Woher kommt das Trinkwasser fürs Oberallgäu?

Kaltes, klares Wasser

+
Der Hochbehälter in Burgberg von Innen.

Wasser – unser Lebenselixier. Die Grundlage allen Lebens. Köstlich klar strömt es aus unseren Leitungen, jederzeit und selbstverständlich. Doch haben Sie sich schon einmal gefragt, woher unser Trinkwasser hier im Oberallgäu eigentlich kommt? Markus Spetlak, der Geschäftsführer des Zweckverbandes für Fernwasserversorgung im Oberen Allgäu, kurz fwoa, weiß die Antwort…

In Zeiten globaler Klimaerwärmung, in denen große Teile der Weltbevölkerung von Wasserknappheit bedroht sind, wächst bei vielen Menschen auch hierzulande das Bewusstsein, welch ein Luxus es ist, jederzeit Trinkwasser in höchster Qualität zur Verfügung zu haben. Wir hier im Oberallgäu sind in der glücklichen Lage, im wahrsten Sinne auf einem schier unerschöpflichen Reservoir besten Trinkwassers zu sitzen. Für die Bereitstellung, die nachhaltige Bewirtschaftung und die Verteilung des kühlen Nass´ ist in weiten Teilen des Landkreises seit mehr als 40 Jahren der Zweckverband für Fernwasserversorgung im Oberen Allgäu (fwoa) verantwortlich.

Rückblick in die Gründungszeit 

In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten viele Allgäuer Gemeinden Probleme mit der Beschaffung ausreichender Mengen einwandfreien Trinkwassers. Davon war auch die Stadt Kempten betroffen, die sich, wie einige andere auch, auf die Suche nach größeren Grundwasservorkommen machte und schließlich im Illertal bei Ortwang auf das einzige große Vorkommen in der Region stieß. Gemeinsam mit dem Bayerischen Landesamt für Wasserwirtschaft wurde in der Folgezeit ein Konzept erarbeitet, mit dem eine zukunftssichere und wirtschaftliche Trinkwasserversorgung nicht nur der Stadt Kempten, sondern aller an der Trasse Burgberg-Kempten gelegenen Gemeinden, sowie weiter Teile der Landkreise Oberallgäu und Lindau gesichert werden konnte. Dies mündete 1969 in der Gründung des Zweckverbands, der in den folgenden zehn Jahren mit finanzieller Unterstützung des Freistaates Bayern den Bau und die Inbetriebnahme der Anlagen zur Gewinnung, Speicherung und zum Transport des Wassers aus den Fluren von Altstädten und Ortwang umsetzte. Mittlerweile sind 21 Städte und Gemeinden zwischen Sonthofen im Süden, Kempten im Norden, Unterzollhaus im Osten und Stiefenhofen im Westen Mitglied des fwoa, von dem sie gegen Gebühr das Trinkwasser für ihre Ortsnetze beziehen. Alle Entscheidungen, wie etwa über Investitionen oder ähnliches, werden von den Mitgliedern des Zweckverbands gemeinsam gefällt. Den Verbandsvorsitz hat derzeit der frühere Duracher Bürgermeister Herbert Seger inne, sein Stellvertreter ist Kemptens Oberbürgermeister Thomas Kiechle. Die Betriebszentrale des fwoa liegt bis heute in Ortwang auf der grünen Wiese. Von dem hübschen Gebäudekomplex aus kontrollieren, verwalten und schalten insgesamt acht Mitarbeiter das gesamte Netz.

Sieben Milliarden Liter Wasser für 200.000 Menschen 

Das Hauptgewinnungsgebiet, also der Ort, an dem der Großteil des Wassers aus der Tiefe geholt wird, liegt in Altstädten. Hier befinden sich drei Brunnen, die tagtäglich aus fünfzig Metern Tiefe 16-26.000 Kubikmeter Trinkwasser in bester Qualität (das Wasser wird ununterbrochen auf bakterielle Verunreinigungen untersucht) fördern. Im Jahresdurchschnitt sind das sieben Millionen Kubikmeter, also sieben Milliarden Liter. Diese werden zunächst in den 9000 Kubikmeter fassenden Hochbehälter am alten Weinberg in Burgberg gepumpt und von hier aus über ein rund 150 Kilometer langes Leitungsnetz mit elf Hochbehältern und zehn Pumpwerken an die Abnehmer in allen Himmelsrichtungen und somit an 200.000 Menschen in der Region verteilt. Insgesamt betreibt der fwoa acht Brunnen. Eine Brunnengalerie mit einer Tiefe von 25 bis 30 Metern ist in Ortwang angesiedelt. Sie dient derzeit rein zur Notversorgung und kam beim Augusthochwasser 2005 zum Einsatz, als in Fischen der Damm brach und Altstädten und Sonthofen überflutet wurden. „Damals musste das Gewinnungsgebiet Altstädten außer Betrieb gehen“, erinnert sich Markus Spetlak, der Geschäftsführer des fwoa. „Aber wir konnten innerhalb weniger Minuten auf Ortwang umschalten und so nahtlos alle Haushalte weiterversorgen.“ Im Lauf der vergangenen zwei Jahre wurde hier ein weiterer 23 Meter tief reichender Brunnen mit ca. 3,5 Millionen Kubikmetern Förderleistung pro Jahr fertiggestellt, was nicht nur technisch ein diffiziles Unterfangen war.

Hohe Auflagen für die Schutzzonen 

„Wir müssen immer in enger Absprache mit dem Wasserwirtschaftsamt und den Gemeinden agieren. Denn wo ein Brunnen ist, muss das Wasser in seiner natürlichen Reinheit erhalten bleiben. Deshalb unterliegen die Anrainer strengen Auflagen, für die sie unter Umständen auch entschädigt werden müssen“, erklärt Spetlak. Jeder Brunnen ist durch drei Schutzzonen vor Verunreinigungen geschützt. Zone I umfasst den relativ kleinen und meist eingezäunten Fassungsbereich. Zone II muss so groß sein, dass das Grundwasser von der Außengrenze bis zu den Brunnen mindestens 50 Tage im Untergrund unterwegs ist, da es in dieser Zeit von Krankheitserregern ausreichend gereinigt wird. In diesem Bereich dürfen beispielsweise keine Kühe ausgetrieben, keine Gülle ausgebracht und keine baulichen Anlagen erstellt werden. Zone III bietet Schutz vor schwer abbaubaren Verunreinigungen, zum Beispiel durch Chemikalien, im großräumigen Umfeld der Wassergewinnungsanlage. Da sich im Umfeld des neuen Ortwanger Brunnens Viehweiden befinden, die künftig nicht mehr genutzt werden dürfen, mussten Verhandlungen mit den Landwirten geführt werden. Erst nach der Festsetzung des Schutzgebietes, die voraussichtlich 2016 erfolgt sein wird, kann auch der neue Brunnen in Betrieb genommen werden.

Klimawandel und Zukunftsvorsorge 

„Für Gemeinden, die noch Eigenwasser haben, wird es immer schwieriger, ihre Schutzgebiete aufrecht zu erhalten, weil die Auflagen deutlich höher geworden sind“, weiß Markus Spetlak. „Den damit verbundenen finanziellen Aufwand können einige kaum mehr schultern.“ Andere müssen angesichts der Klimaveränderung mit Problemen rechnen. In den immer länger werdenden Trockenphasen fällt der Wasserspiegel ab und Quellen trocknen plötzlich aus. „Wir sind zwar dafür, dass Gemeinden mit Eigenwasser so lang wie möglich autark bleiben, aber wir sind in der Lage, im Notfall einzuspringen. Derzeit haben wir noch eine Kapazität von einer Million Kubikmetern pro Jahr als Reserve“, so Spetlak. „Mit der Inbetriebnahme des neuen Brunnen IV in Ortwang erhöhen wir den Puffer für die Zukunft auf gesamt 4,5 Mio. m³ pro Jahr. Damit sind wir für die nächsten Jahrzehnte gerüstet.“ Der diesjährige heiße Sommer hat dem Wasservorkommen im südlichen Oberallgäu übrigens nichts anhaben können. „Die Pegel sind nur marginal zurückgegangen. Schließlich haben wir im Schutzgebiet Altstädten – was das Hauptgewinnungsgebiet ist – eine Wassermächtigkeit von über 40 Metern.“

Autarke Versorgung im Altlandkreis 

Zahlreiche Gemeinde im Süden des Landkreises sowie ein Großteil der Stadt Kempten vom Gewinnungsgebiet Altstädten her versorgt werden, regeln die Gemeinden des Altlandkreises im Norden ihre Wasserversorgung zumeist eigenständig. Ausgenommen davon sind Teile von Dietmannsried und Seebach, sind durch eine „Inselversorgung“ aus dem Gewinnungsgebiet Seebach auch an die fwoa angeschlossen. Die Gemeinden Lauben-Heising, Wiggensbach, Haldenwang, Wildpoldsried sowie die Marktgemeinde Altusried verfügen jeweils über eigene Quellen, deren Ausschüttungen ausreichen, um die Bevölkerung zu versorgen. Gleiches gilt für Betzigau, welches aber für den Notfall an den Zweckverband angeschlossen ist.

Woher kommen die Preise? 

Die Trinkwasserpreise in den Gemeinden schwanken zum Teil ganz erheblich. Lauben-Heising liegt mit 61 ct/m³ am unteren Rand (dafür müssen die Bürger pro Monat eine Zähler-Grundgebühr von 2,50 Euro berappen). Haldenwang (93 ct/m³), Altusried und Betzigau (beide 96 ct/m³) teilen sich das Mittelfeld während die Wiggensbacher Bürger mit 1,39 ct brutto schon vergleichsweise tief in die Tasche greifen müssen. Spitzenreiter ist Wildpoldsried mit einem Trinkwasserpreis von knapp 1,82 Euro pro Kubikmeter. In Haldenwang und Börwang gibt es übrigens eine fast einzigartige Sonderregelung: Hier existiert seit mehr als hundert Jahren eine Wassergenossenschaft bzw. ein Wasserver- sorgungsverein, die in den alten Ortskernen ehrenamtlich, aber unter strenger Beachtung aller Auflagen, ein eigenes Netz betreiben. Die je ca. 100 Haushalte erhalten ihr Trinkwasser zu einem Preis, der weit unter dem der Gemeinde liegt. Die unterschiedlichen Preise, die die Gemeinden selbst festlegen, begründen sich zum Großteil darin, dass bei den Gemeinden der Instandhaltungsaufwand im Bereich des Ortsnetzes und den vielen Hausanschlüssen um ein Vielfaches größer ist als beim fwoa. „Wir vom fwoa haben ein sehr statisches uns übersichtliches Leitungsnetz mit drei großen Hauptsträngen“, erklärt Markus Spetlak. „Ein Ortsnetz hingegen hat viele unterschiedliche Leitungsgrößen und meist auch verschiedene Druckstufen. Dazu kommen die unzähligen Hausanschlüsse. Hier erfolgen viel öfter Schäden als bei uns.“

Wasser sparen? 

„Deutschland ist Weltmeister im Wassersparen und die Diskussion um die Liberalisierung des Wassermarktes hat die Menschen weiter für das Thema sensibilisiert. Mittlerweile ist allen klar, dass Wasser ein kostbares Gut ist, mit dem wir sorgsam umgehen müssen“, sagt Spetlak. „Trotzdem: Wir hier im Allgäu müssten theoretisch nicht einmal Wasser sparen.“ Denn ironischerweise führt eine geringere Wasserentnahme durch die Verbraucher letztlich zu einer Erhöhung des Wasserpreises, weil ja die Anlagen kostendeckend instand gehalten werden müssen. „Wich- tiger wäre ein Umdenken beim Konsum: Wer z.B. im Winter Erdbeeren oder Tomaten aus Spanien, Marokko oder dergleichen kauft, sorgt indirekt mit dafür, dass in diesen Regionen, in denen ohnehin Wasserknappheit herrscht, das kostbare Gut für unser Gemüse ver(sch)wendet wird, das noch dazu meist nach nichts schmeckt“, mahnt Spetlak. „Insofern wäre ein Verzicht auf derartige Importgüter weit nachhaltiger.“

Sabine Stodal

Meistgelesen

Shawn James im "mySkylounge"
Shawn James im "mySkylounge"
Wohnungseinbrüche: Jeder Hinweis kann helfen
Wohnungseinbrüche: Jeder Hinweis kann helfen
Demokratie unter Beschuss
Demokratie unter Beschuss
LKW-Fahrer mit 2,5 Promille erwischt
LKW-Fahrer mit 2,5 Promille erwischt

Kommentare