"Da läuft heuer nichts mehr"

Über die Situation der Busbetriebe, Schwarzfahrer und eine ganz neue Konkurrenz

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Präsentieren die neue Trennscheibe zwischen Fahrer und Fahrgästen: (v.l.) Holger Streitle (Werkstattleiter Fa. Haslach), Helmut Berchtold, Martin Haslach, Thomas Kappler.

Kempten – „Kohlrabenschwarz. Zappenduster. Endzeitstimmung.“ So sieht Martin Haslach, Geschäftsführer der Haslach Bus GmbH die derzeitige Situation im Reisebusverkehr. Komplett kaputt sei die Branche und viele überlegen sich noch, ob sie ihr Geschäft überhaupt wieder hochfahren. Im März haben bei Haslach die letzten Busreisen stattgefunden, für die komplette Saison war das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt bereits ausgebucht. Doch mit Aufkommen des Virus, den folgenden Ausgangsbeschränkungen und den Absagen der Veranstaltungen, fiel der Unternehmer prompt in ein „doppeltes Loch“.

So forderten zum einen die Kunden ihr Geld zurück, gleichzeitig blieb er auf den Rückzahlungen von stornierten Hotels sitzen. 37 seiner Angestellten im Reiseverkehrsbetrieb musste der Unternehmer in Kurzarbeit schicken, dazu kamen Liquiditätsengpässe durch die Auszahlung der saisonal angefallenen Überstunden. Seit der Corona-Krise sieht der Allgäuer Busunternehmer keine Perspektive. Sogar über den Verkauf von Bussen hatte er nachgedacht, allerdings auch hier Fehlanzeige: derzeit kein Bedarf! Dass es den einen oder anderen Betrieb „lupft“, darüber ist sich Haslach sicher. Ob es ihn erwischt, weiß er noch nicht.

Obwohl er seit Ende Mai den Betrieb hätte wiederaufnehmen könnte, fragt Haslach sich, ob die Vorschriften im Reisebusverkehr überhaupt umsetzbar seien. So dürfen die Reiseveranstalter weder feste Gruppen noch Vereine fahren, lediglich Mitglieder eines Hausstandes dürfen zusammensitzen, zu den anderen Mitreisenden müssen 1,5 Meter Abstand gewahrt werden. Um jedoch kostendeckend zu fahren, brauche er mindestens 35 Fahrgäste im Bus; mit dieser Regelung nicht umsetzbar. Abgesehen davon, könne er „morgen nicht einfach wieder ins Piemont fahren“, sagt er. Um erneut Fahrt aufzunehmen, brauche der Reiseverkehr länger, dazu seien Planungen und Buchungen im Vorfeld nötig. Und was, wenn die Corona-Ampel in einem Landkreis auf „rot“ schalte, dann komme man weder rein noch raus. Und im schlimmsten Fall müsse man anschließend noch in Quarantäne, so Haslach. „Da setzt sich doch keiner in einen Bus!“ Doch alles Jammern hilft nichts, irgendwie geht es doch weiter. Gerade macht er den Hoteleinkauf für die kommende Wintersaison. Allerdings bucht er nur ohne Stornogebühren, damit wird das Risiko für ihn „kalkulierbarer“.

Auch bei Helmut Berchtold, Geschäftsführer von Berchtold Reisen, stehen seit Mitte März 15 Fahrzeuge abgemeldet auf dem Betriebshof und 20 seiner 70 Mitarbeiter befinden sich in Kurzarbeit. Auch er beschreibt die Situation im Reiseverkehrsbetrieb als „dramatisch“ und „höchst defizitär“. So würden jetzt gerade viele ältere Betriebsinhaber die Segel streichen, vor allem dann, wenn es an der Nachfolge fehle. Darüber macht sich Berchtold keine Sorgen, aber auch er weiß noch nicht, ob er das 100-jährige Betriebsjubiläum in vier Jahren erreichen wird. Doch als „Optimist vor dem Herrn“, wie er sagt, fährt er im Juli den Reisebusbetrieb wieder hoch. Um die geforderten Abstandsregeln in den Reisebussen einzuhalten, baut er aus zwei Doppeldeckerbussen über die Hälfte der Sitze aus und arrangiert sie abstandskonform. So finden in einem umgebauten Bus rund 36 Fahrgäste Platz, allerdings werde es damit auch schwierig, eine „schwarze Null“ zu fahren, sagt der Unternehmer. Letztendlich werde es mehrere Jahre dauern, um die Defizite der Krise aufzuarbeiten. 

Busse von Berchtold und Haslach fahren auch für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Dieser ist seit 2014 im Verkehrsverbund in der mona GmbH organisiert, zu der aktuell 13 Allgäuer Verkehrsbetriebe gehören. Sie kooperieren und bedienen die Buslinien im Nahverkehrsraum. Martin Haslach fungiert neben Herbert Beck (KVB) und Peter Gerke (Schweighart Reisen) in der Geschäftsleitung der mona GmbH, Helmut Berchtold ist stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. Seit der stufenweisen Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts nach den Osterferien fahren die mona-Verkehrsbetriebe wieder nach dem regulären Fahrplan, während des Lockdowns wurde nach dem Ferienfahrplan verkehrt. Ein Kapazitätsproblem beim ÖPNV gebe es derzeit nicht, meint Haslach. Gut die Hälfte der Schüler werde mit dem ÖPNV transportiert. Natürlich sei mehr Platz im Bus als sonst und es bestünde Maskenpflicht im Bus, allerdings sei die Abstandsregel von 1,5 Meter im ÖPNV hinfällig, da sie so nicht umgesetzt werden könne. Als ein anfängliches Hauptproblem nannte Haslach die Umsetzung der Abstandsregel an der Bushaltestelle: „Stellen Sie sich vor, da wollen 50 Schüler in den Bus einsteigen und alle stehen in 1,5 Meter Abstand zueinander. Das geht nicht!“

Zu Beginn der Corona-Krise sei die Angst bei den Fahrgästen dagewesen und viele seien aufs Fahrrad oder aufs Auto umgestiegen. „Die Fahrgastzahlen haben sich auf weniger als die Hälfte reduziert“, sagt Thomas Kappler der Kemptener Verkehrsbetriebe- und Beteiligungs GmbH & Co. KG (KVB), der Ende des Jahres in die Fußstapfen von Herbert Beck treten und die Betriebsleitung übernehmen wird. Wie viel weniger, das lässt sich nur schwer beziffern. Schließlich wird in den Bussen seit Ende März nicht mehr bar kassiert, da die Fahrer jetzt abgesperrt im vorderen Bereich sitzen. Dies ist vor allem den Verkehrsverbünden geschuldet, die so versuchen, den geforderten Abstand einzuhalten und ihre Fahrer vor einer Infektion zu schützen. Die Fahrgäste, die nunmehr im hinteren Busbereich einsteigen, werden nicht kontrolliert. Dadurch habe das „Schwarzfahren“ in den Bussen des ÖPNV Hochkonjunktur – ein Ärgernis, nicht nur für die Abokunden.

Hohe Defizite

„Wir haben ziemlich hohe Defizite. Im April hatten wir ein Drittel weniger Fahrgeldeinnahmen im Vergleich zum Vorjahr“, erklärt Kappler. Diese Ausfälle treffen die KVB, eine Tochtergesellschaft der Stadt Kempten, besonders hart. So hat die KVB die Konzession für die Buslinien der Stadt Kempten inne, besitzt aber weder eigene Fahrzeuge noch Fahrpersonal. Stattdessen bezahlt sie Subunternehmern wie Berchtold und Haslach festgelegte Vergütungen für die Bereitstellung und Ausführung dieser Leistungen. Es wurde darauf geachtet, dass es auch in Zeiten von Corona zu keinen Einschränkungen im Busverkehr gekommen wäre, sagt Kappler und unterstreicht die Wichtigkeit der Fahrgeldeinnahmen für das Unternehmen. Besonders hebt er die Gewissenhaftigkeit einiger Fahrgäste hervor, die sich manchmal sogar erst nach der Fahrt an der ZUM einen Fahrschein gekauft hätten. Abokunden, die dem Unternehmen derzeit die Stange hielten, seien wichtig. 

Doch seit 15. Juni wird wieder kassiert in den Bussen, dann sitzen die Busfahrer hinter Trennscheiben und verkaufen wieder Tickets. „Damit sind wir bayernweit mit unter den ersten, die nicht nur eine provisorische, sondern eine dauerhafte Lösung anbieten können“, sagt Kappler. So sei der Fahrer wie bei anderen Serviceplätzen von den Fahrgästen abgeschirmt, könne aber durch eine Aussparung kassieren. Problematisch bei dem Einbau der Trennscheiben sei vor allem die TÜV-Genehmigung dieser baulichen Änderung gewesen, die aus versicherungstechnischen Gründen erst zugelassen werden musste, sagt Haslach. 

Um einer eventuellen Ausbreitung des Virus entgegenzuwirken, sind die Fahrer angehalten, häufig zu lüften. Und auch das Reinigungsteam wurde aufgestockt, allerdings hätten viele der Reinigungsfeen „schon gar keine Haut mehr auf den Fingern.“ Seit Kurzem gibt es auch die Möglichkeit im mona-Gebiet über die e-Ticketing-App „VVM/mona Ticket“ bequem vom Smartphone aus Fahrscheine zu erwerben. Die Bezahlung der Tickets erfolgt bargeldlos über Visa, Mastercard, SEPA-Lastschrift oder PayPal. Die Einführung der App wäre ein kaum beworbener sogenannter „Silent Launch“ gewesen, sagt Haslach. Letztendlich hätten noch Tarifdaten gefehlt, um sie publik zu machen. In Kempten und im nördlichen Oberallgäu funktioniert die App bereits und wird auch genutzt. Im GooglePlaystore und im App Store kann sie kostenlos heruntergeladen werden. Doch Haslach sieht bereits in der Ferne, wie sich aus der Krise eine neue Konkurrenz zum ÖPNV entwickelt: das E-Bike. So wären die U-Bahnstationen in Rom bereits jetzt schon halbleer und der E-Bike Verkehr habe enorm zugenommen. Das E-Bike – eine Konkurrenz auch für den ÖPNV im Allgäu?

Tamara Lehmann

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