Veränderung – von Gewohntem hin zu etwas Unbekannten

"U1" ist frisch bestückt

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Das Kunstwerk „volare“ der Künstlerin Bärbel Auer.

Kempten – „Aufbruch“ – in ein neues Jahrzehnt, ein neuer Anfang, das Bekannte hinter sich lassend verbunden mit Vorfreude, Hoffnung, aber auch Ängsten. Die Künstlergruppe K-art-on e.V. wählte dieses Motto für ihre vierte Ausstellung in ihrem Gesamtprojekt Reflektarium in U1. Zahlreiche Kunstinteressierte, darunter auch einige Stadträte, waren letzten Donnerstag in die Freudenbergunterführung in Kempten gekommen, um gemeinsam mit den Künstlerinnen und Künstlern die neue Ausstellung mit einer Vernissage feierlich zu eröffnen.

Aufbruch und Neubeginn, damit einhergehende Veränderungen und Schwierigkeiten, erfordern Mut und Offenheit für etwas Neues. Etwas, das jeder Mensch schon einmal erlebt habe, so Traudl Gilbricht, Vorsitzende der Künstlergruppe. Sie selbst ist vor 29 Jahren als waschechte Rheinländerin ins Allgäu gekommen, erzählte sie in ihrer Eröffnungsrede. Eine Neuorientierung, die anfangs nicht ganz leicht war – Mentalität, Dialekt und andere Bräuche . „Doch Veränderungen bekommen eigentlich jedem Menschen ganz gut“, so die Künstlerin. 

„Aufbruch“ – kleine und große Entscheidungen begleiten uns das ganze Leben. Ein Leitthema, das für Veränderung, Entdeckung, Neugier und auch für die Bereitschaft, etwas Neues zu erfahren, stehe. Jeder Einzelne habe seine eigene Sichtweise und gehe immer seinen eigenen individuellen Weg, so Gilbricht. Gesellschaft und Politik sind durch neue Technologien, Medienvielfalt und Globalisierung in einem ständigen Wandel, der immer wieder einen „Aufbruch“ in etwas Neues verlange. Auch das kommende neue Jahrzehnt stelle einen „Aufbruch“ dar, wecke Wünsche und Hoffnungen. Ein Motiv, das die acht mitwirkenden Künstlerinnen und Künstler zu den unterschiedlichsten Installationen inspirierte. 

Im Jahr 2019 wurde das Areal in der Freudenbergunterführung nach einer Idee des Künstlers Rene Nebas aufwendig verspiegelt. Mit vier Ausstellungen in 2019 gestaltete die Künstlergruppe K-art-on e.V. mit den Themen „Jetzt“, „Freiraum“, „Farbe bekennen“ und „Aufbruch“ den neu erschaffenen Kunstraum. „Jedes Vierteljahr wurden immer wieder leere Räume mit neuen Ideen und neuen Installationen gefüllt“, so Gilbricht. Auch das sei immer wieder ein Aufbruch in etwas Neues. 

Für die Kulturbeauftragte des Stadtrats Silvia Schäfer ist die Gruppe seit 15 Jahren eine Bereicherung für die künstlerische Szene in Kempten. Mit der kreativen Raumgestaltung im Areal der Freudenbergunterführung entstand ein Freiraum für zeitgenössische Kunst. So passe das Jahreskulturprogramm 2020 „Kempten bewegt“ sehr gut zu dieser vierten Ausstellung der Projektreihe „Reflektarium, sagte Schäfer. „Vielfältige, eindrucksvolle Kunstwerke, die zu einmaligen Gedanken inspirieren, die ins neue Jahrzehnt mitgenommen werden.“ 

Ohne verschiedene Sponsoren wäre eine Verwirklichung nicht möglich gewesen, so die Vorsitzende von K-art-on e.V.. Für Sozialbau-Chef Herbert Singer war es gut angelegtes Geld. „Jeder Euro war mehr wie gut angelegt“, meinte er. Aus dem einst unwirtlichen Ort sei ein Areal mit einem ganz eigenen, neuen Duktus entstanden. 

Die Projektreihe „Reflektarium“ inszeniert Kunst, fordert auf, mit der eigenen Wahrnehmung spielerisch zu experimentieren und ermöglicht neue Perspektiven auf das Selbst als Individuum. Der Kunstraum mit seinen verspiegelten Räumen und Wänden eröffnet eine Welt mit einer Vielzahl visueller Reize. Der Betrachter tritt in Interaktion mit der Kunst, er nimmt sich selbst in unterschiedlichen Positionen und gleichzeitig vervielfacht von allen Seiten wahr. Durch die Spiegelung verändern sich auch die künstlerischen Arbeiten, sie verschmelzen ineinander und überschneiden sich, zudem treten sie in eine nonverbale Kommunikation mit dem geneigten Betrachter. 

Die Werkschau zeigt Installationen, die das Leitthema „Aufbruch“ in gesellschaftlichen, politischen und persönlichen Kontext widerspiegeln und zu den vielfältigsten Deutungen und Gedanken inspirieren. Die Künstlerin Traudl Gilbricht hat das Motto in zwei ganz unterschiedlichen Kunstwerken umgesetzt. „SICHTweise/ UMzug /AusFLUG“ – ein persönlicher Aufbruch, dargestellt durch drei Koffer mit unterschiedlichen Ausstattungen, Brillen und Schuhe symbolisieren eine Reise, Stuhl, Grundriss und Wecker stehen für Umzug und Friedenstauben für die innere Zufriedenheit, „der Frieden ist schon in Sichtweite, aber noch nicht da“, so Gilbricht.  In ihrer Installation „Volkes Wille“ – 30 Jahre Mauerfall setzt sie sich mit dem Aufbruch einer Gesellschaft – Menschen der damaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) – in die Freiheit, in eine unbekannte Welt, auseinander. „Der einzige Aufbruch, der so friedlich verlaufen ist, findet die Künstlerin. Bei der aus Aitrach stammenden Gastkünstlerin Lioba Abrell geht es in ihrem Werk „EfM“ – viele halbe Transparenthüllen, vergleichbar mit Eierschalen, um die Wandlungsprozesse der Menschen, verursacht durch Schicksalsschläge und Lebenswege mit Abzweigungen, die nach einem Neuanfang, einer Wiedergeburt verlangen. „Zurück bleiben die Schalen“, erklärt Abrell. 

Bernd Henkel kreierte die Installation „Die Öffnung“, eine mannshohe Säge verankert im Untergrund mit einer kreisrunden Markierung. Es stehe für Neugierde, etwas Neues entdecken, im Leben weiter vordringen, Dinge hinterfragen – eine persönliche und räumliche Öffnung. „Ein Aufbruch in die Tiefe mit persönlicher Reflektion“, sagt Henkel. Freie Gedanken, positive Gefühle und Verliebtsein inspirierten Bärbel Auer zu ihrem Werk „volare“. Es sei ein positiver Aufbruch, der mit Fliegen zu tun habe. 

Ganz anders die Rauminstallation von Eva-Caroline Dornach. Ihr Werk „Hof-nungslose Zeiten“ symbolisiere den Aufbruch verbunden mit kritischem Hinterfragen. Ein Foto mit einem abgebrannten Hof, gedruckt auf LKW-Plane und davor stehend ein grünes Kreuz. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem modernen Aufbruch der Umweltbewegungen und den damit verbundenen Folgen, wie Dornach meint. Das grüne Kreuz stehe für den Protest der Landwirte. „Nicht nur die Landwirte sollten in die Pflicht genommen werden“, erläutert sie weiter. Der Künstler Rene Nebas kreierte „Kokon“, eine Installation, die für Verwandlungsprozesse und Lebensphasen steht. 

Fotoarbeiten mit dem Titel „Jeder Aufbruch beginnt mit einem ersten Schritt“ ergänzten das alles mit allem interagierende Kunstwerk. Auch Barbara Wohlfahrt, Lis Schubert und Gerhard Weiß setzen eindrucksvolle Akzente zum Motto „Aufbruch“ mit ihren sehr individuell gestalteten Installationen. Mit schwungvoller Musik, passend zum Motto „Aufbruch“ begleiteten Eugenie Krause am Akkordeon und Hannes Natterer an der Gitarre die Vernissage. Die öffentliche Ausstellung „Aufbruch“ – „Kunst to go“ kann noch bis zum 28. März 2020 in der Freudenbergunterführung besichtigt werden. 

Christine Reder

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