Ein langer Prozess

Teil 2: Von der Doppelstadt zum vereinten Kempten

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Kempten, Hauptstadt des Illerkreises.
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Neues Wappen der vereinigten Stadt Kempten in einer besonderen Zierform.
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Illerkreis von 1809.

DR. WILLI VACHENAUER

Kempten – Im Jahr 2018 jährt es sich zum zweihundertsten Male, dass sich die ehemalige freie Reichsstadt Kempten und die damalige Stiftsstadt durch das bayerische Gemeindeedikt von 1818 verwaltungsrechtlich offiziell zu einer Stadt vereint hatten. Dieser Verwaltungsakt bedeutete das Ende der einstigen Doppelstädte. Mit verschiedenen Aktionen, Veranstaltungen und Ausstellungen feiert die Stadt Kempten dieses Jubiläum das ganze Jahr hindurch. Durch das Gemeindeedikt ließ sich zwar die formelle Vereinigung schnell vollziehen. Ihre praktische Umsetzung, die auch in den Herzen der Menschen ankommen musste, stellte sich aber als langer und dornenvoller Weg heraus.

Am Ende von Teil 1 ging es um dem Bau der Freitreppe im Jahre 1905 zwischen den beiden einstmals getrennten Städten, die das sichtbare Zeichen für eine städtebauliche Vereinigung der beiden Stadtteile sein sollte...


Teil 2

Zwei Jahre später wurde die Zahl der Kreise von 15 auf neun und dann auf acht reduziert. Dabei verlor Kempten seinen Rang als Kreishauptstadt und musste ihn an Augsburg abtreten. Mit den Kommissaren des Illerkreises hatte Kempten nur wenig Glück. Der erste, Balthasar von Merz, stand unter Korruptionsverdacht und trat daher 1809 vom Amt zurück. Beim zweiten, Karl August Graf von Reisach, glaubte man zunächst eine bessere Wahl getroffen zu haben. Aber schon vier Jahre später musste auch er wegen Korruption und Urkundenfälschung sein Amt aufgeben. Erst der dritte, Joseph von Stichaner, leistete gute Arbeit.

Nach der Vereinigung der beiden Städte zur bayerischen Landstadt endete am 1. Februar 1811 die Arbeit des bisherigen reichsstädtischen Kemptener Magistrats. Nun übernahm ein königlich bayerischer „Municipalrat“ die Verwaltung der neuen Munizipalgemeinde. An der Spitze der Stadt standen nun als administrative Organe ein sogenannter „Kommunaladministrator“, in Person des bisherigen Verwaltungsrates Karl Loose, der die Aufgaben des Bürgermeisters übernahm und von vier „Munizipalräten“ Unterstützung erhielt. Erst durch das bayerische Gemeindeedikt von 1818 bekam die Stadt ihre verwaltungsrechtliche Eigenständigkeit, denn bis dahin bestimmte der kurfürstliche Kommissär weitgehend die Geschicke Kemptens. Ab diesem Zeitpunkt durften die wahlberechtigen Bürger ihre städtischen Verwaltungsorgane frei wählen. Sie bestanden damals aus dem Bürgermeister, acht bürgerlichen Magistratsräten, 24 Gemeindevertretern, einem Rechtsrat und einem Stadtschreiber. Diese Gremien hatten ihren Sitz im städtischen Rathaus.

Ab 1818 verlor die Stadt ihre ländlichen Bezirke, die in zwei Ruralgemeinden aufgingen. Unter einer Ruralgemeinde verstand man eine von der Obrigkeit gebildete Landgemeinde, die vorher aus weit gestreuten kleineren Siedlungen bestand. Diese umschlossen östlich der Iller St. Mang, Lenzfried und Leubas und auf der westlichen Illerseite die Gemeindeteile St. Lorenz mit Neuhausen, Hirschdorf und Mariaberg. 

Erst 1972 sollten diese Bezirke wieder in die Stadt eingegliedert werden. Der nächste Schritt zur Vereinigung bildete die gemeinsame Kommunalwahl im Jahre 1818. Zu ihrem ersten Bürgermeister wählten die Kemptener den ehemaligen Stadtammann Georg Mathias von König. Bei dieser Wahl dominierte aber die bisherige städtische Oberschicht, weil sich das damalige Wahlrecht an die Steuerleistung der Bürger orientierte.

Als sichtbares Zeichen der Vereinigung führte die Obrigkeit nun ein neues Stadtwappen ein. Darauf symbolisiert der halbe Reichsadler auf der linken Seite die ehemalige Reichsstadt, der rote Turm auf der rechten Hälfte repräsentiert die Sitftsstadt.

Das Jahr 1844 brachte die Beseitigung der Zollgrenze und die Aufteilung der Zolleinnahmen. 1869/70 kam es zur Zusammenlegung der bisherigen drei altstädtischen und zwei neustädtischen Wochen- und Jahrmärkte. Die Angleichung der bisher unterschiedlichen Wege-, Vormundschafts- und Erbrechte erfolgte erst um 1900 mit der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB).

Die durchgeführten behördlichen Reformen konnte die immer noch festsitzende Trennung zwischen den ehemaligen Städtern nicht beseitigen. Immerhin setzte sich die Bürgerschaft zu zwei Drittel aus protestantischen und zu einem Drittel aus katholischen Personen zusammen. Diese konfessionellen Schranken in den Köpfen der Menschen zu überwinden, bedeutete für die Stadtobrigkeit eine enorme Herausforderung, die nur sehr langsam gelang.

Erste offizielle Zeichen der Versöhnung setzten 1908 liberale Bürgergesellschaften aus beiden Stadtteilen, als sie eine gemeinsame Kandidatenliste für die Gemeindewahl aufstellten.

Finanzen und Wirtschaft der vereinigten Stadt

Vor dem Vereinigungsprozess zeigte sich die wirtschaftliche Lage von Stadt und Stift in einem unterschiedlichen Bilde. Das Fürststift hatte ein weitgehend geschlossenes Territorium mit circa 1000 Quadratkilometern. Es enthielt eine Stadt (die Stiftsstadt), sieben Marktflecken, 45 Pfarrdörfer und über 100 andere Dörfer und etliche „Prachtbauten“. Ungefähr 43.000 Menschen lebten in diesem Gebiet, das viel Waldung auf der Nordseite und gute Ackerflächen in den südlichen Regionen besaß. 107 Fischteiche, die großen Forsten, der gut entwickelte Ackerbau, acht eigene und 23 in Erbpacht vergebene Güter und vier Brauereien bildeten die wirtschaftliche Basis. 

Daraus flossen jährliche Einnahmen von circa 250.000 bis 300.000 Gulden. Bei jährlichen Ausgaben von 180.000 Gulden ergab sich ein Überschuss zwischen 70.000 und 120.000 Gulden pro Jahr. Trotzdem beliefen sich die Schulden auf 2,25 Millionen Gulden. Die Schuldenstände des Stifts resultieren im Wesentlichen aus den Belastungen durch die verschiedenen Kriege und eine großzügige Ausgabenpolitik besonders aus der Epoche des Wiederaufbaus nach dem 30-jährigen Krieg, die ein ökonomisch vernünftiges Maß bei weitem überstieg. Aber auch die Hofhaltung des Fürststifts Kempten trug dazu bei. Neben dem Fürstabt und seinen zwölf Kapitularen gehörten zum fürstäbtlichen Hofstaat noch weitere 232 Personen, die sich in 21 Gruppen von Hofbeamten und -angestellten aufteilten. Diese Menschen mussten aus der Hofküche und dem fürst-

äbtlichen Vorratskellern versorgt werden. Welche Mengen in der Zeit vom 17. April bis zum 17. Mai 1802, also in vier Wochen, konsumiert wurden, soll folgender Auszug verdeutlichen: 1688 Pfund Kalbfleisch, 1351 Pfund Rindfleisch, über 900 Pfund Fische, 377 Pfund Voressen (Mischung aus Kalbs- und Schweinslunge, Kutteln und Kalbsbries), 56 Pfund Kitzfleisch, 48 Pfund Räucherfleisch, 24 Pfund Schweinefleisch, zwölf Pfund Schweineschinken, 151 Kalbsfüße, 44 Kalbsköpfe, sieben grüne Zungen und knapp 2500 Herrenlaibe Brot. Daneben, Eier, Butter Schmalz, Zitronen, Äpfel, Milch, Mehl, Wein und Bier im Gesamtwert von ungefähr 4000 Gulden.

Das fürstäbtliche Militär bestand aus einem Hauptmann, sechs Reitern „zu Fuß“ und 40 Infanteristen, deren Sold pro Tag und Mann zwölf Kreuzer betrug. Die gesamten Personalausgaben des Hofstaates beliefen sich auf ungefähr 80.000 bis 90.000 Gulden pro Jahr.

Nach der Übergabe des Fürststifts begann eine Bestandsaufnahme aller Vermögens- und Schuldenbestände. Entgegen der Erwartungen des Bayerischen Kurfürsten fiel sie negativ aus, denn der Kommissar von Breuning berichtete, dass sich in den Kassen nur 10.000 Gulden befanden. Ansonsten wären die Finanzen des Stifts in einer außerordentlichen Verwirrung und in einem wahrhaft traurigen Zustand, weil allerorten schlampig und sorglos gewirtschaftet wurde, so dass die Finanzen des Stifts bis ins Mark hinein faul sind und daher sei das Stift nicht mehr lebensfähig. 

Um Kasse zu machen, wurden viele Anlage- und Vermögensbestände versteigert oder man hat sie für andere Zwecke umgewidmet. Dazu gehörte zum Beispiel die Residenz, die als Kaserne und Verwaltungs- und Justizgebäude diente. Das St. Lorenz Münster wurde katholische Stadtpfarrkirche. Die lateinische Klosterschule wurde zum staatlichen Gymnasium. Aus der Gemäldesammlung mit insgesamt 134 Bildern kamen 94 an die Münchener Gemäldegalerie, der Rest von 40 Bildern wurde für 210 Gulden versteigert.

Die wertvolle Münzsammlung wurde zwar verpackt, dann aber in einem Abstellraum vergessen. 1809 kassierten abziehende Tiroler die Sammlung. Viele Werke aus dem Klosterarchiv gingen an das Staatsarchiv über. Teile der wertvollen Klosterbibliothek, die nicht unter den Hammer kamen, verwendete man angeblich zum Ausbessern der schlechten Wege.

Die vielen Verkäufe, die sich über Jahre hinwegzogen, ergaben im Jahr 1814 Gesamteinnahmen von circa 450.000 Gulden. Setzt man die Schulden von 2,25 Millionen Gulden dagegen, dann musste dieses Ergebnis für den Bayerischen Minister Montgelas enttäuschend gewesen sein.

Die Reichsstadt besaß dagegen nur ein kleines Gebiet von 527 Jauchert, circa 1,85 Quadratkilometer, in dem ungefähr 3150 Einwohner lebten. Daneben besaß die Stadt außerhalb ihres Territoriums noch mehrere leibfällige Güter, (die auf Lebenszeit verpachtet wurden), so zum Beispiel das Gut im Allmay mit 100 Tagwerk Viehweide und 66 Holzmarken, in denen die Stadt das Recht besaß, Holz zu schlagen. Auch die städtische Spitalstiftung hatte noch verschiedene Güter und Holzrechte außerhalb der Stadt.

Die finanzielle Lage der Stadt war wegen der vielen Belastungen aus früheren Zeiten und durch die Koalitionskriege seit 1793 mehr als schlecht. Beim Übergang an Bayern betrugen die Schulden 511.078 Gulden.

Das städtische Militär bestand zu dieser Zeit aus einem Reiter „zu Fuß“ und zehn Infanteristen, die einen Monatssold von drei Gulden, zwölf Kreuzern und Brot erhielten.

Dem standen gerade einmal 43.335 Gulden auf der Einnahmenseite gegenüber. Trotz dieser Widrigkeiten haben – so zumindest nach dem Urteil des verantwortlichen bayerischen Kommissär Johann Paul Wilhelm von Werner – die zuständigen städtischen Verwaltungsorgane den Haushalt solide geführt und die Stadt gut verwaltet. Noch vor der Vereinigung konnte die städtische Wirtschaft von den Stiftsbewohnern profitieren. Dies belegt der Bericht eines Engländers, der feststellte, dass viele Kleinhändler und Handwerker aus dem Stift an Markttagen und am Wochenende in die Stadt kamen, um ihre Bedürfnisse auch in den städtischen Bier- und Weinhäusern zu befriedigen. Und in einem Reisebericht aus dem Jahre 1772 ist zu lesen, dass in Kempten, obwohl „lutherisch“, viele katholische Dienstboten ihrer Arbeit nachgingen.

Mit der Mediatisierung gingen auch alle Rechte und Verpflichtungen der vereinigten Stadt an Bayern über. Somit musste Bayern 77 Prozent der Schulden der Stadt tragen. Das restliche Defizit verblieb bei der Stadt Kempten. Daher versuchte man seitens der vereinten Stadt Kempten alles das zu Geld zu machen, von dem man glaubte, dass man es nicht mehr benötigte. Im Jahre 1814 versteigerte die Stadt die beiden Kemptener Galgen, die sich bis dahin in der Neustadt und in der Altstadt befanden. Als die Stadtobrigkeit sogar die Burghalde veräußern wollte, um ihre Einnahmen zu verbessern, gab es seitens der Bürger massive Proteste. 

Daraufhin erwarb ein Angehöriger des Magistrats die Burg für 200 Taler. Durch finanzpolitische Maßnahmen wie Extrasteuern und neuen Gebühren, einen Lokalschuldenfonds, Eintreibung von Forderungen und ähnlichem, konnte der Munizipalrat im Jahre 1818 dem Magistrat der Stadt einen schuldenfreien Haushalt übergeben. Trotzdem sah sich die Stadt noch im Jahre 1819 außerstande, die Kriegslasten von 1809 zu tilgen.

Der Bayerische Staat erhob von den Gemeinden ab 1808 mit der Grundsteuer, Haussteuer, Gewerbesteuer und der Familiensteuer vier direkte Staatssteuern. Diese Steuern belasteten die Stadtkasse zwischen 1820 und 1848 mit durchschnittlich 11.000 Gulden pro Jahr. Das Kurfürstentum (ab 1806 Königreich Bayern) zog aber nicht nur Steuern ein, sondern es gab auch finanzielle Mittel an die Kommunen zurück. Dazu gehörte die Gemeindeumlage, die sich ab 1812 aus der Staatssteuer berechnete und in die kommunalen Kassen floss.

Durch das Gesetz über das Gewerbewesen vom September 1825 forderte die Regierung die Zusammenlegung der 358 Angehörigen der Altstadtzünfte und der 189 Mitglieder der Neustadtzünfte. Dieser Vorgang stieß angesichts der nachbarschaftlichen Feindseligkeiten auf größten Widerstand. Einer Vereinigung standen auch die unterschiedlichen Meisterrechte im Wege. In der Altstadt galt bei der Meisterwürde das Personalrecht, d.h. mit dem Tod des Meisters endete sein Meisterrecht. Das Stift vergab dagegen die Meisterschaft nach dem Realrecht; damit vererbte es sich vom Vater auf den Sohn. Der Widerstand gegen die Vereinigung der Zünfte hatte ein solches Ausmaß angenommen, dass es bis 1835 noch zu keiner Zusammenlegung kommen konnte. 

Aus diesem Grunde änderte der Magistrat das Gewerbewesen der Stadt und legte die verschiedenen Zünfte zu 25 Innungen zusammen. Damit ließ zwar der Widerstand nach, er reduzierte sich aber erst durch die später einsetzenden Auswirkungen der Gewerbefreiheit, die Preußen mit den Stein-Hardenberg´schen Reformen ab 1806/07 einführte, die Bayern aber erst ab 1848 langsam umsetzte. Die Wirtschaft der Stadt zeigte sich kurz nach der Vereinigung noch ganz in der althergebrachten handwerklich zünftischen Tradition verankert. 

Um 1807 gab es in der Altstadt bei ungefähr 3150 Einwohnern 447 und in der Neustadt mit ungefähr 3200 Einwohnern 196 selbstständige Gewerbetreibende. Um 1823 ging die Gewerbedichte in der Altstadt auf 358 und in der Neustadt auf 183 Personen zurück. Bis 1828 änderte sich die Situation nicht wesentlich, da es, wie es aus einem Bericht zu entnehmen ist, bis dahin in Kempten keine Fabrik gegeben habe. 

Die aufkommende Industrialisierung führte dazu, dass es ab 1871 in Kempten dann schon über 18 größere Betrieb gab, die einen großen Bedarf an Arbeitskräften hatten. Der daraus entstehende Zuzug vieler Menschen führte zu einem starken Bevölkerungswachstum und auch zum Bau von vielen Wohnungen. Die Neubürger verwischten zwar den bisherigen Gegensatz zwischen Altstadtbürgern und Neustädtern, den bestehenden Dualismus, der sich in den Menschen festgesetzt hatte, konnte dies aber nur teilweise mildern.

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