"Heute bin ich Dein Auge"

Unterwegs mit Festwochenbegleitern 

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Einen schönen Tag auf der Allgäuer Festwoche haben Vanessa Weidenfels (3.v.l.) und Sigi Thomas Freudling dank ihren Begleiterinnen Waltraud Blender (l.), Stefanie Kraft (2.v.l.) und Steffi Schnellinger (r.).

Wer geht mit wem? Wie lange bleiben wir? Wer kauft die Karten? Wo ist meine Tasche? Die Aufregung ist deutlich zu spüren. Vanessa Weidenfels und ihr Freund Sigi Thomas Freudling haben sich gerade mit ihren Festwochenbegleitern am Busbahnsteig der ZUM getroffen.

Weidenfels und Freudling sind blind. Die drei Begleiterinnen haben sich bereits untergehakt und ihre Taschen geschultert. „Jetzt, wo wir schon einmal hier sind, möchte ich schon bis 18 Uhr bleiben“, sagt Weidenfels. Eine kurze Absprache. „Falls jemand früher weg muss, übernehme ich“, wirft Stefan Raichle vom Caritasverband Kempten-Oberallgäu e.V. ein. Er ist verantwortlich für die Festwochenbegleiter und ist zum Busbahnhof gekommen, um die restlichen Fragen zu klären.

Nun kann es losgehen. Ticketkauf, Bordstein, Taschenkontrolle, Getümmel. Freudling und Weidenfels bewegen ihre Blindenstöcke im Gehen permanent von links nach rechts, um den Weg vor sich abzutasten. Bemerken die anderen Festwochenbesucher die Gruppe, treten sie ein Stück zur Seite. Nur einmal geht es nicht weiter, als die Gruppe den Weg mehrerer Rollstuhlfahrer kreuzt.

Trotzdem ist es laut. Stimmengewirr, Musik, Durchsagen. Begleiterin Stefanie Kraft muss ihre Stimme heben: „Soll ich dir sagen, was wir gerade sehen?“, fragt sie Freudling und erzählt von Glückshafen und Essensständen auf der rechten Seite. Freudling ist nach 20 Jahren zum ersten Mal auf dem Volksfest. „Das letzte Mal war ich mit meinen Eltern. Jetzt freue ich mich schon sehr“, sagt der Unterallgäuer, der bei der Bayerischen Staatsregierung arbeitet. Vanessa Weidenfels kommt ursprünglich aus Berlin und ist seit zwei Jahren im Allgäu. Sie macht eine Ausbildung zur Blinden- und Sehbehindertenberaterin beim Bayerischen Blinden- und Sehbehinderten-Bund e.V. Letztes Jahr war sie schon einmal mit ihrer diesjährigen Begleiterin Waltraud Blender auf der Festwoche. „Ganz klar: Ohne die Begleiter könnten wir die Festwoche nicht besuchen“, sagt sie. Zu groß ist das Gelände, zu zahlreich sind die Stände.

13 Ehrenamtliche und etliche Springer haben sich dieses Jahr gemeldet, um Menschen mit Behinderung auf der Festwoche zu begleiten. Neu ist heuer, dass der Service jeden Tag in Anspruch genommen werden kann. Eine Begleiterin ist Stefanie Kraft. Sie macht gerade ein Sabatjahr und ist zum ersten Mal dabei: „Ich freue mich, neue Menschen kennenzulernen“, erklärt sie. In ihrem freien Jahr macht sie, auf was sie Lust hat und engagiert sich ehrenamtlich. Die Initiative für die Festwochenbegleiter ging ursprünglich vom Behindertenbeirat Kempten aus, der die Festwoche Schritt für Schritt barrierefrei gestalten will. Aber nicht nur die Behinderten sollen von dem Service profitieren, sondern auch die Begleiter: „Sie erfahren einen Perspektivwechsel über drei Stunden und können unkompliziert mit Menschen mit Behinderung in Kontakt kommen“, sagt Koordinator Raichle. Dafür müssen alle eine Schulung absolvieren, in der sie lernen, was es bedeutet, (seh-)behindert zu sein. 

Rollenspiele mit Augenbinde oder Rollstühlen helfen dabei. Es gibt auch einen Rundgang über das Gelände, um die Erste-Hilfe-Stationen und sanitären Anlagen kennenzulernen. Und noch einen Vorteil hat die Schulung: Die Verantwortlichen von der Caritas lernen die Begleiter und die Zeiten, zu denen sie zur Verfügung stehen, schon einmal kennen, sodass sie bei Bedarf den passenden Behinderten zuordnen können.

Alle folgen jetzt Vanessa Weidenfels, deren Kommando lautet: „Alle Mann zu Halle 4!“. Sie und ihr Freund haben sich am Vortag genau überlegt, welche Hallen sie besuchen wollen. Ihr Laptop besitzt eine Sprachausgabe, so können sie im Internet surfen. In Halle 4 heißt es kurz anstoßen mit Chai-Tee aus Schnaps-Bechern dann geht es zum Keks-Stand. Freudling tastet eine Packung ab. Es knistert laut. Anhand der Keksform kann er erkennen, welche Sorte es ist. Steffi Kraft liest die Inhaltsliste vor, weil Vanessa Weidenfels nicht alle Nahrungsmittel vertragen kann.

Die Verkäuferin am Käsestand erkennt die extrovertierte Frau. „Ihr wart letztes Jahr schon einmal da!“, ruft sie erfreut und gibt jedem Käsestücke zum Probieren. Die beiden Sehbehinderten halten ihre Hände offen hin, sodass sie die Probierstücke nur hineinlegen muss. Vanessa Weidenfels kauft Uri- und Blümlikäse und Hirschsalami. Ihre Begleiterin hilft ihr, den Geldbeutel herauszuholen. „Wichtig ist für uns, dass unsere Begleiter nicht für uns sprechen oder Geld für uns annehmen!“, erklärt sie und fühlt die Größe der Geldstücke, um den Käse zu bezahlen. 

Manche Begleiter müssen sich erst daran gewöhnen, dass die Begleiteten so deutlich sagen, was sie wollen. „Aber das ist gut so“, sagt Koordinator Raichle. Er hat an diesem Festwochentag schon relativ viele jüngere Rollstuhlfahrer gesehen. Das heißt für ihn: „Jüngere Leute trauen sich, Anspruch zu haben und zu sagen, ich möchte ganz normal auf der Festwoche sein – toll!“, freut er sich über den Trend zu mehr Selbstbewusstsein. Als nächstes will der Behindertenbeirat die Standbetreiber noch mehr für Barrierefreiheit sensibilisieren.

Aber ist es für Behinderte nicht sehr anstrengend hier? „Ja, Rummel und Lautstärke nerven schon ein bisschen“, sagt Sigi Thomas Freudling, „aber man weiß ja, was einen erwartet. Man muss halt ausgeschlafen sein, dann geht das schon. Und die Beschreibungen der Begleiter sind sehr gut!“ Er und Vanessa möchten nun ergonomische Sitzmöbel anschauen. Die Begleiterinnen haken sich unter. Langsam bewegt sich die Gruppe in Richtung Halle 3. Auf dem Programm stehen heute noch die Hallen 8, 9, 10a und 12.

Susanne Kustermann

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