"Es ist mehr als nur Beilage!"

Beim Neujahrsempfang der ÖDP Allgäu ging es neben aktuellen Aufgaben um Ernährung ohne Fleisch

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Der neu gewählte Vorstand der ÖDP Allgäu (v.l.): Kassiererin Michaela Weppner, Beisitzer Franz Horn, stellvertretender Vorstand und Landtagskandidat süd Michael Finger sowie Vorstand, Stadtrat und Landtagskandidat nord Michael Hofer. Es fehlen Beisitzerin Gisela Chronz und Schriftführer Reinhard Grünes.

Kempten/Oberallgäu – Will die ÖDP nun mit Vegetarismus Politik machen? Zu ihrem ökologischen Programm scheint das Thema ja zu passen. Dass pflanzliche Nahrung weniger energieaufwendig hergestellt werden kann als tierische, ist hinlänglich bekannt.

Auch die Urwaldrodungen für die in der Massentierhaltung benötigten Soja-Futterflächen dürften den meisten Menschen ein Begriff sein, genauso wie der hohe CO2-Ausstoß der Fleisch- und Milchproduktion. Aber das ist nicht der Grund, warum die Allgäuer ÖDP beim Neujahrsempfang im Haus International einen Vortrag über Vegetarismus vorgesehen hatte.

Es ging der Partei vielmehr um Toleranz und den Dialog verschiedener Gesellschaftsgruppen. „Wir möchten weder Fleischesser noch Vegetarier ausschließen“, sagt Michael Finger, der frisch wiedergewählte stellvertretende Vorstand der Kreisgruppe Oberallgäu. „Uns interessiert, wie ein Vegetarier die Gründe für seinen Lebensstil erklärt.“

Eingeladen dafür war die Kemptener Gesundheitstrainerin und Allgäuer Wildkräuterführerin Ulrike Herz. Sie ist seit 30 Jahren Vegetarierin und lichtete erst einmal das Dickicht im Begriffsjungel. Während Veganer alles Tierische weglassen, also auch Eier, Milch und sogar Honig; ernähren sich Laktovegetarier von pflanzlichen Produkten und Milch. Ovo-Lakto-Vegetarier nehmen zusätzlich Eier zu sich.

"Alle könnten satt werden"

In ihrem Vortrag ging die Gesundheitstrainerin nur kurz auf die mit übermäßigem Fleischkonsum einhergehenden Umweltschäden ein. Die Gülleflut und das in Brasilien herrschende Pestizidproblem erwähnte sie. 100 Menschen sterben dort jährlich an Pestiziden. 2000 werden wegen der Spritzmitteln in ein Krankenhaus eingewiesen.

Das Hungerproblem erklärte Herz allerdings für gelöst, wenn man auf allen Futterflächen Nahrung anbauen würde. „Rinder vertilgen ein Drittel der weltweiten Getreide-Ernte“, sagte sie.

Im Medizinstudium seien Ernährungswissenschaften kein Thema zitierte Herz aus einem Buch von Dr. med. Ernst Walter Hendrich, der sich mit dem Thema befasst hatte und sich seither vegan ernährt. Zunächst sei er den „Vorurteilen der Ernährungsindustrie“ aufgesessen, um dann herauszufinden, dass in Pflanzen alle nötigen Vitamine und Vitalstoffe enthalten seien, die zum Leben nötig sind. Einzig das Vitamin B12 müsse man ergänzen. Seither propagiert der Arzt den veganen Lebensstil.

Drei bis fünf Tage verweile Fleisch im rund zehn Meter langen menschlichen Darm. „Man stelle sich dann vor, wie das Fleisch dann aussieht – es wird toxisch“, sagte Herz. Fleischfressende Tiere hätten einen viel kürzeren Darm und kein Kiefer, das sich von rechts nach links bewegen lasse. Ein Indiz dafür, dass der Mensch ein Pflanzenfresser sei. Den Einwand eines anwesenden Arztes, dass sich Eskimos ausschließlich von Fleisch ernährten und der Mensch den Verdauungstrackt eines Allesfressers besitze, ließ die Wildkräuterführerin nicht gelten. Eskimos hätten eine Lebenserwartung von nur 17 Jahren.

Als großes Problem bezeichnete Herz die Entstehung von „Säure“ bei der Verdauung von tierischer Nahrung. Damit werden viele schwerwiegende Krankheiten wie Diabetes und auch Krebs in Verbindung gebracht. Antibiotika, Harnsäure, Schwefel – diese Stoffe würden außerdem zusammen mit dem Fleisch aufgenommen. Dagegen steckten im Chlorophyll, dem Blattgrün, viele Vitamine und Spurenelemente wie Kupfer und Kalzium. Es fördere die Wundheilung, den Aufbau von Blutzellen und binde Giftstoffe. Gerade junge Sprossen seien sehr gesund. Aus vielen Gemüse-Arten seien heutzutage die Gerb- und Bitterstoffe herausgezüchtet, die aber so wichtig seien. Deshalb greift die Gesundheitstrainerin auf viele Wildkräuter aus ihrem Garten und der Wiese zurück.

Schließlich führte Herz auch ethisch-religiöse Gründe dafür an, auf Fleisch zu verzichten. Im Gegensatz zum „toten“ Fleisch seien Gemüse und Getreide lebendig und könnten lange gelagert werden. In „jeder Heiligen Schrift“ stehe geschrieben, „du sollst nicht töten“ – nicht, du sollst keine Menschen töten. Sie warb für einen positiven und freudigen Umgang mit dem Thema. „Da eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten“, so Herz.

Für wichtig hielt Michael Finger auch den Hinweis, dass Nutztiere ab einem bestimmten Alter nicht mehr die nötige Leistung erbringen, um rentabel zu sein. „Die Kosten dann immer Geld“, sagte er.

"Wir sind das ökologische Gewissen"

Schließlich griffen die beiden künftigen Landtagskandidaten Michael Hofer (für den Altlandkreis Kempten) und Michael Finger (für Oberallgäu Süd) abschließend für die ÖDP wichtige Themen auf. Etwas getan werden müsse gegen die geringen Kosten für Flugreisen. Durch die Subventionierung von Kerosin durch den Freistaat werde das Fliegen noch billiger und die Flugzeuge nähmen sogar Umwege in Kauf, um das billige Münchner Kerosin zu tanken, das von Haus aus schon nicht besteuert sei.

Für paradox hielt Finger, dass der designierte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erst kürzlich das Anbindegebot für Gewerbegebiete an Gemeinden aufgelöst und damit das Bauen auf freier Wiese Tür und Tor geöffnet habe und anschließend die Bürger aufgefordert hat, sich am Kampf gegen den Flächenfraß zu beteiligen.

Für nicht sinnvoll hielt Hofer den vierspurigen Ausbau der B12. „Wir brauchen eine anständige Eisenbahn“, sagte er. Und: Es braucht die ÖDP, resümierte er, denn sie sei eine Partei, die keinerlei Spenden annehme, und eine Oppositionskraft, die viel auf die Beine stelle, fügte Finger an. Susanne Kustermann

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