Trinken bei der Mama

Was bei uns Menschen selbstverständlich ist, führen jetzt einige Landwirte auch für Kälber ein

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Miriam scheint das Säugen zu gefallen. 13 Original-Allgäuer-Braunvieh-Kühe stehen bei Walter Schwärzler im Stall und auf der Weide. Seit einiger Zeit sind auch Kälber im Alter bis zu fünf Monaten dabei, die bei Müttern und Ammen trinken.

Kempten – Othello nimmt Anlauf, bremst ab. Mit seinen drei Altersgenossen vollführt er wilde Bocksprünge. Mal geht’s links im Stall herum, mal rechts. Milchbauer Walter Schwärzler hat gerade das Kälber-Abteil geöffnet und die Kleinen rausgelassen, denn jetzt ist Essenszeit. Die Original-Braunvieh-Kühe Taube und Tara stehen schon bereit. Die beiden kommen frisch von der Weide und knabbern an ihrem Heu. Und auch Othello und seine Altersgenossen haben Hunger und saugen jetzt an den Zitzen der beiden Ammen.

Normalerweise wäre Othello mit seinen drei Monaten gar nicht mehr auf dem Milchvieh-Hof in Dottenried bei Heiligkreuz. Früher hat Walter Schwärzler die männlichen und überzähligen weiblichen Kälber – wie in der Milchviehhaltung üblich – etwa drei bis vier Wochen nach der Geburt an Mäster verkauft. „Kälber, die nicht für die Nachzucht gebraucht werden, gehen in Mastbetriebe, das sind meist die männlichen Kälber“, erklärt der Bauer.

Ohne Nachwuchs keine Milch 

Damit eine Kuh Milch gibt, muss sie mindestens einmal im Jahr ein Kalb auf die Welt bringen. Die verkauften weiblichen Kälber gehen derzeit meist nach Italien oder Spanien, die männlichen zu Mastbetrieben nach Norddeutschland oder auch ins südwesteuropäische Ausland, wo sie für die Fleischproduktion aufgezogen werden. Schon lange war dem Demeter-Landwirt ein Dorn im Auge, die Kälber verkaufen zu müssen. „Das war der Schwachpunkt an unserer Wirtschaftsweise“, sagt er. 

Jetzt behält Schwärzler die Kleinen vier bis fünf Monate bei sich, bevor sie an Metzger oder Wirte aus der Region verkauft werden. Zusammen mit seinen Kollegen von den Demeter Heumilchbauern baut der Bauer gerade eine regionale Vermarktungsschiene für die Kälber auf. 

Nebenan im Hauptstall stehen die restlichen elf Kühe nebeneinander und beugen die Köpfe in die Futterraufe. Auch hier, in der Enge zwischen all den großen Tieren, saugt ein Kalb an seiner Mutter. Weit spreizt es die Vorderbeine auseinander, um mit dem Maul das tiefhängende Gesäuge von Mama Miriam zu erreichen. Immer wieder boxt es mit dem Kopf in das Euter, um den Milchfluss anzuregen. Miriam scheint das Säugen zu genießen. Entspannt lässt sie den Kopf hängen, schaut ab und zu nach dem Kalb. 

Bauer Schwärzler hat sich mit 14 Berufskollegen vor sechs Jahren zu den Demeter Heu-Milch Bauern zusammengeschlossen, um ihre Biomilch selbst zu vermarkten. Gemeinsam haben die mittlerweile 30 Landwirte seit Anfang Mai offiziell auf die „Kuh-gebundene-Kälberaufzucht“ umgestellt. Dazu gehört nicht nur, die Kälber länger als üblich zu behalten, sondern sie auch an der Kuh trinken zu lassen. Dabei bleiben Mutter und Kalb in der ersten Woche nach der Geburt in einem abgetrennten Abteil zusammen. Nur zum Melken müssen sie sich kurz trennen. 

Normalerweise ist es in der Milchviehhaltung üblich, die Kälber sofort nach der Geburt von den Müttern zu entfernen und anfangs in Einzelboxen, später in Gruppen mit Gleichaltrigen zu halten. Die Milch erhalten sie in Zapfen-Kübeln, an denen sie saugen, Heu und Wasser zur freien Aufnahme. Die Kälber sollen nicht dem Keimdruck des Kuhstalls ausgesetzt sein. Bei einer sofortigen Trennung nach der Geburt ist der Trennungsschmerz tendenziell auch geringer, als wenn Mutter und Kuh schon eine Bindung aufgebaut haben. Und damit Mutter und Kalb sich öfter sehen können, sind gerade in großen Ställen besondere bauliche Vorkehrungen zu treffen. 

Auch ist das Tränken mit Eimern eine Arbeitserleichterung. Davon hat sich Schwärzler nun verabschiedet. Die kuhgebundene Aufzucht ist aufwändiger, verschlingt mehr Milch, Stroh und Platz. Er erklärt, dass es größere Betriebe gibt, die den Kälber-Ablauf mit speziellen Begegnungsbereichen viel rationaler gestalten können als er. Aber Heumilchbauern seien Mehraufwand gewohnt. Wenn das gemähte Gras nicht schnell einsiliert werden kann, sondern bei jedem Schnitt länger auf der Wiese trocknen muss, braucht es gute Nerven. „Im Sommer griagsch a steifs Gnack vom vielen Nach-dem-Wetter-Schauen“, sagt der Bauer.

Widerstandsfähiger und gesünder 

Und der Mühe mit den Kälbern scheint sich zu lohnen: „Seit sie an den Ammen oder Müttern trinken, haben wir so gut wie keine Probleme mehr mit Kälberdurchfall“, erzählt Schwärzler von seinen neuen Erfahrungen. Die Kälber seien jetzt robuster, trinken und entwickeln sich besser. Der Bauer hält den Kontakt zur Kuh mit dafür ausschlaggebend. 

Während es bei Miriam beschaulich zugeht, rumpelt es im Nachbarstall immer wieder. Schwärzler geht hinüber, um nach den Kälbern zu sehen. Taube und Tara treten nach den Kleinen, bewegen sich von links nach rechts, um sie abzuschütteln. Othello und seine Altersgenossen müssen hartnäckig sein, um an die Zitzen heranzukommen. „Tara hat die letzten vier Wochen ihr eigenes Kalb aufgezogen“, erklärt der Bauer, „mit anderen Kälbern tut sie sich schwer.“ Nähern sich die Kleinen von hinten, funktioniert das Saugen besser. 

Bei Taube ist das Problem ein anderes. Sie hat ein wundes Euter vom Nuckeln. „Ich schmiere die Zitzen jeden Tag dick mit Melkfett ein, damit die Wunde abheilt“, sagt Schwärzler, streichelt das Tier und redet beruhigend auf es ein. Es scheint zu wirken. Taube steht nun ruhig und lässt die Kälber saugen.

Den letzten Anstoß, gerade jetzt komplett auf Kuh-gebundene Kälberaufzucht umzusteigen, gab den Demeter Heu-Milchbauern die derzeit schwierige Vermarktungssituation. Die Mäster verlangen, dass die Kälber ohne Horn-Ansatz bei ihnen angeliefert werden. Denn nur bis zu einem Alter von sechs Wochen dürfen die Tiere ohne Tierarzt enthornt werden. So will es eine Novelle des Tierschutzgesetzes. Da die Frist meist schon abgelaufen ist, bis die Kälber bei den Mästern ankommen, müssten letztere für die Enthornung sorgen und die Tierarztkosten aufbringen, wenn die Milchbauern das Horn der Kleinen nicht schon selbst entfernt haben. Deshalb bringen enthornte Kälber einen höheren Erlös für die Landwirte und sind leichter zu verkaufen. Allerdings ist das Enthornen nach den Richtlinien des Demeter-Verbandes nicht erlaubt. Hier tragen alle Kühe Hörner. 

Wohin mit den Kälbern?

Hinzu kommt, dass die Regeln, mit denen die Blauzungenkrankheit in Schach gehalten werden soll, einen Verkauf von Kälbern schier unmöglich machen. In Baden-Württemberg stellten die Veterinäre Fälle der Seuche fest, die nicht auf den Menschen übertragbar ist und auch auf das Fleisch und die Milch keine Auswirkungen hat. Für Schafe und Ziegen kann sie jedoch tödlich enden. Kälber können mit unterentwickeltem Gehirn auf die Welt kommen, verworfen werden, oder schnell verenden. 

Das Allgäu liegt in der 150-Kilometer-Sperrzone rund um einen betroffenen Ort. Seit Februar gelten strenge Regeln für den Verkauf aus der Zone heraus. Eine Zeit lang galt sogar eine Verschärfung der Regeln, die eigentlich erst für den 30. Juni vorgesehen war. In der Zeit durften nur noch geimpfte Tiere die Sperrzone verlassen. 

Da man Kälber nicht impfen kann, gilt für sie der Impfstatus, den sie bekommen, wenn ihre Mutter mit zeitlichem Abstand vor der Schwangerschaft geimpft wurde und das Kalb in den ersten Lebensstunden Muttermilch bekommen hat. Hat die Mutterkuh erst in der Trächtigkeit eine Impfung erhalten, muss zusätzlich ein Bluttest die Kälbergesundheit nachweisen. 

„Ich stehe der Blauzungen-Impfung kritisch gegenüber“, sagt Schwärzler, der Nebenwirkungen fürchtet. Seine Kühe sind wie in vielen bayerischen Ställen nicht geimpft. Nur sechs Prozent der bayerischen Tiere besitzen den Impfschutz. Jetzt kommt es zu Verzögerungen, weil die Hersteller bei der aktuell hohen Nachfrage mit der aufwändigen Impfstoff-Produktion nicht mehr hinterherkommen. Die Kälber müssen jetzt oft in den Ställen der Bauern bleiben, die dafür meist nicht ausgelegt sind. 

Etwas Erleichterung schaffen Abkommen mit Italien, Spanien und den Niederlanden, durch die Tiere mit nachgewiesener Gesundheit dort hin verkauft werden können. Aber die Situation wird angespannt bleiben. 

Taube und Tara werden jetzt wieder unruhiger und die Kälber sausen im Stall herum. Schwärzler öffnet den ausgemisteten Kälber-Bereich und treibt die Kleinen wieder hinein. „Jetzt zuzeln sie nur noch“, erklärt er und streichelt Othellos Kopf, „20 Minuten dauert der Saugreflex.“ Bei der Aufzucht hält sich der Bauer an die Mutter-Amme-Kalb (MAK)-Richtlinien. 

Der Tierschutzverband „Pro Vieh“ hat die Kriterien herausgegeben, nach denen die Tiere mindestens zweimal am Tag die Möglichkeit zum Säugen haben sollen und das mindestens über vier Wochen, im Idealfall über drei Monate lang. Auf jedem Hof werden die Regeln anders umgesetzt, je nach Betriebsart. In manchen Laufställen gibt es sogenannte Begegnungsboxen, wo die Tiere eine gewisse Zeit beieinander bleiben. „In manchen Laufställen gelangen die Kälber über einen sogenannten ‚Kälberschlupf‘ jederzeit zu ihren Müttern oder Ammen, um zu trinken“, erzählt Schwärzler, dessen Milch und Kalbfleisch bald nach MAK zertifiziert sind. Manchmal läuft die Abgewöhnungsphase nicht ohne Trennungsschmerz ab. Auch hier sind die Strategien unterschiedlich. Manche Landwirte tränken die Kälber ab einem Alter von drei Monaten immer weniger, weil sie dann mit Heu und Gras alleine auskommen. Am Ende sehen sie die Mütter oder Ammen dann nur noch. „Es gibt aber au Kügele“, erklärt Schwärzler die Möglichkeit, die Trennung mit Homöopathie zu erleichtern. 

Damit Schwärzler die Kälber weiterhin an der Kuh trinken lassen kann, ist es wichtig, genügend regionale Abnehmer für das Kalbfleisch zu finden. Mit dem Erlös muss er die Milchgeld-Einnahmen kompensieren, die ihm durch die eigene Kälberaufzucht fehlen. „In drei Monaten trinkt ein Kalb rund 1000 Liter Milch. Bei einem grob angenommenen Bio-Milchpreis von 50 Cent pro Liter sind das schon 500 Euro“, erklärt der Landwirt. 

Von der Region für die Region

Ideal findet er eine Wertschöpfungskette wie oft in Südtirol zu sehen, wo ein ganzes Tal von den Kälbern einer Erzeugergemeinschaft profitiert. Der Bauer zieht sie auf, verkauft sie an den lokalen Metzger, dieser wiederum an Läden, Gastronomen und Hotels, wo die Gäste das Kalbfleisch genießen. „In einem Film habe ich gesehen, dass ein Koch sogar eine eigene Spezialität, mit dem Nierenzapfen kreiert hat“, schwärmt der Landwirt. Innerhalb des nächsten Jahres wollen Schwärzler und seine Kollegen eine gute regionale Vermarktung aufgebaut haben, um die Kälber-Transporte zu vermeiden. Hier sieht der Bauer aber auch die Verbraucher in der Verantwortung. Mit dem Kauf regionaler Produkte können sie die Region stärken. Zuallererst steht für Schwärzler aber erst einmal das Melken der Kühe an, bevor sie wieder auf Weide dürfen.

Susanne Lüderitz

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