"Uneingeschränkte Information"

Aufgebrachte E-mails machen die Runde, entrüstete Faxe werden verschickt und in Todesanzeigen unzweideutige Vorwürfe erhoben. Kein Zweifel – unter den heimischen Medizinern brodelt es. Im Zusammenhang mit dem Selbstmord eines Kemptener Anästhesisten sprechen sie von einer „abscheulichen Intrige“ oder „der systematischen Zerstörung und Demontage“ ihres Kollegen. Im Zentrum der Kritik steht die Leitung des Kemptener Klinikums um Geschäftsführer Michael Schuler. Der hatte dem Arzt vor vier Monaten nach einem Zwischenfall bei der Operationsvorbereitung eines Kleinkindes den Kooperationsvertrag fristlos gekündigt. Doch ein differenzierter Blick auf die Ereignisse lohnt sich durchaus.

Nach dem Freitod des Anästhesisten, der seit 2007 im Rahmen eines Kooperationsvertrages sowohl für niedergelassene Ärzte als auch für Krankenhausmediziner im Ambulanten OP-Zentrum des Krankenhauses die Narkose vornahm, erheben heimische Ärzte schwere Vorwürfe gegen die Klinikleitung. So hält beispielsweise der frühere stellvertretende ärztliche Direktor, Dr. Reinhold Mayer, die Vorwürfe gegen den Arzt „bei Weitem nicht ausreichend, um eine fristlose Kündigung zu rechtfertigen.“ Dem Narkose-Arzt war vor vier Monaten von Geschäftsführer Michael Schuler gekündigt worden. Zuvor soll es bei der Operationsvorbereitung eines Kleinkindes zu Komplikationen gekommen sein. Angeblich soll das Kind blau angelaufen sein. Die ambulante Operation habe kurz darauf aber normal fortgesetzt werden können, da sich das Kind schnell erholt habe. Standeskollegen des Verstorbenen werfen der Klinik-Leitung um Schuler nun vor, dem Anästhesisten ohne ärztliches Gutachten und voreilig fristlos gekündigt zu haben. Im Gespräch mit dem KREISBOTE wollte Schuler auf die Gründe der fristlosen Kündigung nicht eingehen. „Wir wollen dem Ansehen des Arztes nicht schaden“, sagte er. Allerdings bestätigte er, dass er kein ärztliches Gutachten eingeholt habe, sondern sich mit einem medizinischen Fachjuristen abgestimmt habe. „Das war ein Fachanwalt“, betonte er. „Manchmal sind Entscheidungen zu treffen, für die man einen Juristen braucht“, sagte er. Warum aber kein ärztliches Gutachten eingeholt worden sei, dazu äußerte sich Schuler ebenfalls nicht. Gleichzeitig kündigte er an, einen Gutachter von der Bayerischen Landesärztekammer einzuschalten. Dieses Gutachten solle mit Hilfe eines Mediators als Gesprächsgrundlage mit den aufgebrachten Medizinern herangezogen werden, zu denen er den Dialog suchen wolle. „Wir sind an einer vertrauensvollen Zusammenarbeit natürlich interessiert – deshalb das Gutachten“, erklärte der Geschäftsführer. „Wir wollen das Vertrauen zurück gewinnen.“ Ob sich die Wogen dadurch glätten lassen, bleibt zunächst abzuwarten – die Wut unter einem Teil der heimischen Mediziner scheint zu groß zu sein. So hatte bereits Dr. Mayer öffentlich gefordert, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Der Ehrenvorsitzende des Ärztlichen Kreisverbandes, Dr. Joachim Haas, sprach in seiner Trauerrede von einer „Kampagene“. „Intrigen, die wohl zum politischen Handwerkszeug, aber nicht zu seinem Lebensbild passten, war er nicht gewachsen“, sagte er. Auch in Rundfaxen und Traueranzeigen ist häufig die Rede von „Intrigen“, „gezielter Kampagne“ oder „systematischer Demontage“. Gründe seien der hohe Konkurrenz- und Kostendruck im Gesundheitsgewerbe, so die Vermutungen. Hinter vorgehaltener Hand werden manche sogar noch deutlicher: „Die wollten ihn loswerden“, sagte einer. Dem widersprach Schuler am Freitag gegenüber dem KREISBOTE allerdings vehement: „Es gab keine systematische Kampagne – das stimmt nicht“, sagte er. Auch eine Überwachung des Arztes, mit dem Ziel, ihm arbeitsrechtliche Verfehlungen nachzuweisen, habe es entgegen mancher Gerüchte nicht gegeben und sei auch gar nicht machbar gewesen, da der Tote kein Angestellter des Krankenhauses gewesen sei. "Gesichtswahrende Lösung" Derzeit noch unklar ist die Rolle des medizinischen Fachhändlers Alfred K. aus dem nördlichen Landkreis. Glaubt man dem ein oder anderen Beteiligten, soll er „ein Hauptakteur in dieser Kampagne“ sein. Nach Angaben von Schuler hatte der Medizinfachhändler als Dienstleister einen Kooperationsvertrag mit dem Verstorbenen und vor allem medizinisches Material aber auch Personal zur Verfügung gestellt. Am 21. Juli habe K. allerdings schriftlich mitgeteilt, dass er nicht mehr mit dem OP-Zentrum zusammen arbeite, berichtete Schuler. K. selbst wollte sich auf Anfrage des KREISBOTE nicht zu dem Thema äußern. Erst zum gegebenen Zeitpunkt werde er reden, kündigte er am Montag an. Kurz nach der Kündigung soll dem Anästhesisten doch wieder die Arbeit im ambulanten OP-Zentrum angeboten worden sein. Entsprechende Informationen bestätigte Schuler am Freitag. Die Kündigung habe sich zunächst zwar auf den gemeinsamen Kooperations- und Nutzungsvertrag bezogen, erklärte er. Später habe er dem Mediziner aber wieder einen „gesichtswahrenden“ Nutzungsvertrag angeboten. Das heißt, dass der Arzt wieder im OP-Zentrum tätig sein durfte, aber eben nur noch für niedergelassene Ärzte. Doch dazu kam es nicht mehr. Am Montag hat sich der Aufsichtsrat unter dem Vorsitz von OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) mit den Vorfällen im OP-Zentrum beschäftigt. „Es geht um die uneingeschränkte Information des Aufsichtsrats“, bestätigte Netzer im Vorfeld der Sitzung entsprechende Informationen des KREISBOTE. Personelle Entscheidungen stünden jedoch nicht an, betonte er. Parallel dazu sollen die Vorkommnisse mit Hilfe eines ärztlichen und eines juristischen Gutachtens aufgearbeitet werden. „Es ist uns ganz ganz stark daran gelegen, ein gutes Verhältnis zu den niedergelassenen Ärzten, Belegärzten und zu allen, die dort arbeiten, zu haben“, betonte er.

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