die Ziele, Träume und Wünsche der Jugendlichen, die im Alltag „im Regelwerk der Eltern gefangen waren“. Motiviert von Hitlers Propaganda, die Jugend sei die Zukunft, hätten sie dieser „Tristesse“ entfliehen und mit Freunden Abenteuer erleben wollen. „Die HJ war aber nur Mittel zum Zweck“, um sie als Marionetten zu missbrauchen”, gab Krishnan die bittere Erkenntnis seines Zeitzeugen wieder, der „nach dem Krieg abgestumpft war“ und Probleme gehabt habe einem Staat noch zu vertrauen. „Man hat Hitler schon bewundert“, so das aufrichtige Bekenntnis. Als er dann später „anders gedacht“ und sich außerdem bei wachsender Wut mit dem Thema Konzentrationslager befasst habe, „konnte er es nicht glauben“. Zum Besuch eines KZ habe er sich aber bis heute nicht durchringen können, gab Krishnan die Aussagen seines „Informanten” wieder. Bittere Erkenntnis Bei der Aufnahmeprüfung zur HJ habe dieser „zum ersten Mal gemerkt, dass etwas nicht stimmt“, denn wer die Prüfung „nicht geschafft hat, wurde gnadenlos aussortiert“. „Beeindruckt hat mich”, so Krishnan, „dass es so einfach war, den Nationalsozialismus einzuführen und Jugendliche zu beeinflussen.“ Als „total interessant“ hat auch Nina Müller ihren Gesprächspartner erlebt. Jeder Mann zwischen 18 und 25 Jahren sei zunächst für ein halbes Jahr zum Reichsarbeitsdienst eingezogen worden. Mit Kriegsbeginn 1939 dann nur noch für zwei bis drei Monate, „hauptsächlich zum Flakdienst und Exerzieren“. Frauen, die ab 1939 im so genannten „Kriegshilfsdienst“ ebenfalls in die Pflicht genommen, seien vor allem in der Verwaltung oder in Krankenhäusern eingesetzt worden. Mehr Verständnis „Schockierend war der Alltag“, konstatierte Müller angesichts der 76-Stunden-Wochen mit „militärischem Drill“, der Unmöglichkeit freier politischer Meinungsäußerung und Unterbringung in Baracken. Eine Erfahrung, die Müller machte, war wie unterschiedlich Wahrnehmung sein kann: Eine Zeitzeugin „hat den Drill und die Abschottung als schlimm“ empfunden; ein anderer Zeitzeuge „fand das Gemeinschaftsgefühl gut“, obwohl laut seiner Aussage „politische Äußerungen aus Angst vor Spitzeln nur unter allerbesten Freunden gemacht wurden“. Vieles, gestand sie, könne man sich erst einmal nicht vorstellen. Nach der Befragung verstehe man aber schon auch die, die „mitgeschwommen sind“. Durch die Seminararbeit habe sie unter anderem „den kritischen Umgang mit Quellen und Aussagen von Zeitzeugen“ gelernt – und, fügte Krishnan an, „dass man nicht alle über einen Kamm scheren kann“. Ob die beiden auch stolz auf ihre Arbeit sind? „Ja“, sagt Krishnan ohne zu zögern, „vor allem wenn man das gedruckte ‚Buch’ dann in den Händen hält“.

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