Auf dem Weg zur Unabhängigkeit

Rennergy-Chef Alfons Renn (v.l.), AÜW-Geschäftsführer Michael Lucke, Dr. Wolfgang Seliger und die Abgeordnete Bärbel Kofler diskutieren über alternative Energien. Foto: Kampfrath

Ob Lampe, Heizung oder Computer: kaum etwas läuft ohne Strom. Ein Einpersonenhaushalt hat im Schnitt einen Energieverbrauch von 1600 Kilowattstunden pro Jahr. Menschen in Industrieländern sind abhängig vom Strom. Vertreter aus Politik und Wirtschaft diskutierten daher am vorvergangenen Dienstagabend darüber, wie das Allgäu autark bei der Energieversorgung werden kann.

Das Allgäu solle auf erneuerbare Energien setzen. Das verdeutlichte Ludwig Wörner, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag. „Wir können die Scheiche nicht weiterhin reich machen, müssen an unseren Geldbeutel denken und das Klima schützen.“ Deswegen solle man weg von den alten Energien hin zu den erneuerbaren. „Die Energieberatung sollte finanzielle gestärkt werden“, meinte der Landtagsabgeordnete. Die Steigerung der Energieeffizienz sieht Wörner etwas kritisch. „Wenn die Herstellung des Geräts mehr Energie verbraucht, bringt es nichts.“ In Bayern sei der Anteil der regenerativen Energien ohnehin schon relativ hoch. Aber es gebe noch Verbesserungsbedarf. Aus Wasserkraftanlagen könne man 15 bis 20 Prozent mehr Energie herausholen. Eine der „interessantesten Geschichten überhaupt“ sei Biogas. „Wenn Sie es erzeugen und ins Wärmenetz einspeisen, dann haben Sie im Gegensatz zur Fernwärme keinen Wärmeverlust.“ Biogas diene auch zur Stromerzeugung. „Und Sie können damit sogar Ihr Auto betanken, wenn das Fahrzeug entsprechend ausgerüstet ist.“ Gegenüber Elektroautos zeigte sich Wörner kritisch. „Die großen Akkus müssen nach fünf Jahren entsorgt werden.“ Er sprach sich für die Speicherung von Energien aus. Der Oberbayer kritisierte die Grünen, die gegen die Errichtung von Pumpspeicherkraftwerken protestieren. Diese dienen der Speicherung von Energien durch Hochpumpen von Wasser. Laut Wörner sei es nur die halbe Wahrheit, dass regenerative Energien bei der Einspeisung ins Stromnetz Vorrang haben. Der Kernenergie erteilte er eine klare Absage. „Restrisiko bei Atomkraft kann, wenn es schief läuft, Tod bedeuten.“ Der Moderator Dr. Paul Wengert fragte, wie realistisch sie das Ziel eines energieautarken Allgäus einschätzen. „Die fossilen Energien gehen zu Ende“, stellte Alfons Renn, Vorstandsvorsitzender der Rennergy Systems AG, fest. Man solle aber nicht nur an den Strom, sondern auch an die Wärme denken. Sein Buchenberger Unternehmen habe schon einen großen Anteil geleistet. „Wir haben einen Weiler energieautark gemacht. Die 19 ehemaligen Bauernhöfe heizen mit Hackschnitzeln und haben eine Solaranlage auf dem Dach.“ Ehrgeizige Ziele Dr. Wolfgang Seeliger, Leiter der Konzernentwicklung der Centrotherm photovoltaics AG, hält das Ziel eines energieautarken Allgäus für realistisch. Er sprach sich für Kombikraftwerke aus, deren Funktionsweise er erklärte Drei Kraftanlagen erzeugen dabei Strom durch Wind und speisen ihn in das Netz ein. Wird gerade wenig Strom gebraucht, erzeugt die Windenergie durch elektrolytische Spaltung des Wassers Wasserstoff. Weht nur wenig Wind, pumpt das Werk den Wasserstoff zusammen mit Biogas in Blockheizkraftwerke und verbrennt die beiden Stoff. Ein Generator gewinnt daraus neuen Strom. Mit einem Kombikraftwerk käme man auf einen Strompreis von 70 Euro pro Megawattstunde, was natürlich noch zu hoch sei. Der Geschäftsführer des Allgäuer Überlandwerks (AÜW), Michael Lucke, sagte, man müsse sich ehrgeizige Ziele setzen. „Wir glauben im AÜW daran, dass wir vernünftige Zeitkorridore für unsere Ziele setzen. Wir glauben an intelligente Netze und an intelligente Steuerung.“ Die Gemeinde Wildpoldsried sei bereits energieautark. Durch Förderungen und andere Maßnahmen könne die Politik Rahmenbedingungen schaffen, sagte Dr. Bärbel Kofler, stellvertretende entwicklungspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. Ihre Partei habe mit dem erneuerbare Energiegesetz (EEG) und dem Wärmegesetz Grundlagen geschaffen. „Wir müssen noch passende Instrumentarien entwickeln.“ Der Ausstieg aus dem Atomausstieg der schwarz-gelben Bundesregierung sei Blockadepolitik. Laut Michael Lucke sind Wind- und Solarenergie im Allgäu stark ausbaufähig, die Wasserkraft hingegen kaum. Das habe die Peesa-Studie des AÜW gezeigt. Alfons Renn kritisierte, dass in der Politik keine Verlässlichkeit gegeben sei. „Die Kürzung der Förderung bei Solarenergie ist Betrug am Bürger.“ Wengert wollte wissen, wie die deutsche Fotovoltaikentwicklung im weltweiten Vergleich dastehe. „Wir haben 20 Jahre Entwicklungsarbeit in die Fotovoltaik gesteckt und sind weltweit führend bei der Massenproduktion“, antwortete Dr. Wolfgang Seeliger. Doch der Wettbewerb finde jetzt hauptsächlich in China statt. Er rechne mit einer Reduzierung von sechs bis acht Prozent im Jahr bei den Herstellungskosten. „Es ist ein Mythos, dass die Strompreiserhöhung durch den Anstieg der EEG-Umlage kommt“, so der Elektrochemiker. Die Handwerker, die Solarzellen auf Dächer bauen, bemerkten laut Dr. Bärbel Kofler die Einbrüche bei der Förderung von Sonnenenergie besonders. Da das Thema so umfangreich sei, kündigte Dr. Paul Wengert an, dass es weitere Energiekonferenzen geben werde.

Meistgelesen

Erlebnistag im Grünen Zentrum
Erlebnistag im Grünen Zentrum
Eröffnung der "MangBox" in Kempten
Eröffnung der "MangBox" in Kempten
Stadtgeschichte: Die Kemptener Illerbrücken im Wandel der Zeit Teil 2
Stadtgeschichte: Die Kemptener Illerbrücken im Wandel der Zeit Teil 2
Langjähriger Leiter der Arbeitsagentur offiziell verabschiedet
Langjähriger Leiter der Arbeitsagentur offiziell verabschiedet

Kommentare