Braucht's den neuen Mast?

Ergebnisse vorgestellt

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Hans Ulrich-Raithel (vorne rechts mit Mikro) berücksichtigte in seinen Ausführungen nicht nur die Ergebnisse seines Gutachtens, sondern auch den Stand der Forschung in Sachen Gesundheitsschäden durch Funkstrahlung sowie die Möglichkeiten der Risikominimierung.

Haldenwang/Börwang – Seit Monaten wird in Haldenwang und Börwang über Sinn und Nutzen des geplanten neuen Mobilfunkmasts diskutiert, der auf einer Anhöhe nordöstlich von Börwang errichtet werden soll.

Jetzt legte das von der Gemeinde beauftragte Umweltinstitut München e.V. der Öffentlichkeit die Ergebnisse eines Gutachtens vor, in dem die zu erwartende Strahlenbelastung an verschiedenen Alternativstandorten berechnet wurde.

Kurz zur Vorgeschichte: Im April wurden die bei einigen Anwohnern aufgrund gesundheitlicher Bedenken umstrittenen Mobilfunkantennen auf einem landwirtschaftlichen Anwesen in Vorderkindberg abgeschaltet. Die Deutsche Funkturm GmbH beantragte daraufhin im Auftrag der Telekom die Errichtung eines Stahlgittermastes in einem rund 300 Meter von Börwang entfernten Waldgebiet. Der Gemeinderat gab hierfür grünes Licht. Seit sich aber gezeigt hat, dass die telefonische Mobilfunkversorgung im Ort keineswegs zusammengebrochen ist (wobei die Datenübertragung via UMTS allerdings stark eingeschränkt ist), flammte die Diskussion über die Notwendigkeit eines neuen Mastes erneut auf. Die Gemeinde gab daher die Studie in Auftrag, bei der verschiedene Standortvarianten und der von ihnen zu erwartende Nutzen sowie die Strahlenbelastung berechnet wurden. Zudem wurden die Angaben der Telekom einer Plausibilitätsprüfung unterzogen. Diese beantwortet, auf gut Deutsch, die Frage: „Braucht´s den neuen Mast überhaupt?“

Dass die Mobilfunkversorgung nach wie vor gegeben ist, liegt an der Tatsache, dass Börwang derzeit durch Sendeanlagen aus Kempten, Wildpolds- ried sowie vom Dach der Maha mitversorgt wird. Dies führt zwar dazu, dass die Börwanger durch die größere Entfernung geringeren Immissionen von außen ausgesetzt sind, dafür sorgen aber die Endgeräte selbst für eine hohe Bestrahlung. Denn diese sind in der jetzigen Situation ununterbrochen auf der Suche nach einem geeigneten Sender und laufen somit ständig auf Voll-Last, wie sowohl Frank-Peter Käßler, der Kommunalbeauftragte der Telekom Bayern, als auch Dipl.- Ing. Hans Ulrich-Raithel vom Umweltinstitut erläuterten. Insofern würde ein näher gelegener, optimal platzierter Sender neben einer besseren Mobilfunkversorgung auch eine im Vergleich zu jetzt geringere Strahlenbelastung mit sich bringen.

Plätze untersucht

Zur Ermittlung des optimalen Standortes hatte das Umweltinstitut verschiedene infrage kommende Plätze untersucht. Dazu gehörte neben dem bereits beantragten Standort auch ein etwas weiter entfernter Waldstandort. Außerdem geprüft wurde die Installation einer Sendeanlage unterhalb der Rotorblätter eines Windrads, auf einem Hochspannungsmast westlich von Haldenwang, auf dem Dach des Feuerwehrhauses sowie seitlich an dessen Schlauchturm. Die letzten beiden Varianten würden aufgrund der zentralen Dorflage und der geringen Höhe der Anlagen die höchste Strahlenbelastung für die Bevölkerung mit sich bringen, so Ulrich-Raithel. „Im Hinblick darauf, was für die Gemeinde juristisch durchsetzbar ist, ist der von der Telekom beantragte Standort auf der Anhöhe nördlich von Börwang tatsächlich der geeignetste. Hier sind die Möglichkeiten der Immissionsminimierung optimal ausgeschöpft“, so sein Fazit. Auf Nachfrage ergänzte er: „Das heißt nicht, dass diese Werte notwendiger Weise gesund sind. Aber ich bin kein Mediziner.“

Ausgehend von einer andauernden Voll-Auslastung der Senderkapazität (die laut Käßler in der Realität außer an Silvester nicht gegeben ist) wäre rechnerisch bei einigen exponierten Gebäuden eine maximale Strahlenbelastung von zirka 0,5 V/m zu erwarten. Dies entspräche einem Bruchteil des (im internationalen Vergleich relativ hohen) deutschen Grenzwerts von 41 V/m. Bei einer eventuellen zukünftigen Bestückung des neuen Masts mit zwei oder drei weiteren Antennen läge die Befeldung im Bereich von bis zu 1V/m. Zum Vergleich: Schnurlostelefone oder W-LAN führen in 1,5 Meter Abstand zu Immissionen von 1-2 V/m.

Im Hinblick auf die wiederholt auftauchenden Fragen nach der Gesundheitsgefährdung betonte Ulrich-Raithel, zahlreiche Studien würden stark auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung (auch unterhalb der Grenzwerte) und Gesundheitsschäden hindeuten. Dies sei jedoch derzeit noch nicht zweifelsfrei wissenschaftlich nachweisbar und somit nicht anerkannt. Auf die Frage aus dem Publikum, ob die Interessen der Industrie etwa vor der Gesundheit der Bevölkerung stünden – im Bereich der alten Sendeanlage in Kindberg seien auffällig viele Menschen schwer erkrankt – sagte Gemeinderätin Christine Rietzler, natürlich gehe die Gesundheit vor, doch seien der Gemeinde die Hände gebunden. „Handymasten sind laut Gesetz privilegiert. Wir können zwar dagegen stimmen, aber das Landratsamt würde aufgrund der Gesetzeslage diese Entscheidung revidieren.“

Frank-Peter Käßler, dessen Ausführungen von den Zuhörern mit merklicher Skepsis aufgenommen wurden, erklärte, das öffentliche Interesse an einer ständigen Erreichbarkeit via Mobilfunk sei in den letzten Jahren stark gestiegen. „Jeder Bundesbürger besitzt heute statistisch gesehen 1,5 mobile Endgeräte“. Diesem Umstand müsse die Telekom als Dienstleistungsunternehmen Rechnung tragen. Eine Erweiterung am beantragten Standort sei nötig, „sonst brechen die Netze irgendwann zusammen. Man gibt nicht, wie hier, einen mittleren sechsstelligen Betrag aus, wenn kein Bedarf da ist.“ Es liege in der Eigenverantwortung der Nutzer, sich mit Vorsichtsmaßnahmen bei der Handynutzung auseinanderzusetzen. Diesem Appell schloss sich Ulrich-Raithel an: „Jeder sollte selbst Vorsorge trieben, um unnötige Strahlenbelastung zu vermeiden.“ Sehr viel Strahlung im Eigenheim könne vermieden werden, wenn Schnurlos-Anwendungen durch die Verlegung von Netzwerk-, Fernseh- und Telefonkabel in jedem Raum umgangen würden.

Robert Schatz aus Börwang lobte die sachliche Darstellung der Informationen. „Wenn man bereits im Vorfeld in dieser Transparenz an die Bevölkerung herangetreten wäre, hätte man sich viel Aufruhr und Unfrieden sparen können.“ Das 19-seitige Immissionsgutachten kann unter www.haldenwang.de heruntergeladen werden.

Sabine Stodal

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