Der gute Ton von Austria

Unerwartet lohnendes Sonntagabendprogramm beim siebten Meisterkonzert

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Kempten – Am vergangenen Sonntag fand im Stadttheater das siebte Meisterkonzert dieser Spielzeit statt, allerdings fragte man sich beim Eintritt in die heiligen Hallen, ob es zu dieser frühen Abendstunde und bei diesen mehr als frühlingshaften Temperaturen nicht Besseres zu tun gäbe, als ein Kammerkonzert zu besuchen.

In der Einführung vor dem Konzert bekam man zunächst eine Erklärung für die buntgewürfelt erscheinende Programmzusammenstellung aus einem sehr bekannten Komponisten (Mozart) und drei mehr oder weniger unbekannten (Walter Rabl, Josef Labor, Werner Pirchner), zu denen sich später bei der satzlangen Zugabe ein vierter fast ebenso unbekannter gesellte (Franz Schmid): Es hatte mit den weitreichenden Kontakten des Programmorganisators Dr. Franz Tröger in der klassischen Musikszene und seinem Geburtstag an diesem Abend zu tun. 

Der Pianist des auftretenden Eggner Trios Christoph Eggner steuerte einige launige Erläuterungen zur Einführung bei und spätestens jetzt wurde man auf die Beobachtung gestoßen, dass man einen österreichischen Abend erwarten durfte. Österreichische Musiker spielen österreichische Komponisten (wenn man einmal die Französin Lise Berthaud an der Viola als Ausnahme von der Regel gelten lässt, die sich aber so perfekt in das Spiel ihrer Kollegen einfügte, dass man annehmen konnte, dass unsere südlichen Nachbarn in irgendeiner Ahnenlinie bei ihr vorkommen).

Österreich verheißt ja per se nichts Schlechtes, schon gar nicht in der Welt der Musik und bei der von Christoph Eggner auf den Punkt gebrachten Erkenntnis, dass österreichische E-Musiker viel offener und entspannter mit Grenz- und Genreüberschreitungen umgehen (Beispiel Gulda, Brendel und eben Pirchner) als deutsche Kollegen, wo so etwas praktisch nicht vorkommt (entweder man ist Klassiker oder Jazzer, beides geht nicht zusammen, höchstens in der Trennung von Beruf und Hobby).

Die Erwartung von Extravaganz und Schrägheit keimte beim Zuhörer auf, als unterhaltsame Entschädigung für den frühabendlichen Besuch eines Konzerts, in dem – wenn schon, denn schon – dann doch nur ein Mozart auf dem Programm stand. Aber man hätte bereits hellhörig werden können, als Eggner etwas vom Anspruch seines Trios als musikalische Grenzgänger erwähnte, die jedoch ihrem Publikum keinen Schönberg zumuten würden.

Lieben Sie Brahms? Dann war mit Walter Rabls Quartett in Es-Dur Nr. 1 ein guter Einstieg ins Konzert gemacht. Es erinnert sehr an Brahms‘ Klarinettentrio op. 114 von 1891 und nicht umsonst wurde es 1896 bei einem Wettbewerb des Wiener Tonkünstlervereins von Meister Brahms persönlich als bester Beitrag zur Kenntnis genommen. Trotz des jugendlichen Alters von 23 Jahren hat Walter Rabl ein sehr reifes und in sich stimmiges Werk – aber eben doch im Fahrwasser seines großen Vorbilds – geschrieben. Noch mehr als das Stück selbst gefiel die Art, wie es vom Eggner Trio zusammen mit Matthias Schorn an der Klarinette vorgetragen wurde. Vier Musiker, die sich blind verstanden, die konzentriert, engagiert und voller Freude über die Musik spielten.

Beim Quintett in D-Dur op.11 von Josef Labor ergab sich ein ähnliches Bild mit dem kleinen Unterschied, dass die etwas zurückhaltendere Tonsprache von Rabls musikalischem Zeitgenossen Labor es noch nötiger hatte, von so gut harmonierenden Musikern, diesmal kongenial verstärkt durch Lise Berthaud an der Viola, zum Leben erweckt zu werden. 

Besondere Erwähnung verdient dabei Eggner am Flügel, der mit einem außerordentlich feinen und sensiblen Anschlag zum gemeinsamen Klang beitrug. Wie sich zeigte, konnte auch ein so bekanntes Werk wie Mozarts Klavierquartett in Es-Dur KV 493 in den Händen der Eggner-Brüder und von Lise Berthaud in frischem Glanz erstrahlen. Vor nicht ganz einem Jahr hatten vier ebenfalls erprobte Musiker, die aber keinerlei gemeinsame Spielpraxis hatten, genau dieses Mozartwerk ziemlich fad und glanzlos über die gleiche Bühne gebracht.

Wo aber blieb nun das Schräge und Extravagante? Was war mit dem Jazzer, Quertreiber und Alpen-Zappa Werner Pirchner? Sein Klaviertrio Nr. 3 von 1997 nach der Pause war trotz der ausgefallenen Satztitel ein schönes und eingängiges Stück Musik, das an keiner Stelle die Grenzen der Hörgewohnheiten des Kemptener Publikums überschritt, es war unexzentrisch diatonisch angelegt, aber trotzdem spannend, einfach und klar und dennoch tiefgründig, voller Melancholie und doch dem Leben zugewandt. 

Sein Schöpfer war, auch wenn dessen Vita diesen Anschein geben mag, kein Revoluzzer, sondern ein fleißiger und umfassend – auch politisch – interessierter Musiker, der seinen Ärger über die Ungerechtigkeit und Gedankenlosigkeit der Welt in schrulligen Eingebungen kundtat (zum Beispiel durch das vorgeschriebene Werfen einer Knoblauchknolle auf die Klaviersaiten oder das gemeinsame Pusten auf die Instrumente). Noch weniger verrückt, dafür klassisch gut – das kann man abschließend festhalten – zeigten sich die Musiker dieses Abends. Das Eggner Trio zusammen mit Lise Berthaud und Matthias Schorn bildeten ein hervorragend aufeinander abgestimmtes Musikerteam, jeder für sich ein Könner auf seinem Instrument, zusammen aber so gut, dass selbst weniger beachtete Komponisten der Musikgeschichte in schönem Glanz erstrahlten.

Jürgen Kus

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