Über den Tellerrand hinaus

Vor 225 Jahren wurde der Gemeinde Lindenberg das Marktrecht verliehen. Am 21. Juli 1784 unterzeichnete Kaiser Franz Josef II in Wien die Urkunde und versah sie mit dem kaiserlichen Siegel. Das Pergamentpapier verbriefte für die Lindenberger Bürger das Recht, künftig drei Viehmärkte pro Jahr abzuhalten. Es war ein Meilenstein in der Stadtgeschichte, denn mit der Verleihung des Marktrechtes setzte für die Gemeinde eine Zeit wirtschaftlicher Prosperität ein. Mit einem dreitägigen Festprogramm erinnerte die Stadt Lindenberg am Wochenende an dieses geschichtsträchtige Ereignis.

Zum Festakt am vergangenen Samstag waren Bürger und Gäste eingeladen. Im voll besetzten Löwensaal lenkte Bürgermeister Johann Zeh den Blick auf eine enorm dynamische Entwicklung. „Seit der Markterhebung hat sich Lindenberg vom ärmlichen Dörflein zur Stadt mit mehr als 11000 Einwohnern entwickelt.“ Waren im 18. Jahrhundert noch Pferdehandel und Hutindustrie die wirtschaftlichen Grundlagen, so sind es heute moderne Industrie- und Produktionsbetriebe, die über 5000 Arbeitsplätze vorhalten. Menschen finden dort ihre Heimat und lassen sich nieder, wo sie auch Zukunftschancen haben. Heimat und Zukunft, sagte Zeh, das sei für Lindenberg nicht nur ein Motto, vielmehr sei es eine ganz wesentliche Grundlage der Stadtentwicklung. „Im Zeitalter der Globalisierung sind wir scheinbar überall zuhause.“ Mit diesen Worten warf er ein Schlaglicht auf die Schattenseiten der weltweiten wirtschaftlichen Verflechtung. Doch Zeh war sich sicher: „Lindenberg hat Tradition, Lindenberg hat Zukunft“. Positive Entwicklung Dem pflichtete auch Regierungspräsident Karl-Michael Scheufele bei. Die Entwicklung der letzten Jahre sei überaus positiv gewesen. „Wir sind Partner der Gemeinden“, sagte der Regierungspräsident. Vor dem Hintergrund des aktuellen wirtschaftlichen Geschehens stellte er aber gleichzeitig fest: „Es gibt eine Pflicht zur Zuversicht für jeden einzelnen in dieser kritischen Situation.“ Das Marktrecht, das vor 225 Jahren ein Beweis für Eigenständigkeit und Bürgerstolz gewesen sei, könne man heute mit dem Prinzip der Subsidiarität übersetzen. Subsidiarität stellt eigenverantwortliches Handeln vor staatliches Handeln. Das eigenverantwortliche Handeln haben die Lindenberger – im wahrsten Sinne des Wortes – schon immer beherzigt. „Es ist erstaunlich, wie früh Lindenberg über den Tellerrand hinausgeblickt hat“, sagte Barbara Krämer-Kubas, die stellvertretende Landrätin. So hätten die Lindenberger früh die Chancen des Pferdehandels entdeckt und ihre Geschäftbeziehungen vom Norden Deutschlands bis nach Italien ausgebaut. Diese Pferdehändler waren es auch, die die Kunst des Strohhutflechtens aus Italien nach Lindenberg brachten. Damit legten sie den Grundstein für den Aufbau eines neuen Wirtschaftszweiges. So konnte sich Lindenberg zur Perle des Westallgäus entwickeln und darauf könne man heute mit Stolz zurückblicken. Schon immer sei es so gewesen, dass einzelne den Anstoß gaben und für Innovationen sorgten, die dann durch die Allgemeinheit mitgetragen wurden. „Das ist die Zukunft, auch heute noch“, sagte Krämer-Kubas. „Märkte bringen Erzeuger und Verbraucher sowohl räumlich als auch zeitlich zusammen“, so einfach und treffend beschrieb Stadtarchivar Günter Fichter die Bedeutung der Markterhebung für die Gemeinde Lindenberg. Ende des 18. Jahrhunderts war dort bereits Aufschwung und ein gewisser Wohlstand eingekehrt. Zwischen 1740 und 1780 hatte sich die Einwohnerzahl der Gemeinde verdoppelt und die Verleihung des Kaiserlichen Marktrechtes war ein weiterer Stützpfeiler für diesen Aufschwung. Erst funktionierende Märkte ermöglichen Geschäftsabschlüsse und sorgen – damals wie heute – für Wachstum und eine positive wirtschaftliche Entwicklung. Buntes Historenspiel Von der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 857 über die Verleihung des Marktrechtes bis hin zur Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1914 zeichnete Fichter in seinem Vortrag die Marksteine der über 1150-jährigen Stadtgeschichte auf. Aus seiner Feder stammt auch das Historienspiel mit dem das Lindenberger Volkstheater, unter der Regie von Bärbel Sinds, die Besucher des Festaktes in die Kaiserzeit vor 225 Jahren entführte. Die prachtvolle Urkunde, die damals wohl durch berittene Boten nach Lindenberg gebracht wurde, war beim anschließenden Umtrunk im Rahmen einer kleinen Ausstellung im Foyer des Löwensaals zu sehen. Und natürlich hielten die Lindenberger am Samstag auch einen Markt ab. Der Stadtplatz gehörte den regionalen Erzeugerbetrieben, die mit Obst, Gemüse, Wein, Brot und Käse die Vielfalt und den Reichtum der Region zwischen Alpen und Bodensee eindrucksvoll unter Beweis stellten.

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