"Tun wa`s noch`n bisschen?"

Kempten hat offenbar seinen ersten öffentlichen Fall von sexuellem Miss-brauch in einer katholischen Jugendeinrichtung: Gegenüber dem KREISBOTE berichtete der heute in Berlin lebende Stefan S. von seinen Erlebnissen im Gerhardingerhaus, wo er von 1976 bis 1986 lebte. Über Jahre hinweg soll sich der damalige Hausmeister der Einrichtung an ihm vergangen haben. Dazu kamen Schläge der Schwestern und sexuelle Übergriffe älterer Heimbewohner, berichtet S. weiter. Zu einem Verfahren gegen den Beschuldigten kam es aber nie, da S. zu spät zur Polizei ging. Der Hausmeister soll heute bei der Diakonie in Kempten arbeiten.

Die Missbrauchsfälle in katholischen Jugendeinrichtungen haben jetzt offenbar auch Kempten erreicht. Im Gespräch mit dem KREISBOTE bezichtigte der 41-jährige Kemptener Stefan S. einen ehemaligen Hausmeister (Name der Redaktion bekannt) des Gerhardingerhauses, eine Einrichtung der Katholischen Waisenhausstiftung, des sexuellen Missbrauchs. Begonnen haben sollen die Übergriffe des Mannes Ende der 70er Jahre während eines Besuchs des Oberstdorfer Schwimmbads. „Da ist doch nichts dabei, wenn zwei Männer es sich mal machen, oder?", soll der Mann zu dem damals 12 Jahre alten S. gesagt haben. Laut S. hat sich der Vorfall in der Umkleidekabine des Bades abgespielt. Damit begann ein jahrelanger Leidensweg für den Jungen, das erst Mitte der 80er Jahre endete. Bereits zuvor sei es immer wieder zu sexuellen Übergriffen älterer Heimbewohner gekommen, so S. weiter. Außerdem seien die Kinder von den Schwestern des Heims misshandelt worden. „Misshandlungen und Schläge waren an der Tagesordnung“, betonte der 41-Jährige gegenüber dem KREISBOTE. Von jenem Sommertag in Oberstdorf an habe sich der Hausmeister regelmäßig an ihm vergangen. Vor allem während der Ferien, wenn er ihm geholfen habe, berichtete S. Die Standarfrage war demzufolge: „Tun wa’s noch’n bisschen?" Selbst nachdem er 1986 das Heim verlassen und nach Berlin gezogen war, sei der Kontakt zu dem Mann nie ganz abgerissen. „Ich war das perfekte Opfer“, sagt S. heute. Allerdings habe sich der Beschuldigte nie gewaltsam an ihm vergangen, betonte S. Im Gegenteil habe er sogar eine Art Beziehung zu dem Mann gehabt. Dieser habe ihm das Gefühl gegeben habe, etwas wert zu sein oder ihm Zigaretten und Alkohol geschenkt. Das habe dazu geführt, dass er sich dem verheirateten Familienvater gegenüber bei seinen Annäherungsversuchen „verpflichtet“ gefühlt habe. Erst 1996 sagte er sich mit einem Brief an seinen Peiniger von der unheilvollen Verbindung los und fing an, sein Leben und seine Vergangenheit aufzuarbeiten, erklärte S. Taten verjährt Dazu gehörte auch der Gang zur Polizei, der allerdings zu spät erfolgte. Wegen Verjährung stellte die Staatsanwaltschaft Kempten das Verfahren im März 1997 ein, wie aus damaligen Unterlagen der Behörde (Kopien liegen dem KREISBOTE vor) hervorgeht. Die Staatsanwaltschaft informierte trotzdem das Kemptener Jugendamt, da S. Ausführungen den Ermittlern offenbar plausibel erschienen. Zu diesem Schluss kam wohl auch der damalige Abteilungsleiter im Jugendamt, Nock. Der schrieb am 20. März 1997 an Helmut Dreher, Leiter des Stiftungsamtes, das auch die Katholische Waisenhausstiftung verwaltet: „Nach Durchsicht der Unterlagen sind wir der Auffassung, dass zumindest die Anschuldigungen sehr präzise und ausführlich dargestellt sind und wir sind der Auffassung, dass zumindest eine Gefahr für die anderen Jugendlichen durch Herrn XX ausgehen kann. Zumindest unter diesem Aspekt ist es für uns als Jugendamt nicht mehr vertretbar, Kinder und Jugendliche in diese Einrichtung zu geben.“ Das Schreiben endet mit der unmissverständlichen Aufforderung an Dreher, einzuschreiten. Dreher handelte offensichtlich und ließ den Mann aus dem Verkehr ziehen. Ihm soll fristlos gekündigt worden sein. Gegenüber dem KREISBOTE wollte sich Michael Wilde, heutiger Leiter des Gerhardingerhauses, nicht äußern und verwies auf die zuständigen Stellen in der Stadtverwaltung. Dort war am Montagabend jedoch niemand mehr für eine Stellungnahme erreichbar.

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