Vom Wert menschlichen Lebens

"Unnütze Esser": Das Isar-Amper-Klinikum München-Ost stellt sich der Vergangenheit

+
Die Akte von Edith Hecht belegt die Stationen eines kurzen Lebens.

Kempten/München – Edith Margarethe Hecht ist 1931 geboren. Ihr Geburtstag ist auf ihrer Akte der oberbayerischen Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar vermerkt, ebenso wie die wenigen Zäsuren ihres Lebens: Mit vier wurde sie nach Schönbrunn bei Dachau gebracht, in eine kirchliche Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Am 2. Juni 1944 wurde sie gemeinsam mit 43 anderen Kindern nach Haar überwiesen. Und schließlich: Als Todesdatum ist der 23. Dezember gleichen Jahres angegeben. Edith wurde nur 13 Jahre alt.

Ediths Akte gehört zu den Vielen, die in den vergangenen Jahren von Wissenschaftlern überprüft worden sind, um herauszufinden, was genau sich in der Heil- und Pflegeanstalt in der Zeit des Nationalsozialismus abgespielt hat, welche Rolle sie für die systematische Ermordung von Menschen mit Behinderung hatte.

Es sei nicht leicht gewesen, zu rekonstruieren, was mit dem einzelnen Patienten passiert ist. Totenscheine seien oft gefälscht worden, sagt Prof. Dr. Peter Brieger. Der Kemptener ist ärztlicher Direktor der Isar-Amper-Klinikum München-Ost, wie die Anstalt in Haar heute heißt, und war bis 2016 Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses (BKH) Kempten. „Angehörige haben falsche Informationen bekommen. Daran kann man schon sehen, dass die Täter sehr genau wussten, dass sie unethisch handelten“, sagt er weiter. 

Lebenswert, lebensunwert

Sozialdarwinistische Überlegungen, die Frage „Was zählt ein Leben?“ – das war zu Zeiten des Nationalsozialismus nichts Neues. Eine Rechtfertigungsgrundlage für die spä- teren Euthanasieverbrechen formulierten etwa der Jurist Karl Binding und der Mediziner Alfred Hoche in ihrer gemeinsamen Publikation „Freigabe zur Vernichtung lebensunwerten Lebens“, die schon 1920 erschienen war. Eine Schrift, die ganz in die mentale Verfasstheit dieser Zeit passte. „Da ging es um die Frage: Wie gestalte ich eine nützliche Gesellschaft? Wer nützt? In diesen Zeiten der Effizienzsteigerung, wie man sie damals ja hatte, fallen Menschen hinten runter.“ Es sei wichtig, sich Gedanken um die Grundatmosphäre zu machen, die damals geherrscht habe, so Brieger. Von Oben wurde zwar die Freigabe erteilt, die Umsetzung der Verbrechen geschah vor Ort und spülte diejenigen nach oben, denen daran lag, die Macht auszunutzen, die die Politik ihnen erst verliehen hatte.

Systematische Tötung 

Die Taten, die heute als Euthanasieverbrechen bekannt sind, zeigten sich in verschiedenen Facetten. Im ersten Schritt wurden geistig und körperlich behinderte Menschen sterilisiert, dann Kinder durch hohe Dosen des Schlafmittels Luminal, später auch Erwachsene in Gaskammern getötet. 

Bei der Aufnahme eines Patienten in die Anstalt musste ein Meldebogen ausgefüllt werden, der gleichzeitig das weitere Schicksal des Patienten besiegelte. Das Klinikpersonal entschied: Kann dieser Mensch arbeiten oder nicht? Nein? Dann galt er als „unnützer Esser“ und wurde in eine Tötungsanstalt, meist nach Hartheim (Österreich) oder Grafeneck deportiert. 

Vermutlich, so Brieger, wurde hier bereits ausprobiert, wie industrielle Tötung funktionieren könnte, Gaskammern waren in diesen Anstalten bereits im Einsatz. Das Personal der Tötungsstationen, das hier die Vorgehensweise einübte, wurde später in Vernichtungslagern wie Auschwitz eingesetzt. 

Ein Geheimnis sei das Vorgehen nicht gewesen. Viele Bürger waren mittelbar betroffen, hatten eine Tante oder einen Nachbar, die getötet wurden. 

Widerstand gegen die Euthanasieverbrechen leistete Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster. In mehreren Predigten, deren Wortlaut als Flugblatt Verbreitung fand, stellte er sich gegen die Tötung „unproduktiver Menschen“ und appellierte, alle Menschen als Mitmenschen mit Recht auf Leben anzusehen. 

Wahrscheinlich, sagt Brieger, habe es deswegen Unruhen gegeben, die schließlich 1941 zum Stopp der systematischen Tötung geführt haben. 

Doch Krankenmorde fanden auch weiterhin, nun aber weniger offensichtlich, statt: Von 1941 an bis kurz nach Kriegsende wurden Patienten in Kliniken und Hungerhäusern getötet, ermöglicht durch den „Hungererlass“, der vom Bayerischen Innenministerium ausgegeben wurde. Die Idee, Patienten verhungern zu lassen, vorgeblich aus Gründen des Sparzwangs und um Platz zu schaffen für Kriegsverletzte, geht zurück auf Valentin Faltlhauser, Leiter der Anstalt Kaufbeuren, und Herrmann Pfannmüller, Direktor in Eglfing-Haar. 

Insgesamt fielen den systematischen T4-Aktionen – das Kürzel geht auf die Berliner Adresse Tiergartenstraße 4, der zentralen Dienststelle, zurück – und dieser späteren „wilden Euthanasie“ über 200.000 Menschen zum Opfer.

Die Rolle der Ärzte 

NSDAP-Mitglied Hermann Pfannmüller war ab 1938 Direktor in Haar. Er sei „ein sehr unangenehmer Mensch“ gewesen, so Brieger, „übrigens ein Allgäuer, er hatte ein Haus in Sonthofen.“ Laut Augenzeugenberichten sei er in Haar in seiner SS-Uniform aufgelaufen und habe häufig Nazi-Funktionäre durch die Räume geführt: Haar hatte er als Vorzeigeanstalt präsentiert. 

Konsequenzen hatten seine Euthanasie-Verbrechen indes kaum. Er wurde 1945 zwar von amerikanischen Soldaten verhaftet. „Er hat gegen einen Schuldspruch Revision eingelegt und galt dann bald als haftunfähig, insgesamt blieb er nur ein paar Wochen in Untersuchungshaft“, erzählt Brieger. Bis zu seinem Tod in den Sechzigerjahren konnte Pfannmüller unbehelligt in Freiheit leben.

Aufarbeitung 

Einen Versuch, sich den Verbrechen in Haar zu stellen, gab es schon früh: Gerhard Schmidt, der von den Besatzungsmächten als Klinikleiter eingesetzt wurde, begann damit bereits bald nach Kriegsende. 

Er strukturierte die Klinik neu, sichtete Unterlagen und sammelte Informationen zur systematischen Euthanasie. Das kam gar nicht gut an, gerade auch, weil die Entnazifizierung nicht konsequent durchgeführt wurde. Viele Ärzte und medizinisches Personal konnten noch lange nach Kriegsende weiterarbeiten. Dass diese kein Interesse daran hatte, ihre Verantwortung in Euthanasieverbrechen untersucht zu sehen, ist kaum verwunderlich. 

Nachdem die US-Amerikaner die Zuständigkeit für die Klinik der Landesregierung übergaben, setzte das Bayerische Innenministerium Schmidt nur ein Jahr später als Direktor ab und stoppte damit dessen Ermittlungen. 

Stattdessen wurde Anton von Braunmühl zum neuen Direktor ernannt – obwohl dieser vermutlich selbst in die Vernichtungsaktionen verstrickt war. „Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob er ein Verbrecher war, ein Vorbild war er aber auf keinen Fall“, so Brieger. 

Schmidt hingegen verarbeitete seine Erkenntnisse in einem Buch und suchte lange nach Öffentlichkeit. Doch er fand bis in die Sechzigerjahre hinein keinen Verleger, der seine Erkenntnisse offen zugänglich machen wollte. 

Inzwischen hat eine Arbeitsgruppe die Unterlagen erforscht, die Hintergründe zu einem Gesamtbild zusammengesetzt. Jetzt gelte es, Öffentlichkeit zu schaffen, so Brieger. Mit verschiedenen Aktionen, wie einem Erinnerungsbuch mit allen Opfern und einer Lichtinstallation will die Arbeitsgruppe eine Erinnerungskultur aufbauen, ohne dabei nur rückwärtsgewandt vorzugehen. Es gehe um den Wert des Lebens, nicht darum, die Ereignisse zu musealisieren, so Brieger. 

„Im Zentrum steht die Frage: Was bedeuten die damaligen Taten für das heutige Handeln?“ Deshalb sei die Geschichte der Anstalt ein großes Thema in der Aus- und Fortbildung. 

Am 18. Januar, wenn sich wieder der erste Transport aus Haar nach Grafeneck, vermutlich einer der ersten Transporte überhaupt in eine Tötungsanstalt, jährt, wird das Klinikum erneut den Opfern gedenken.

Martina Ahr

Auch interessant

Meistgelesen

Interkultureller Herbst: Für eine bedingungslose Wertschätzung gegenüber allen Menschen
Interkultureller Herbst: Für eine bedingungslose Wertschätzung gegenüber allen Menschen
Ausstellung "Licht und Schatten" als Inspiration für Fantasie und Emotionen
Ausstellung "Licht und Schatten" als Inspiration für Fantasie und Emotionen
Wettbewerb bei kaltem Herbstwetter
Wettbewerb bei kaltem Herbstwetter
Müllfässer im Wald entsorgt
Müllfässer im Wald entsorgt

Kommentare