Ungewöhnliches Konzert

Ein gerüttelt Maß an Offenheit für Ungewohntes erforderte das jüngste Konzert des APC-Sommers, „Ohrenblick – hearing the overlooked“ mit neuer Musik aus Großbritannien. Und doch verfolgten etwa 90 Waghalsige – den klamm-kalten Temperaturen in den Kleinen Thermen trotzend – die eigenwillige Konzertperfor-mance des Britischen Ensembles „Scratch the Surface“ mit hoher Aufmerksamkeit. Einer Ausstellung mit moderner Kunst durchaus vergleichbar, ließen die Darbietungen im Grunde zwei Möglichkeiten des Zuganges: Sich erwartungsfrei auf das einzulassen was da kommen möge und es so stehen zu lassen. Oder den Versuch zu starten, das Ganze intellektuell zu erfassen, um eine tiefere Botschaft darin zu entdecken.

Als Bühne diente den Akteuren Conall Gleeson (Viola), Mikhail Karikis (Stimme), Lore Lixenberg (Mezzsopran), Claudia Molitor (Piano) und Chris Redgate (Oboe), nicht nur das kleine Fleckchen vor den Zuschauerreihen. Oftmals wurde der gesamte Raum akustisch und szenisch genutzt. Bei dem von Simon Katan eigens für den Raum komponierten Stück bahnten sich kleine Piano-Einwürfe von der Bühne aus ihren Weg durch die Ruinen, bekamen Antwort aus den hinteren beiden Ecken – links von Klarinette und weiblicher Stimme, rechts von Viola und Männerstimme. Ratlose Zuhörer Laute wie bei Stimmübungen standen im Dialog mit instrumentalen Klangfetzen während sich die Akteure langsam der Bühne näherten, wo sie schließlich alle zusammenfanden. Wohlwollende Ratlosigkeit in den Gesichtern der Zuhörer. Danach ein Stück aus einer Oper, die Karikis derzeit komponiert und auch vortrug. Statt stimmgewaltiger Arien: Räuspern, Hüsteln, der Ansatz von Sprache, die sogleich in Sprachlosigkeit verstummte, in den Wiederholungen zunehmend ungehaltener, dann in Stimmakrobatik mit dadaistischem Anklang bis zu afrikanisch anmutendem Stammesgeheul mündend. Warum der Sänger immer wieder seine Hand wie beim Fliegenfangen nach oben schnellen ließ? Auch die Komponistin Alwynne Pritchard hatte den Kleinen Thermen eine Komposition gewidmet, laut Molitor inspiriert von den dort überall miteinander verbundenen Wasserwegen, was sie auf eine abstrakte Art im Wechselspiel gesprochener Sätze und instrumentaler Klangfragmente zum Ausdruck brachte. Mit einer Eigenkomposition für Klavier beschloss Molitor im Aneinanderreihen von Tönen und Klangteppichen, die in der Schlusspassage zu Minimal-Music tendierten, den ersten Teil des Programms. Ebenfalls Teil von Karikis Oper, ein optisch und klanglich reizvoller Film, in dem ein Chor aus Ex-Minenarbeitern die ihnen vertrauten Arbeitsgeräusche imitierten. Einen Höhepunkt des Abends bildete sicher eine mit geradezu mörderischen Sprüngen versehene Stimmakrobatik Lixenbergs, der sie dennoch ein angenehmes Timbre zu schenken vermochte. Davor ein szenisch und musikalisch witzig umgesetzter Ehekrieg, ausgelöst durch die größere Liebe des Mannes zu seinem Klavier. Etwas schwach war der Film von Uriel Orlow, der eine musikalische Aufführung mit Luftinstrumenten zeigte. Interessant dagegen der Film , It’s not quite how I remember it“ von Molitor/McCleave/Peacock, inklusive einer Runde 3-D-Brillen fürs Publikum. Darin wurde das Herstellen einer kleinen Faltschachtel in Beziehung zum Entstehungsprozess einer musikalischen Komposition gesetzt. So recht einzuordnen wussten am Ende des Abends wohl die wenigstens was sie gehört und gesehen hatten. Eine unfassbare Faszination war bei den meisten dennoch offensichtlich.

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