Tote erzählen Geschichte

Während der Sankt Mang Platz baulich Gestalt anzunehmen beginnt, wird hinter den Kulissen fleißig an den Ausstellungsgegenständen für den Schauraum gearbeitet. In der Werkstatt der Kemptener Archäologie warten 50 der bei Grabungen geborgenen Skelette darauf, dass Elke Weinhardt jeden einzelnen ihrer Knochen von Sand und Schmutz befreit. „Wenn alles gut geht“, kann sie sich in Kürze Diplom-Biologin nennen, denn vor wenigen Wochen hat sie ihre Diplomarbeit abgegeben, in der sie sich mit ausgewählten Bestattungen aus dem Mittelalterfriedhof auf dem Sankt Mang Platz befasst hat.

Mit Wasser und Zahnbürste ist sie nun damit beschäftigt, Knochen und Knöchelchen zu waschen, zu trocknen, gegebenenfalls zu kleben, zu sortieren und nach Möglichkeit Alter, Pathologie und Geschlecht zu bestimmen. An einem durch Glas einsehbaren Ort sollen die Gebeine dann im Schauraum der Erasmuskappelle wieder einen würdevollen Ruheort finden. Auch der Archäologe Sikko Neupert hat Interesse an den Forschungsergebnissen der Biologin. Wie berichtet, schreibt er derzeit an seiner Diplomarbeit, in der er die Geschichte des Platzes rekonstruieren will. Zudem bereitet Neupert eine Ausstellung in der Südhalle der Sankt-Mang-Kirche vor, die die Geschichte des Friedhofes und der Erasmuskappelle in komprimierter Form aufzeigen soll. Blitzblank geputzt liegen die ersten Skelette sauber voneinander getrennt zum Trocknen in den Werkstattregalen. Ohne nähere Untersuchung springt einem der wohl verbreitete Zahnstein ins Auge, der wie eine graue Erhebung aus Stein auf festsitzenden wie herausgefallenen Zähnen thront. In welchem Alter die Menschen verstorben sind, ergründet Weinhardt anhand der Wachstumsfugen in den Knochen, die sich mit dem Alter schließen. Über das Geschlecht geben ihr die bei Männern und Frauen unterschiedlichen Beckenknochen Auskunft. Durch Seuche dahingerafft? Besonders angetan ist sie vom Fund einer „Grube“, die mit 15 Bestattungen „dicht belegt“ gewesen sei. Allerdings nicht durcheinander, wie bei einem Massengrab, sondern „alle schön nebeneinander“. Warum aber einige Kopf an Fuß gegenüberlagen oder auf dem Bauch liegend bestattet wurden, wisse man nicht. Neupert spekulierte, dass möglicherweise bei den in Leichentücher gehüllten Körpern „nicht mehr so klar war“, wo der Kopf gewesen sei. Neun der hier bestatteten Menschen seien vermutlich miteinander verwandt gewesen, klärte Weinhardt auf. Nur zwei Erwachsene seien unter den sonst acht- bis 14-jährigen Kindern und Jugendlichen gelegen. Das stütze die wohlgemerkt „nur grobe Theorie“, dass alle durch eine Krankheit dahingerafft worden seien, meinte Weinhardt. Erst „wenn am Ende alle Indizien zusammen sind“, so Neupert, werde eine genaue zeitliche Zuordnung möglich. Wie berichtet, hatte eine der wenigen, nicht ganz billigen Datierung durch Messung des radioaktiven Kohlenstoff-Isotops 14c eine Bestattung aus der Zeit 700 oder 800 nach Christus ergeben, die Neuperts Vermutung bestärkte, dass damals „schon eine Kirche vorhanden war“. Rund 200 der insgesamt 700 ausgegrabenen Bestattungen sind laut Kulturamtsleiter Dr. Gerhard Weber nicht mehr zuzuordnen. Die „Mischknochen“ sollen an einem geeigneten Ort wieder bestattet werden. Die restlichen, kompletten Skelette sollen eventuell ins Archiv der Archäologischen Staatssammlung. Sicher ist, dass 50 Skelette in jeweils einer „offenen Fundkiste“ vor der Eröffnungsfeier am 18. September wieder an den Sankt-Mang-Platz zurückkehren werden.

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