Veränderte Realität

Ulrich Kuen, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in der Ambulanz des BKH.

„Manchmal ist es mit dem Pfarrer so wie mit dem lieben Gott – man sieht/hört ihn nicht – und doch ist er da“, zog Pfarrer Ulrich Gampert sein Schlusswort zum Allgäuer Trialog „Psychose und Wirklichkeit – zwei Welten“. Er sah diesmal das Zuhören als seinen Beitrag an und bot dies auch Betroffenen wie Angehörigen an. „Sich annehmen wie man ist und erkennen, dass der Weg vor der Erkrankung nicht der Richtige war – sonst wäre man nicht krank geworden“, empfand Manfred Thielert vom Gesprächskreis Depression als Resümee des Abends.

„Psychose und Wirklichkeit – zwei Welten“ – Ulrich Kuen, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in der Ambulanz des BKH Kempten, hielt dazu anfangs vor den rund 60 Teilnehmern ein Impulsreferat. „Bei einer Psychose ist die Realität verändert – und zwar in einer Weise, die von anderen – beispielsweise durch Trugbilder, Halluzinationen, Wahnvorstellungen – nicht mehr nachvollziehbar ist.“ Die Konzentration verändere sich und langfristig könne sich der Betroffene mit nichts anderem mehr beschäftigen. Sait Eroglu, Psychologe im SpDi der Diakonie Kempten Allgäu in Immenstadt verglich diese verschobene Wirklichkeit mit einem „Erdbeben“ bei dem nichts mehr ist wie vorher. Nach der gelungenen Behandlung der Erkrankung tue sich eine neue Welt auf, bei der sich Einiges zur ersten Welt verändert habe. Bei der aktuellen Veranstaltung kamen vielfach die Angehörigen zu Wort. Sie machten ihr Unverständnis deutlich, wenn der Erkrankte nicht mal mehr die Post aufmachen will, den Müll nicht mehr wegbringt oder das Geschirr wieder dreckig in der Spüle steht. „Er will ja“, versuchte Thielert einem Elternpaar Verständnis für den psychotischen Sohn zu vermitteln. „Aber er kann es nicht, weil er seine ganze Kraft darauf ausrichtet, Argumente zu finden, warum er dies oder jenes nicht machen kann.“ Angst spiele eine große Rolle, vermittelte Konstanze Koenning-Egetmeyer. Darüber werde zu selten gesprochen, kritisierte die Psychologin im Vorstand des Gemeindepsychiatrischen Verbundes (GPV). Angst hätten sowohl die Betroffenen als auch die Angehörigen und sogar behandelnde Ärzte. Hier stellte Hannelore Keck von der Angehörigen-Gruppe im Oberallgäu die kritische Frage: „Wie lange dauert es denn, bis ein Betroffener eine Gesprächstherapie bekommt?“ Eroglu wusste, dass generell eine Wartezeit von über sechs Monaten besteht. „Hierfür sind wir ja bei der Diakonie da. Wir versuchen diese Zeit zu überbrücken. Bei uns in Immenstadt habe ich den nächsten freien Termin in drei Wochen in meinem Kalender.“ Und auch Experte Kuen aus dem BKH meinte: „Für Notfälle ist immer jemand da.“ Gerade deshalb sei der Austausch in der Angehörigengruppe so wichtig, meinte eine junge Mutter. „Ich nehme immer ein oder zwei Anregungen mit heim.“ Eine andere Besucherin riet: „Versuchen Sie, im Jetzt zu bleiben.“ Ein Mann erzählte hingegen davon, dass er im Laufe von nunmehr 20 Jahren in seinem Körper Frühwarnsymptome wahrnehme. Das habe er in psychoedukativen Selbsthilfegruppen gelernt. Eines wurde an diesem Abend offensichtlich: Erkrankungen dieser Art lassen sich nicht „auf die Schnelle“ behandeln. Hier braucht es viel Geduld, Verständnis und Zeit.

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