Von der Antike bis heute – Fachvortrag im Alpin-Museum

Der Ursprung des Asyls

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Prof. Dr. Ulrich Sinn, ehemals Dozent für Klassische Archäologie an der Universität Würzburg und selbst ausgewiesener Feldarchäologe, erläuterte im Alpin-Museum auf Einladung der Diakonie Kempten den Begriff des antiken „Asyls“ vor einem interessierten Publikum.

Kempten – In diesen Zeiten wird allen Orten das Wort „Asyl“ in den Mund genommen. Woher aber stammt der Begriff „Asyl“? Licht ins Dunkel dieser Frage brachte am vergangenen Donnerstag Abend Prof. Dr. Ulrich Sinn, ein studierter Fachmannn auf dem Gebiet der Klassischen Archäologie, alter Geschichte und Kunstgeschichte, im Rahmen seines Vortrages „Asyl in der Antike“ im Alpin-Museum in Kempten.

Eingeladen zu seinem Fachvortrag hatte die Diakonie Kempten.

Ursprünglich geht der Begriff des Asyls auf das antike Griechenland zurück. Beginnend im 1. Jahrtausend v. Chr. begaben sich dort Menschen, die an Leib und Leben in ihren ursprünglichen Herkunftsregionen bedroht waren, in die Fremde, wo sie als sogenannte Schutzflehende heilige Stätten aufsuchten und dort die verantwortlichen Priester um Schutz vor Verfolgung baten. Dieses antike Ritual des Schutzsuchens wird in der Fachsprache auch als Hikesie bezeichnet. Die Schutz suchenden „Hikediten“ flohen unabhängig ihrer tatsächlichen persönlichen Schuld zu Tempeln, Götterbildern, Altären oder auch profanen Feuerstätten, die gleichsam als göttliche Stätten galten, um ihren Häschern oder einer etwaigen Lynchjustiz zu entkommen. An diesen heiligen Stätten konnten unter anderem junge Frauen einer Zwangsheirat entgehen oder Sklaven ihren Weiterverkauf an einen besseren Herrn erwirken. Diese Art des Asyls war nicht auf Dauer angelegt, sondern der zuständige Priester befand jeweils über das Schicksal des Hiketiden, des Schutzsuchenden. In der Antike, also der Zeit vor Christi Geburt, war die griechische Halbinsel in vielerei Stadtstaaten zersplittert. In all diesen Stadtstaaten, in ihrer Fläche vergleichbar mit den heutigen Landkreisen, galt jeweils ein individuelles, nur auf den einen Stadtstaat bezogenes Recht. Es konnte also aus mannigfaltigen Gründen ein Bewohner dieser Gemarkung schnell in Ungnade der herrschenden Klasse geraten und zur Flucht gezwungen sein. Dann begab sich dieser auf das Terretorium eines benachbartes Stadtstaates, wo er eine heilige Stätte aufsuchte und den dortigen Priester um Schutz anflehte.

In den darauf folgenden Jahrhunderten wurde diese antike Form des modernen „Kirchenasyls“ sowohl im Imperium Romanun aufgenommen als auch im zeitgleich aufkommenden Christentum. Heidnische und christliche „Hikediten“ flohen fortan in Klöster oder Kirchen und erfuhren hier Schutz vor Verfolgung. Seinen öffentlichen Widerhall fand das Thema „Asyl“ in der Antike insbesondere in der Form der griechischen Tragödie. In unzähligen Stücken beschäftigte sich das antike Theater mit dem Schicksal der Schutzflehenden.

Anschaulich erläuterte Prof. Dr. Ulrich Sinn seine Thesen zum antiken Asyl am Beispiel der Hera-Heiligtümer auf der heutigen griechischen Insel Samos. Die Götterkönigin Hera war eine bedeutende Figur der griechischen Mytholgie und ihr Heiligstätten waren unter anderem auch Fluchtsstätten für Schutzsuchende.

Zum Abschluss seines Fachvortrages stellte Prof. Dr. Ulrich Sinn den antiken Begriff des Asyls in Zusammenhang mit der Moderne. Das Prinzip der antiken Form des Asyls sei ähnlich zu verstehen wie das Schicksal der rund 4000 DDR-Flüchtlinge, die im Jahre 1989 Asyl in der deutschen Botschaft in Prag fanden und von dort ihren Weg in die Freiheit nach Westdeutschland antreten durften.

Jörg Spielberg

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