Gestern, heute, morgen

Ungarn: Über Land und Leute spricht Ingmar Niemann

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Paprika, Piroschka, Puszta und Patrioten. Was ist dran an unserem Ungarnbild? Ingmar Niemann stellte sein Bild von Ungarn vor.

Kempten – Kommt die Rede auf Ungarn, denken viele an Paprika, Piroschka und Puszta. In jüngster Zeit aber machen sich viele Menschen Gedanken über den politischen Weg, den Ungarn unter Ministerpräsident Victor Orbán mit seiner Fidesz-Partei eingeschlagen hat.

Schwer einzuordnen scheint der Weg Ungarns in Europa. Einerseits ist das Land Maueröffner für ostdeutsche Flüchtlinge, die über Ungarn 1989 in den Westen gelangten, andererseits unnachgiebiges Bollwerk, wenn es darum geht, Flüchtlinge aus dem Orient von ihrem Weg nach Mitteleuropa abzuschrecken. Licht ins Dunkel bringen wollte am vergangenen Mittwoch Abend Dipl. Sc. Pol. Univ. M.A. Ingmar Niemann mit seinem Vortrag „Ungarn, gestern – heute – morgen“. Niemann sprach auf Einladung von Lajos Fischer, dem Geschäftsführer des Haus International. Referent Ingmar Niemann ist neben der Hochschule Kempten auch an der Budapest Business University als Dozent tätig. Zwei Monate des Jahres hält sich der Experte für internationale Politik in Ungarns Hauptstadt auf. Lajos Fischer ist gebürtiger Ungar aus Kemptens Partnerstadt Sopron. Anwesend waren also zwei ausgesprochene Kenner des Landes. 

Kriegerisches Reitervolk Niemann lieferte zuerst eine Abriss der ungarischen Historie. Das heutige Volk der Ungarn geht zurück auf den Stamm der Magyaren, eines Reitervolkes, das im Zuge der Völkerwanderung von Zentralasien kommend in die pannonische Tiefebene einwanderte, dort sesshaft wurde, aber zugleich unzählige Raubzüge nach Westeuropa unternahm. Erst in der Schlacht auf dem Lechfeld im Jahre 955 nach Christus schlug eine Allianz aus Bayern, Schwaben, Franken und Sachsen unter König Otto I. die gefürchteten Reiterhorden vom Balkan, was zu deren Sesshaftigkeit und Christianisierung im pannonischen Becken führte. Dabei zeigten sich die Ungarn in der Folge als durchaus fortschrittlich. Die Bulle von 1222, Ungarns „Magna Charta“, legte die Kompetenzen von König, Parlament und Volk fest. Seine größte Ausdehnung und wirtschaftliche Blüte erfuhr Ungarn in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts unter König Matthias I. Corvius, als das Land zu einem Zentrum der Renaissancekultur und des Humanismus wurde. Allerdings wurde fortan das Schicksal Ungarns von zwei anderen Mächten beeinflusst, den Habsburgern im Nordwesten und dem expansionistischen Reich der Osmanen. Erst das Jahr 1848 brachte für Ungarn einen neuen Durchbruch zur Selbstständigkeit, wenngleich Aufstand der Österreichern in jenem Jahr niedergeschlagen wurde. Noch heute ist der Jahrestag des Revolutionsbeginns am 15. März 1848 der höchste Staatsfeiertag. 1867 wurde ein Ausgleich zwischen dem kaiserlichen Österreich und königlichen Ungarn (K. u. K.) gefunden, bei dem beide Länder gleichberechtigte Teile der Doppelmonarchie wurden. 

In den folgenden Jahrzehnten blühte Ungarn wirtschaftlich wie kulturell auf. Noch heute legen die bedeutendsten Bauwerke Budapests Zeugnis ab vom Glanz jener Tage. Trianon – eine Zäsur Der verlorene Erste Weltkrieg bedeutete für Ungarn eine Zäsur, die bis in die heutige Zeit reicht. Ingmar Niemann legt den Fokus auf den Vertrag von Trianon aus dem Jahr 1920, in dessen Folge Ungarn rund zwei Drittel seines Territoriums an seine Nachbarstaaten abtreten musste. Ungarn wurde ein Kriegsschuld-Eingeständnis abgerungen und eine Wiedergutmachung ohne genaue Summenangabe aufgezwungen. Bis heute wirkt dieses ungarische Traumata fort, wie Niemann aus alltäglichen Erfahrungen in Ungarn zu berichten weiß. So klebt bis heute ein Aufkleber, der die ursprüngliche Größe Ungarns als Silhouette zeigt, auf vielen Autos und Häuserwänden.

In der Zeit des Nationalsozialismus näherte sich die Militärdiktatur unter Admiral Miklós Horthy den Achsenmächten an. Wenngleich Ungarn sich den Rassengesetzen des Deutschen Reiches 1938 anschloss, lebten die jüdischen Mitbürger Ungarns in dieser Zeit doch relativ unbeschadet. Das änderte sich erst im Jahr 1944, als vor dem Hintergrund des verloren gehenden Weltkrieges, deutsche Nationalsozialisten die Deportation ungarischer Juden in die Vernichtungslager nach Polen und Tschechien forcierten. 600.000 von 800.000 ungarischen Juden wurden deportiert. Durchaus unterschiedlich wurde dieser Fakt am Abend von Ingmar Niemann und dem Geschäftsführer Lajos Fischer bewertet. Während Niemann die Hauptschuld bei den deutschen Nationalsozialisten verankert, ging Fischer mit seinen Landsleuten aufgrund eigener Recherchen härter ins Gericht. Wunsch und Wirklichkeit Ungarns Weg nach dem Zweiten Weltkrieg war durch die Besetzung durch das kommunistische Russland geprägt. In der pannonischen Ebene entwickelte sich aber eine eher undogmatische Spielart des Sozialismus, die als „Gulaschkommunismus“ in die Weltgeschichte einging. 

Jäh ausgebremst wurde Ungarns weltoffene Vorstellung vom Kommunismus im Jahr des Volksaufstands 1956. Fünf sowjetische Divisionen schlugen den Aufstand nieder und bis 1989 blieben rund 100.000 russische Soldaten als Okkupanten im Land. Ungarn war dann das erste Land des Ostblocks, das den „ersten Stein aus der Mauer schlug“, so der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl. Im September 1989 öffnete Ungarn seine Grenzen für Flüchtlinge aus der DDR, die nach Westdeutschland ausreisen wollten. Das bedeutete den Anfang vom Ende des Sowjetreiches. Vor diesem historischen Hintergrund beschäftigte sich Niemann mit der gegenwärtigen innenpolitischen Lage Ungarns. Aufgrund jahrhundertelanger Besatzung durch fremde Mächte hatte sich bei den Ungarn ein unbändiger Wille zur Selbstbestimmung entwickelt. Zwar sei Ungarn, wie Niemann betont, ein zutiefst abendländisches, europäisches Land, grundsätzlich aber misstrauisch gegenüber jeder Form der Einverleibung und sei es eine wohlmeinende Umarmung Europas. In diesem Kontext beurteilt Niemann auch die Regierung des Landes unter Ministerpräsident Victor Orbán. Orbán sei mehr ein Populist als ein überzeugter Nationalist. Ursprünglich entstammt der politische Quertreiber einer links-liberalen Bewegung, seine politische Heimat, die Fidesz-Partei, habe sich aber in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr nach rechts bewegt. Wer auch immer Orbán kritisiere müsse anerkennen, dass dessen Politik sich für Ungarn als bisher segensreich gezeigt habe. So konnten alle IWF-Kredite zurückbezahlt werden, das Land empfange als Nettoempfänger rund 3,1 Milliarden Euro von der EU und habe mit Putins Russland ein geradezu geniales Energieabkommen ausgehandelt, kommentiert es Niemann. 

Zudem zeige sich Ungarn mit zwei Drehscheiben der zukünftigen Neuen Seidenstraße als äußerst attraktiver Zukunftsstandort. „Dass Ikea sein größtes Möbelhaus in Budapest baut, zeigt dass ausländische Investoren an die wirtschaftliche Prosperität Ungarns glauben“, so Niemann. An einer politischen Karte Ungarns, die das Wahlergebnis der letzten Parlamentswahl zeigt, wird deutlich, dass es derzeit zu Orbáns Fidesz-Partei wohl keine Alternative gibt. Alle Bezirke des Landes, außer einigen wenigen in Budapest, konnte die Fidesz-Partei für sich gewinnen. Abseits der Politik empfindet Niemann Ungarn und insbesondere Budapest als eine weltoffene Stadt, in der er gerne lebt und lehrt. Besonders die Kaffeehäuser Budapest mit ihren hervorragenden Backwaren haben es dem Experten für Internationale Politik angetan. 

Jörg Spielberg

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