"Tschick" im TIK: Von Freiheit, Freundschaft, Liebe und einer verrückten Sommerreise

Das Abenteuer des Erwachsenwerdens

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(v.l.) Tschick (Andreas Laufer) und Maik (Henry Braun) erleben mit ihrem geklauten Lada den besten Sommer ihres Lebens.

Kempten – Waren es die Eltern und Großeltern, die ihre jugendlichen Kinder und Enkel ins Theater mitgebracht hatten oder war es anders herum? Wie auch immer: das Theater in Kempten (TIK) war jedenfalls bestens gefüllt mit einer guten Durchmischung der Generationen, wie sie dort selten ist.

Sie alle wollten „Tschick“ sehen, das von Michael Miensopoust mit dem Landestheater Tübingen nach dem 2010 veröffentlichten Jugendroman von Wolfgang Herrndorf (Bühnenfassung Robert Koall) minimalistisch-genial inszenierte Theater-Roadmovie. Es ist das Abenteuer des Erwachsenwerdens, das die einen im Zuschauerraum noch vor sich haben –oder mittendrin stecken –, die anderen retrospektiv sicher oftmals schmunzeln lies.

Das Gerüst der Geschichte ist schnell beschrieben: Zwei Jugendliche erleben zusammen „den“ Sommer ihres – zumindest bisherigen – Lebens. Und da hat eine ganze Menge an Stoff Platz, der temporeich, berührend und äußerst amüsant zwei kurzweilige Stunden mit rundum überzeugenden wie mitreißenden Darstellern im Theater bescherte.

Da ist der 14-jährige Maik (Henry Braun), aus gutbürgerlichem Haus, die Mutter gerade wieder auf Entzug und der Vater mit seiner Assistentin beschäftigt. Ihn plagen Komplexe, weil er sich für einen absoluten Langweiler hält und vermutet, deshalb auch als einziger nicht zum Geburtstag seiner nicht nur von ihm heißbegehrten Schulkameradin Tatjana (Magdalena Flade, die auch sämtliche weitere Rollen besetzte) eingeladen worden zu sein. An eben diesem Abend aber sollte sich sein Leben radikal verändern, als er und Tschick (Andreas Laufer), der neue in der Klasse, Spätaussiedler aus Russland und „voll asslig“, sich begegnen und vorsichtig beginnen anzunähern. Maik steigt zu ihm in den geklauten Lada, der mit einzig einer alten Kassette mit Musik von Richard Clydermann allerdings ein für die Jungs etwas gewöhnungsbedürftiges Hörerlebnis bereithält. Nach einem Blitzbesuch bei Tatjana geht es Richtung Walachei, die nicht so leicht zu finden ist, wie sie sich das vorgestellt hatten.

Das gemeinsame Meistern der immer wieder neuen Herausforderungen auf dem Weg festigt die Freundschaft der beiden Außenseiter zunehmend. Auch kreuzen einige vor allem recht skurrile – von liebenswerten esoterischen Spinnern bis zur durchgeknallten Sprachtherapeutin –, bisweilen auch bedrohliche Gestalten ihren Weg, mit denen es umzugehen gilt. Und da auch die Liebe beim Erwachsenwerden nicht zu kurz kommen darf, begegnen die Beiden auf einer Müllkippe der recht taffen, ebenfalls 14-jährigen Isa, die Maik bezüglicher seiner Schwärmerei für Tatjana gehörig ins Wanken bringt. Ein Autounfall beendet das Abenteuer für die beiden inzwischen guten Freunde. Tschick landet im Heim und Maik wird zu 30 Stunden sozialer Arbeit verdonnert. Dass es dennoch „der beste“ von allen bisherigen Sommern für sie war, kann das nicht ändern. Vielmehr resümiert Maik, dass zwar meist gesagt werde, dass die Menschen schlecht seien und das vielleicht ja auch „auf 99 Prozent zutrifft“. Aber „wir sind dem einen Prozent“ an Menschen begegnet, „die nicht schlecht sind“.

Mit wenigen, witzigen Requisiten erzeugt Miensopoust in seiner Inszenierung große Wirkung. Ein laufender Föhn symbolisiert den Wind, ein aufgeblasener, „Lada“ beschrifteter Autoschlauch dient als PKW, eine stark abgeschrägte und drehbare Plattform ist die Haupt-„Spielwiese“, auf der der Lada gerne auch mal mehr Fahrt aufnimmt.... dazu zwei jeweils auf eigene Art sympathisch „verplante“ Protagonisten. Ein in jeder Hinsicht gelungener Theatergenuss, der mit tosendem Applaus und munterem „Getrappel“ belohnt wurde.

Christine Tröger

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