Entzauberte Vision bei Tourismusgesprächen an der Hochschule

Bei der Diskussion um die Seilbahn zeichnet sich Trend zum ›bodenständigen‹ ÖPNV ab

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Prof. Dr. Heiner Monheim, Berater für Raumentwicklung und Kommunikation in Trier, klärte nicht nur über das Thema urbane Seilbahn auf, sondern zerpflückte auch das ÖPNV-Angebot in der „autogerechten Stadt“ Kempten .

Kempten – Erst sah es nach einem guten Lauf für die Zukunftsvision Seilbahn in Kempten aus.

Doch gegen Ende wurde doch sehr deutlich, dass an erster Stelle wesentliche Verbesserungen im bestehenden Öffentlichen Nahverkehr sowie der Infrastruktur für Radfahrer stehen müssen; und auch, dass eine Seilbahn nur im Verbund mit einem guten Bahn-, Bus- und Radnetz Sinn macht. Über fast dreieinhalb Stunden zogen sich Vorträge von Mobilitäts- und Tourismusexperten, Statements der Stadtratsfraktionen und Podiumsdiskussion im Rahmen der Allgäuer Tourismusgespräche zum Thema „Seilbahnen als Teil künftiger Mobilitätskonzepte in urbanen Räumen“ im Thomas Dachser Auditorium der Kemptener Hochschule.

Einen aufschlussreichen Impulsvortrag lieferte Prof. Dr. Heiner Monheim, der bis 2011 an der Uni Trier Angewandte Geographie, Raumentwicklung und Landschaftsplanung lehrte und nun als Berater für Raumentwickler und Kommunikation tätig ist. Für ihn sind Seilbahnen „eine Option, die man mal ansehen sollte“, mancherorts eine gute Möglichkeit, „aber nicht für alle Städte“. Es folgte ein kurzer Streifzug durch die verschiedenen Modelle von 1S bis 3S, was sich jeweils auf die Anzahl der Führungsseile bezieht – je mehr davon u.a. umso stabiler gegen Wind –, mit dem Hinweis: „Die Koblenzer sind ganz wild aufs Seilbahnfahren“. Für eine Seilbahn spricht laut Monheim neben einem umweltfreundlichen und sparsamen Betrieb, dass sie schnell realisierbar wie translozierbar ist; sie überfliegen alle Barrieren im 30-Sekunden-Takt und können gut mit anderen Verkehrsmitteln kombiniert werden. „Der Bund sucht Seilbahnstädte“, sagte er und spielte einen weiteren ‚Lockvogel‘ aus: „Wenn Sie also die Ersten wären, wären Sie für die nächsten Jahre in allen Zeitungen“, wie die bolivianische Seilbahnstadt La Paz derzeit. 

Der Blick auf Kempte

Als Nachteile nannte er unter anderem viele Kurven, dass die Seilbahn nicht überall halten kann und sie zwar, so wie Autos, „gebraucht“ zu haben seien, die Masten im Abstand von 1,5 bis zwei Kilometern, aber „ziemlich teuer“ kämen; er versäumte nicht, auf die Akzeptanzprobleme hinzuweisen, die beim Überschweben von Wohnbebauung zu erwarten sind. Zwingend ist für ihn eine starke Bürgereinbindung von Anfang an. Mit dem Satz „ein Muster von Stadterweiterungen, die nicht besonders Seilbahn freundlich sind“, fasste Monheim seinen Blick auf die Stadtkarte Kemptens zusammen. „Positiv überrascht“ habe ihn die ZUM, der Prospekt der Stadt dagegen weniger: „Da ist jedes Parkhaus vermerkt, aber keine einzige Haltestelle“, monierte er. Als wesentliche Kriterien für eine Seilbahn in der Stadt sieht Monheim die Integration in das ÖPNV-System, wie er zu betonen nicht müde wurde. Eine rein touristische Seilbahn sei zudem auch „nicht förderfähig“. Abzuklären seien Kosten-Nutzen sowie die formale Planbarkeit, mögliche Erweiterungsund Modifikationsoptionen sowie die stadträumliche Einpassung. „Die Altstadt ist tabu für die Seilbahn“, zerstörte er möglicherweise so manche Vision. Zwar gebe es eine in Lissabon, „aber da müssen Sie sich sehr anstrengen“, um das verträglich zu machen. Raum für die benötigten Stützen sah er in Kempten genügend, beispielsweise durch Fahrbahnverschmälerungen, denn „vierspurige Straßen in der Stadt sind von Übel“, wetterte er. 

Der Kemptener Blick 

Dass nicht nur der Nahverkehrsplan konkrete Verbesserungen im ÖPNV bis 2026 vorschreibt, sondern auch die steigende Einwohnerzahl (knapp 72.000 Menschen aktuell in Kempten), die wachsende Zahl an Einpendlern und auch an Touristen, erläuterte Busunternehmer Helmut Berchtold, sozusagen ‚Vater’ der Seilbahnidee. Er betonte nicht als CSU-Stadtrat (seine Fraktion hatte den Seilbahn-Antrag an OB Thomas Kiechle gestellt) zu sprechen, sondern als stellvertretender Vorsitzender der Mobilitätsgesellschaft für den Nahverkehr Allgäu (Mona). Auch mehrerer Verkehrsgutachten und Fahrgastbefragungen hätten Handlungsbedarf hin zu einem qualitativ hochwertigen ÖPNV gezeigt. Laut Berchtolds Rechnung kommt eine Stadtseilbahn (inklusive Betriebskosten unter Berücksichtigung der Förderung und hochgerechnet auf 40 Jahre) mit 70 Millionen Euro am Ende rund sechs Millionen Euro günstiger als der erforderliche Ausbau des Busfuhrparks (über 75 Millionen Euro veranschlagt).

Statt der bisher 26 Busse im innerstädtischen Verkehr würden demnach 49 plus elf weitere zur Verstärkung in Stoßzeiten benötigt. Wenn dann noch die Umlandbusse hinzukämen, „ist die ZUM zu“, so Berchtold. Ihm schwebt statt dessen vor, die ZUM als zentralen Umsteigeplatz aufzulösen und durch zwei „Rendez-vous“-Plätze, einen im Norden und einen am Hauptbahnhof, zu ersetzen. Statt mit dem Bus die Innenstadt zu belasten, sollen diese durch einen Seilbahn-Rundkurs bedient werden. Mit den innerstädtisch eingesparten Bussen sollen die Stadtteile im 15-Minuten-Takt angefahren werden. Laut Seilbahnen-Berater Augustin Kröll sind viele Sorgen von Anrainern einer Seilbahn, wie Schattenwurf, lösbar. Auch stimme nicht, dass sie laut seien. Einen kleinen ‚Haken’ wusste er aber doch: „Bei Gewitter muss der Betrieb kurz eingestellt werden.“ 

Drei Minuten für jede/n Fraktionsvorsitzende/n

• Thomas Hartmann (Grü ne) nannte den Abend eine „bisher ordentliche Seilbahn-Werbeveranstaltung“. Dabei seien „acht Rechtsräume betroffen“, die „noch völlig ungeklärt sind“. Auch die Kosten seien noch unbekannt und im städtischen Haushalt bislang kein einziger Euro dafür eingestellt. Er bekräftigte seine frü here Aussage, dass man neue Dinge denken dürfe, räumte aber ein, für seine Zustimmung zum Seilbahnprojekt im Finanzausschuss von seiner Fraktion einen Rüffel bekommen zu haben, da sie nicht dahinter stehe. „Wenn eine Seilbahn in Kempten, dann muss das mit einer radikalen Befreiung der Innenstadt vom Individualverkehr einhergehen“, betonte er. 

• Erwin Hagenmaier (CSU) verteidigte die Seilbahn-Idee und sah neben dem Nutzen für den öffentlichen Nahverkehr vor allem einen touristischen für den APC. Der via Straße schlecht zu erreichende Archäologische Park habe bereits jetzt pro Jahr 25.000 Besucher und soll im Angebot bekanntlich noch deutlich ausgebaut werden. 

• Katharina Schrader (SPD) verwies erneut auf den bereits vorhandenen Masterplan für Kempten und darauf, dass „in erster Linie die Bedarfe der Bürgerinnen und Bürger“ im Fokus stehen sollten. Den Busverkehr aus der Innenstadt verbannen zu wollen, bezeichnete sie als „Unding“ und verwies zudem darauf, dass auch Zuschüsse letztendlich aus Steuergeldern zu bezahlen seien. 

• Michael Hofer (ödp) nahm als „positive Erkenntnis“ aus dem Abend mit, dass die ZUM als Knotenpunkt aufgelöst werden soll und bezweifelte die technische Machbarkeit der Seilbahn in Kempten, da die Topografie seines Erachtens „zu viele Kurven“ erforderlich mache. Er regte E-Busse für den Rundverkehr an. 

• Bei aller „Begeisterung für Seilbahnen“ befand Alexander Hold (Freie Wähler), dass sie für Kempten nicht passe und auch keine Erleichterung bringe, denn „die Straßen sind aufnahmefähig“. Die Seilbahn sei nichts für Pendler und nicht einmal „die Hochschule ist angebunden“. Er bezeichnete die Seilbahn als „kontraproduktiv“ und sah höchste Zeit für die Umsetzung des Mobilitätskonzepts. 

• Für Ullrich Kremser (FDP) „ist die Seilbahn etwas für Ballungsräume“. Er verlieh seinen Bedenken bezüglich der Verwendung von Steuergeldern, den ungeklärten Rechts- und Personalfragen oder der „Optik“ Ausdruck. „Der Verkehrsmix in unserer Stadt muss einfach stimmen“, meinte er und fügte schmunzelnd an, die gute Fußläufigkeit von der Innenstadt zur Hochschule auf dem Weg zur Veranstaltung eben getestet zu haben. 

Fragen aus dem Publikum

Eine breite Unterstützung für das Seilbahn-Projekt war im Publikum nicht zu spüren. So fragte Stefan Uhr, ob man zum Beispiel den Wochenmarkt künftig nur noch von oben anschauen solle, wenn in der Innenstadt keine Busse mehr fahren würden beziehungsweise: „Ist eine Seilbahn überhaupt nötig?“ Jörg Schreiber wollte wissen, warum ein Halt an der Allgäu Halle sein soll. Er lebe „seit zehn Jahren in Kempten“ und sei maximal einmal an diesem Ort gewesen. Ein Zuhörer hatte eher ein Problem mit der Bustaktung von bis zu eindreiviertel Stunden zwischen Kempten und Krugzell, was sich durch die Seilbahn nicht ändere. 

Monheim zum Status Quo 

Noch einmal ergriff Monheim das Wort und wies darauf hin, dass der Stadtbus von Leuten lebe, die in die Innenstadt wollen und dieser „viele Haltestellen“ brauche. Gut sei, dass es mehrere Busknoten geben soll aber, so seine deutliche Ansage: Laut Benchmark müsste Kemptens ÖPNV mindestens acht bis zehn Millionen Fahrgäste haben. „Die haben Sie nicht, weil Sie noch immer eine autogerechte Stadt sind.“ Einmal mehr betonte er, dass die Seilbahn den Bus in der Innenstadt nicht ersetzen könne und empfahl auf jeden Fall neben dem geplanten Rundkurs Hauptbahnhof, Burghalde, APC, Rottachstraße, ZUM, Hauptbahnhofm, auch „die angesprochenen Verbindungen“ in die Stadtteile zu prüfen. Zudem warnte er davor auf nur eine Option aufzuspringen und sprach sich dafür aus, „dass Sie die Busse noch optimieren“, auch abends nach dem Theater. Denn „der Freizeitverkehr macht ein Viertel der Fahrgastzahlen aus“ und gehöre zu einem attraktiven Angebot. „Man kann Lawinen in Bewegung setzen, wenn das Angebot stimmt“, regte er darüberhinaus noch Fahrradstraßen an. Abschließend meinte OB Thomas Kiechle, „nicht die technische Umsetzung ist entscheidend, sondern mit wie viel Kraft wir umsetzen, was zur Attraktivität unserer Stadt beiträgt“. Im Mittelpunkt stehe das Motto. „Wir arbeiten für die Bürgerinnen und Bürger mit einem großen Blick nach vorne.“


Christine Tröger

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