Ein langer Prozess der Annäherung

Von der Doppelstadt zum vereinten Kempten

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Das vereinigte Kempten anno 1823.

VON DR. WILLI VACHENAUER

Kempten – Im Jahr 2018 jährt es sich zum zweihundertsten Male, dass sich die ehemalige freie Reichsstadt Kempten und die damalige Stiftstadt durch das bayerische Gemeindeedikt von 1818 verwaltungsrechtlich offiziell zu einer Stadt vereint haben. Dieser Verwaltungsakt bedeutet das Ende der einstigen Doppelstädte. Mit verschiedenen Aktionen, Veranstaltungen und Ausstellungen feiert die Stadt Kempten dieses Jubiläum das ganze Jahr hindurch. Durch das Gemeindeedikt ließ sich zwar die formelle Vereinigung schnell vollziehen. Ihre praktische Umsetzung, die auch in den Herzen der Menschen ankommen musste, stellte sich aber als langer und dornenvoller Weg heraus.

Diese Vorgänge um die Vereinigung der bisher getrennten Gebietskörperschaften sind nur zu verstehen, wenn man ihre Entwicklungsgeschichte kennt.

Die heutige Stadt Kempten entstand auf klösterlichem Grund. Da sich die Mönche um die Urbarmachung des Landes, die Seelsorge, die Pflege der Kranken und um die Bildung kümmerten, siedelten sich um dieses kleine Kloster, das ab 752 unter der Führung eines Abtes stand, im Laufe der Zeit immer mehr Menschen an. Hier stehen wir am Anfang der späteren Stadt Kempten. Der Abt als Grundherr (nach 1213 Fürstabt) besaß entscheidende Rechte über die Bürgerschaft, auf die er aus politischen und wirtschaftlichen Gründen nicht verzichten wollte. Da die Kemptener aber fürchten mussten, dauernd vom Stift abhängig zu bleiben, setzten sie im Gegenzug alles daran, sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien.

Dieser langwierige Abnabelungsprozess hin zur städtischen Selbstständigkeit, war von ständigen politischen und wirtschaftlichen Auseinandersetzungen begleitet. Schritte auf dem dornenvollen Weg zur Autonomie waren unter anderem der Bau der Stadtmauer ab dem 14. Jahrhundert, wobei das Kloster außerhalb der Stadtbefestigung blieb, der erfolgreiche Kampf um die Burghalde ab den 1360er Jahren, die Änderung der Ratsverfassung und die Einführung der Zunftverfassung ab den 1380er Jahren, die dann ab 1419 zur Gründung der ersten Stadtzünfte führte.

Die vollständige Freiheit erlangten die Stadtbürger aber erst nach jahrhundertelangem Ringen mit dem sogenannten Großen Kauf vom 6. Mai 1525. Im Zuge des Bauernkriegs und der Reformation nutzte damalige Bürgermeister Gordian Seuter die Notlage des damaligen Fürstabtes Sebastian von Breitenstein aus, der sich wegen des Bauernaufstandes in den Schutz der Reichsstadt begeben musste. Gegen eine Summe von circa 30.000 Gulden konnte er dem Fürstabt alle noch bestehenden Rechte und Besitztümer abkaufen, die der Fürstabt bis dahin in der Reichsstadt noch besaß. Angeblich bezahlte die Stadt einen Teil dieser Summe mit den im Zuge der Reformation eingeschmolzenen und ausgemünzten silbernen Kirchenschätzen aus der St.-Mang-Kirche. Erst mit diesem Kauf konnte sich die Reichsstadt eine „freie Reichsstadt“ nennen, da sie nunmehr keinen direkten Stadtherrn, wie den Fürstabt über sich hatte, nur noch den Kaiser. Und der Kaiser, wie es später hieß, der war weit weg.

Als Ergebnis der Reformation blieb das Stiftgebiet katholisch, die freie Reichsstadt Kempten wurde evangelisch. Die „freie Reichsstadt Kempten“, die sich nun ein neues Wappen gab, konnte man als einen eigenen kleinen Staat mit einer eigenen Volkswirtschaft betrachten, dessen Territorium mit 22 Fried- oder Friedenssäulen vom Stiftsgebiet abgegrenzt war.

Das Verhältnis zwischen den Bewohnern der Stadt Kempten, und dem Fürstabt, zeigte sich im Laufe der Jahrhunderte als mehrschichtig. Es gab durchaus Zeiten, in denen man zusammenarbeitete, also kooperierte. Dann gab es Epochen der Koexistenz, wo man nebeneinander herlebte und es gab Zeiten, in denen man sich feindlich gesinnt war. Nach der Reformation aber sank das Verhältnis zwischen der evangelischen Bürgerschaft der freien Reichsstadt und den katholischen Stiftsherren, deren Kloster vor den Toren der Stadt lag, auf einen nie gekannten Tiefstand. Besonders die konfessionelle Trennung sollte dann im 30-jährigen Krieg zu so bitterböser Feindschaft und tiefem Hass führen, dass „einer den anderen auffressen“ müsse. Dieses hasserfüllte Verhältnis, das sich in den Herzen der Menschen festgesetzt hatte, überdauerte Jahrhunderte.

Mediatisierung und Säkularisation in Kempten

Im Frieden von Lunéville mussten Kaiser und Reich die Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich hinnehmen. Der Friedensvertrag sah aber einen territorialen Ausgleich vor. Die deutschen Fürsten, welche auf dem linken Rheinufer Gebiete aufgeben mussten, sollten in Deutschland entschädigt werden. Daher erhielt der bayerische Staat, der Teile der Kurpfalz und das Herzogtum Jülich verlor, als Ausgleich dafür von Napoleon unter anderem schwäbische Reichsstädte und Grundherrschaften zugesprochen.

Dies wurde auf dem Reichsdeputationshauptschluss festgelegt, der mit der kaiserlichen Ratifikation am 27. April 1803 in Kraft trat. Mit diesem Gesetz gab es massive territoriale Eingriffe, die unter den Begriffen Säkularisation und Mediatisierung bekannt sind. Die Säkularisation brachte die weitgehende Auflösung der kirchlichen Institutionen und die Verstaatlichung ihres Besitzes.

Die Mediatisierung (Mittelbarmachung) betraf sowohl die Reichsstädte als auch die weltlichen Grundherrschaften mit landeshoheitlichen Rechten. Sie verloren ihre Souveränität und mussten sich dem bayerischen Landesherrn Kurfürst Max Joseph unterstellen. Durch diese Gebietsgewinne kam es in Bayern zu erheblichen territorialen Veränderungen. In dem neu entstandenen Staatengebilde musste eine einheitliche Verwaltung organisiert werden. Diese Aufgabe übernahm der Minister Maximilian Joseph von Montgelas.

Säkularisation des Stiftsgebietes

Am 22. August 1802 erschien Freiherr von Hertling als Bevollmächtigter des Kurfürsten beim letzten Fürstabt des Stiftsgebietes Castolus Reichlin von Meldegg. Er teilte ihm mit, dass das Stiftsgebiet samt Stiftsstadt am 1. September 1802 von bayerischen Truppen mit 14 Offizieren, elf Unteroffizieren und 595 Soldaten besetzt werde. Für die unbefestigte Stiftssiedlung, die vor den Toren der Stadt lag, erhielt Fürstabt Rupert von Bodman am 19. April 1728 durch Kaiser Karl VI. das Stadtrecht, obwohl ihr die typischen Merkmale der Gewaltenteilung fehlten. Denn sie hatte weder eine eigene Verfassung noch die notwendigen frei gewählten kommunalen Verwaltungsorgane wie Magistrat oder Bürgermeister. Diese Aufgaben übte der Fürstabt und sein Konvent aus. Die neue Stiftsstadt hatte um 1800 ca. 330 Gebäude und rund 2.900 Einwohner.

Nach der militärischen Besetzung folgte am 29. November 1802 die zivile Übernahme durch den bayerischen Bevollmächtigten Geheimrat Christoph von Breuning. Mit diesem Schritt fiel das Territorium des Stifts an das bayerische Kurfürstentum. Die weltlichen Beamten des Stifts, die den Eid auf den neuen Dienstherrn ablegten, wurden in bayerische Dienste übernommen. Die geistlichen Angehörigen des Stifts erhielten ihre Pensionen und von den zwölf Kapitularherren durften sechs weiter in der Residenz verbleiben. Einzig Fürstabt Castolus Reichlin von Meldegg weigerte sich längere Zeit, die neuen Verhältnisse zu akzeptieren. Schon gezeichnet von einer schweren Krankheit verstarb der letzte Fürstabt am 28. Mai 1804.

Im Zuge der politischen Neugestaltung gestanden die bayerischen Behörden am 6. Juni 1806 dem ehemaligen Stiftgebiet im Verwaltungsbereich eine Sonderregelung zu. Statt eines vorgesehenen Magistrates durften bis zu einer endgültigen Regelung zwei ehrenamtliche Deputierte, der Buchdrucker Josef Kösel und der Rotgerber Alois Hörburger die „Verwaltungsgeschäfte“ führen. Um die administrativen Tagesgeschäfte erledigen zu können, übernahm Bayern 21 Beamte des bisherigen Hofstaates.

Das Ende der reichsstädtischen Ära für Kempten

Das Ende der städtischen Selbständigkeit begann am 2. September 1802, nachdem kurbayerische Truppen mit 120 Mann Infanterie und 55 Mann Kavallerie unter Freiherr von Hertling die Stadt besetzten. Nach der militärischen Besetzung folgte wenig später, am 30. November der zivile Machtwechsel durch den kurfürstlichen Kommissär, Johann Paul Wilhelm von Werner. Damit ging das Gebiet der ehemaligen freien Reichsstadt an das Kurfürstentum Bayern über. Die bisherigen Amtsträger der Stadt, Amtsbürgermeister Johann Jakob von Jenisch, Bürgermeister Leonhard Fehr und Syndikus Dr. Johann Martin von Abele akzeptierten die Unterwerfung unter den neuen Landesherren und dies, obwohl die Angehörigen des Magistrats zunächst ihre Stellung verloren.

Nach ihrer Vereidigung auf den neuen Dienstherren durften sie bis zu einer endgültigen Regelung im Amt bleiben. Wegen der Neustrukturierung traten dann der bisherige Amtsbürgermeister Johann Jakob von Jenisch und der bisherige Stadtammann Georg Mathias von König – der 1818 als Bürgermeister wiedergewählt werden sollte – in den Ruhestand. Stadtobrigkeit und Bürgerschaft schienen sich aber relativ rasch mit der Eingliederung in den bayerischen Staat abgefunden zu haben, denn es herrschte bei den Kemptener Bürgern Ruhe und Zufriedenheit.

Das vereinigte Kempten

Nach der erfolgreichen politischen Umorganisation sollte das Zusammenwachsen der beiden Gemeinwesen bzw. der Doppelstadt (Reichsstadt und Sitftsstadt) mit seinen rund 6.000 Einwohnern beginnen.

Die mentale Vereinigung der beiden ehemaligen Städte, die in den Köpfen der Menschen vollzogen werden musste, stellte einen langwierigen und schmerzhaften Prozess dar, der viele Schwierigkeiten zu überwinden hatte. Die konfessionelle Spaltung, die vielen Konflikte und die wirtschaftlichen und politischen Rivalitäten begründeten die schon beschriebene feindselige Haltung. So schreibt ein reisender Engländer noch 1794, dass beide immer Händel miteinander haben, die noch immer in einem niedrigen Religionshass begründet seien. Diese abgrundtiefe Abneigung bescheinigte auch im Jahre 1802 der kurbayerische Major Karl Reger von Ribaupierre, der sie beide in der vollständigsten und wechselseitigen Antipathie sah. Daran konnte auch der Abriss der historisch bedeutsamen Stadtmauer ab 1807 und der Wehrtürme der Stadt (das eindrucksvolle Klostertor fiel 1811 der Spitzhacke zum Opfer), als Zeichen des Zusammenwachsens beider Teile wenig verändern.

Es gab sogar massive Proteste als der neue königliche Stadtherr den Abbruch der Befestigungen vorantrieb. Die Bürger zeigten sich deswegen verärgert, weil viele Turm- und Mauerabschnitte mit Häusern verbunden waren und ein Teil der Wehrgänge z.B. von Färbern und Seilern wirtschaftlich genutzt wurde. Auch bei Hochwasser spielte die Stadtmauer entlang der Iller als Rettungsweg eine wichtige Rolle.

Staatliche Versuche, einen gemeinsamen Viktualienmarkt einzurichten, scheiterten noch im Jahre 1803 an den unterschiedlichen Auffassungen der Bürgerschaft. Die Differenzen zeigten sich auch darin, dass die Neustädter nicht bereit waren, die schwierige Finanzlage der Altstädter durch gemeinsame Preis- und Steuererhöhungen zu mildern. Im Jahre 1807 begann die Regierung Maßnahmen zur Beschleunigung des Vereinigungsprozesses. Eine davon war der im Jahre 1808 gefasste Beschluss, in der Mitte der bisherigen beiden Gemeinwesen eine gemeinsame Polizeidirektion einzurichten. Den Posten des Amtsleiters besetzte der Stadtkommissär Jakob Christian Wagenseil.

Auch die Anlage eines neuen Friedhofes sollte zum Zusammenwachsen beitragen. Der Friedhof um die Seelenkapelle wurde nach der Säkularisation 1802/1803 auf Betreiben der Bayerischen Regierung 1804 stillgelegt und durch den „Katholischen Friedhof“ am Gottesackerweg westlich der Rottachstraße ersetzt. Am 10. August 1804 weihte der letzte Großdekan des Fürststifts Kempten, Maurus Freiherr von Tänzel zu Tatzberg, diesen Friedhof ein. Zwischen 1814 und 1817 erhielt er eine Friedhofskapelle, dessen Altar ein 545 Jahre altes Kruzifix überragt, das aus dem Kemptener Franziskanerinnen Kloster St. Anna stammt. Im Jahre 1863 wurde dann die Aussegnungshalle gebaut.

Ein weiterer Schritt zur Vereinigung bildete die am 8. Januar 1811 geschaffene Munizipalgemeinde Kempten, die sich aus mehreren, vorher getrennten Gemeindeteilen bildete. Nunmehr umfasste sie sieben Gemeinden, sechs Dörfer, 93 Weiler und 56 Einöden. Zumindest auf dem Papier vereinigte die Munizipalgemeinde 1.199 Häuser und 2.191 Familien mit 10.098 Köpfen.

Auch die Brauchwasserversorgung des ehemaligen Stadt- oder Schlangenbachs, der sowohl durch das Stiftsgebiet als auch durch die Reichsstadt floss, ging nach dem Jahr 1802 an das bayerische Kurfürstentum. Ab da fehlte sowohl das Geld als auch der Wille, dieses Wassernetz zu erhalten. Schon 1804 wies das Hehlenwehr große Schäden auf und der Tunnel östlich des Wehres stürzte im Laufe der Zeit immer mehr ein. Gegen 1809 floss deshalb kein Rottachwasser mehr in die städtischen Kanäle. 

Da neue Techniken und die Entwicklung neuer Energien die Wasserkraft immer mehr verdrängten, gab es kaum mehr eine Notwendigkeit, das Kanalsystem in Stand zu setzen. Nur einzelne Personen, wie zum Beispiel der Müller „Bertele“, beschwerten sich im August 1811, weil er kaum noch genügend Wasserkraft hatte, um sein Mehl auszumahlen. Daraufhin wurden 1814 und 1816 das Hehlenwehr und der Tunnel erneuert. In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts blieben aber mangels Pflege vom Kanal nur noch Fragmente übrig.

Der Bau der Freitreppe im Jahre 1905 zwischen den beiden einstmals getrennten Städten, der auf Horchler zurückging, sollte das sichtbare Zeichen für eine städtebauliche Vereinigung der beiden Stadtteile sein. Zu den weiteren Ausbaumaßnahmen, die Horchler durchführen ließ, gehörte auch der Abbruch etlicher Häuser in der Altstadt, um einen besseren Verkehrsfluss zwischen Alt- und Neustadt und in Richtung Bahnhof zu ermöglichen.

Trotz all dieser Bemühungen war es sogar noch vor dem Ersten Weltkrieg fast undenkbar, dass evangelische Stadtbürger oder katholische Stiftangehörige untereinander heirateten. Erst nach dem Ersten Weltkrieg, den folgenden wirtschaftlichen Krisen der Inflation 1923/24 und der Weltwirtschaftskrise 1929/30 und sogar noch in manchen Fällen in der Zeit des Nationalsozialismus endete langsam dieser unselige Dualismus und die Bürger beider Stadtteile fühlten sich als Kemptener.

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