Wie sind die Aussichten?

In Kempten steigt die Temperatur am stärksten

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Dr. Michael Schneider (Biologe, v.l.), Alfred Karle-Fendt (Artenschutzexperte der BN-Kreisgruppe Kempten-Oberallgäu), Dr. Christine Margraf und Ralf Wiedemann (stellvertretender Vorsitzender der BN-Kreisgruppe Kempten-Oberallgäu warten darauf, dass der Klimaschutz endlich wirksam angepackt wird.

Kempten – Schon 2008 wertete der Bund Naturschutz (BN) bayernweit eine Untersuchung zu den Auswirkungen des Klimawandels aus. „Wir sind schon lange in diesem Thema aktiv“, sagt Dr. Christine Margraf, stellvertretende Landesbeauftragte des BN.

Aktuell liegt zudem eine Studie des Biologen Dr. Michael Schneider aus Wertach vor, die sich speziell auf das Allgäu bezieht. Was genau die klimatischen Veränderungen bedeuten und wo sie sich bei uns bereits zeigen, erläuterten BN-Experten auf einem Pressegespräch. Dabei wird klar: Klimaschutz und Naturschutz gehen Hand in Hand. Nach den zwei letzten heißen Sommern ist es endgültig für jeden sichtbar: Der Klimawandel zeigt sich unverkennbar in den Wäldern. Sie stehen im Hitzeund Trockenstress, viele Hektar Wald sind 2018 abgestorben. Dem zugrunde liegen eine höhere Durchschnittstemperatur mit zunehmend auftretenden Spitzenwerten, ein veränderter Wasserhaushalt, der allen Böden, Mooren und Fließgewässern weniger Wasser lässt und Tümpel komplett trockenlegen kann.

 „Auch wenn die gesamte Niederschlagsmenge des Jahres gleich bleibt, ist sie von der Natur nicht vollständig zu nutzen“, betont die stellvertretende Landesbeauftragte des BN, Christine Margraf. Fällt Starkregen auf ausgetrockneten Boden, kann dieser die großen Wassermengen nicht halten. Generell ist die Natur fähig, einer sich verändernden Umwelt anzupassen, doch sie werde von der unnatürlichen, menschengemachten Schnelligkeit der Veränderungen überrollt, mit der auch wir selbst in unseren Reaktionen nicht Schritt halten könnten. 

Der Wandel trifft auf belastete Natur
Ein weiteres „Gesetz“ verschärft die Klimakrise: Sind Ökosysteme und ihre Arten in intaktem Zustand, fällt die Anpassung leichter. Hitze und Trockenheit treffen jedoch auf belastete Landschaften in Form von zerschnittener Natur und intensiver Landwirtschaft, wodurch viele Arten per se schon unter Druck stehen. So ist die Feldlerche als Wiesenbrüter im Oberallgäu bereits verschwunden. Über die Insektenarmut auf überdüngten, artenarmen Wiesen hatte das betreffende Volksbegehren genügend aufgeklärt. „Studien zeigen, welche Landschaften besonders betroffen sind“, sagte die Landesbeauftragte des BN. Dazu gehören Gewässer oder Feuchtgebiete wie Moore und die hochalpinen Lagen, wo die Spezialisten des Tier- und Pflanzenreichs leben, die genau auf ihren jeweiligen Lebensraum angewiesen sind. 

Ein Beispiel aus dem Insektenreich ist der Hochmoorperlmuttfalter. In Tallagen des Allgäus unter 800 Metern ist er praktisch ausgestorben, der Hochmoorgelbling ist nur noch in Einzelexemplaren nachzuweisen. Ursache sind wahrscheinlich Frühjahrs- und Sommerhitzeperioden. Ein anderes, gegenteiliges Phänomen sind die zunehmenden wärmeliebenden Einwanderer aus dem Süden, die nicht als Ausgleich von verschwindenden Arten angesehen werden dürfen. „Die erfolgreichen Einwanderer sind anspruchslos, kommen überall zurecht und können unsere heimischen Arten verdrängen“, berichtet Alfred Karle-Fendt, Artenschutzexperte der BN-Kreisgruppe Kempten-Oberallgäu. In 2000 Metern Höhe fand er im August nachts nahe des Waltenberger Hauses aus Afrika einfliegende Falter, die dort Schädlinge sind. Jede Art bringe außerdem ihre Parasiten mit, die vor neuen Wirten nicht zurückschrecken. 

Besonders betroffen: Die Alpen
Für die heimischen Insekten kann Karle-Fendt hier noch Entwarnung geben. Bei den alpinen Arten seien noch keine Veränderungen festzustellen. Späte und starke Winterniederschläge bis ins Frühjahr hinein verzögern den Vegetationsbeginn und somit das Insektentreiben stärker, als durch die gestiegenen Temperaturen anzunehmen wäre. Die Jahresdurchschnittstemperaturen sind in den Alpen und auch im Allgäu vermehrt gestiegen. Der Trend liegt weltweit bei einer Erhöhung um ca. ein Grad Celsius seit dem Jahr 1900, im Allgäu wurden Werte zwischen 1,4 Grad in Oberstdorf und 2,4 Grad in Kempten gemessen. „Es wird angenommen, dass dieser Anstieg mit dem Albedo-Effekt zusammenhängt“, erklärte Dr. Michael Schneider. Die Albedo ist ein Maß für die Rückstrahlung von Oberflächen, die bei großen, zusammenhängenden Schneeflächen besonders hoch ist und damit Schnee- und Eisregionen kühlt. Da die Tage mit geschlossener Schneedecke abnehmen und die Schneegrenze steigt, fehlt den Alpengebieten der nötige Kühleffekt. Kempten liegt zunehmend unter der Schneegrenze und heizt sich somit noch stärker auf als Oberstdorf. 

Fakten, Zahlen, Aussichten
Die vergleichende Studie des Biologen betrachtet außerdem Gewässertemperaturen, Frosttage, das Verhalten von Zugvögeln sowie Vegetationsstartzeiten. An der Iller bei Sonthofen wurde ein Temperaturanstieg von 3,4 Grad Celsius seit 1981 festgestellt. Von 20 untersuchten Zugvogelarten kommen heute 16 Arten durchschnittlich 13 Tage früher in ihren Brutgebieten an. Die Dauer der Vegetationsperiode hat sich im Allgäu in den letzten 60 Jahren um bis zu 35 Tage verlängert. 

Berechnungen für die Zukunft liegen ebenfalls vor: In den nächsten Jahrzehnten wird es 40 bis 80 Tage weniger lang weiß sein und 50 Tage weniger Frost geben, die Niederschläge sinken um 200 Millimeter, die Temperatur für Oberstdorf steigt im Sommer um etwa zwei Grad Celsius und im Winter um drei Grad. Schneider hatte für seine Auswertungen zahlreiche Datenplattformen genutzt, die bis ins 19 Jahrhundert zurückreichen. Die Ergebnisse sind signifikant und stellen keine vereinzelten Ausnahmewerte dar, d.h. sie sind statistisch geprüft und wissenschaftlich bestätigt. 

Unordnung im Ökosystem
Brutvögel länger bei uns zu haben, erscheint zunächst nicht tragisch. „Wenn die Vögel zu den Ankunftszeiten noch kein Futter finden, ist die Nahrungskette nicht mehr stimmig“, sagt Michael Schneider. Das Angebot passt nicht zur Nachfrage. Vermehrt früher kommen die Kurzstreckenzieher unter den Zugvögeln. Sie sind jedoch die Wirtsvögel für den später eintreffenden Kuckuck, für den es schwieriger werden kann, ein frisches Gelege zu finden. Im hochalpinen Gelände können die kälteliebenden Arten aufwärts wandern, aber irgendwo erreicht der Berg seinen Gipfel, der Humus wird zu dünn für Murmeltierhöhlen und der Lebensraum wird zudem eng für zu viele Flüchtlinge. Hitzestress macht übrigens auch Tiere träge: Bei Gemsen wurde ein bis zu 25 Prozent geringeres Körpergewicht festgestellt, da sie mehr ruhen. Ein glücklicher Umstand ist aber, dass Säugetiere nicht stark spezialisiert sind. „Sie sind noch sehr anpassungsfähig“, sagt Margraf. 

Leider sind dies auch die Schädlinge, wie der Borkenkäfer. Früher brachte der Borkenkäfer zwei Generationen im Jahr hervor. In den 1980er – 90er Jahren wurden zunächst drei Generationen festgestellt, was heute als Normalfall gilt. In Franken gab es jetzt erstmals vier Generationen. Was diese Käfermasse in bereits geschädigten Wäldern anrichten kann, sorgt bei Forstleuten für schlechte Träume.

Naturschutz hilft dem Klima – Ungeduld beim BN
Kein Ökosystem kann es sich leisten, zu viele Arten zu verlieren. Das Gleichgewicht in den Systemen ist komplex, aber notwendig für ihr stabiles Bestehen. Der BN fordert deshalb, mehr Schutzgebiete auszurufen, in denen gefährdete Arten Zeit bekommen, sich anzupassen. Dass Naturschutz gleichzeitig Klimaschutz ist, zeigt sich plausibel bei den Böden. Grünland speichert unter der Oberfläche 31 Prozent mehr Kohlenstoff als intensiv bewirtschaftete Äcker wie Maisfelder, die Wildschweine mittlerweile bis ins Illertal vorrücken lassen. 

Der CO2-Ausstoß in Bayern kommt zu acht Prozent aus den Mooren, je trockener sie sind, desto mehr Gas entsteht. Durch weitläufige Renaturierung der Moore lässt sich dementsprechend viel Klimagas einsparen. Der Waldschutz und -umbau spielt aus gleichem Grund eine enorme Rolle. Weitere zentrale Forderungen des BN beziehen sich auf den Biotopverbund, eine bessere finanzielle Unterstützung der ökologischen Landwirtschaft und eine intensivere Forschung im gesamten Themenfeld.

 Ralf Wiedemann, stellvertretender Vorsitzender der BN Kreisgruppe Kempten/Oberallgäu, sprach als zentrale Forderung ebenso die Energiewirtschaft an. „Ein Tourismusvorhaben wie am Grünten ist kontraproduktiv. Hier wird der Energieverbrauch als auch der Autoverkehr gefördert.“ Ein komplettes Umdenken im Verkehr sei nötig, außerdem der Ausbau Erneuerbarer Energien und eine klimaschonende Verwendung von Steuergeldern. Wiedemann wie zuvor auch Christine Margraf betonen, dass Klimaschutz endlich wirksam sein muss. Ihre Ungeduld ist zu spüren. Es passiere zu wenig. Das sieht die Fridays For Future Bewegung auf der ganzen Welt genauso. 


Annette Mayr

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