Betrachtung: Stadtentwicklung

Veranstaltungsreihe "Bewegter Donnerstag" beginnt mit einem Paukenschlag

+
(v.l.) Prof. Christian Wagner (Institut für Bauen im alpinen Raum), Antje Schlüter (Leiterin Stadtplanungsamt), Marina Hämmerle (Büro für baukulturelle Angelegenheiten Lustenaus), Franz G. Schröck (Geschäftsführer Architekturforum Allgäu).

Kempten – Das zum Auftakt gewählte Thema hat offenbar einen Nerv getroffen: Der Andrang interessierter Leute war überraschend heftig, so dass die 60 Sitzplätze des Raums im Dachgeschoss des Zumsteinhauses bei Weitem nicht ausreichten.

Bereits der erste Impulsvortrag von Marina Hämmerle mit der Überschrift „Was können wir von der historischen Stadt lernen?“ war ein Augenöffner. Auch alte Stadtansichten von Kempten zeigen, dass sie einst ein Körper war, der Orientierung bot und sich mit Mauern von der Natur abgrenzte, um sich zu schützen. Sie war wie ein öffentliches Wohnzimmer und entwickelte sich immer aus der Perspektive der Fußgänger. Die Summe der Häuser bildete einen sogenannten Kanon, da sie verwandte Elemente aufwiesen, wodurch Harmonie entstand und Straßenzüge eine Identität bekamen. Das spürt man auch heute noch beim Durchgehen und fühlt sich deshalb wohl in Stifts- und Altstadt. Heute, so Hämmerle, sei der Stadtkörper sehr zerrissen, von unguten Maßstabsprüngen geprägt, autozentriert und wenig einladend für Menschen, die gern oder gezwungenermaßen zu Fuß gehen.

„Eine Stadt ist wie ein Film, d. h. sie darf und soll sich verändern“, erinnerte Hämmerle und leitete damit zu den modernen Bedürfnissen und Anforderungen an den Siedlungsraum über. Angesichts des sich erwärmenden Klimas muss mehr Natur in die Stadt gebracht werden, was z. B. mit begrünten Dächern, der Renaturierung von Gewässern und schattenspendenden Baumpflanzungen gelingt. „Klimaanpassungsmaßnahmen“ heißt das Schlagwort, die der Biodiversität, den Vögeln und Insekten eine Chance geben soll. Die Beispiele auf den Folien aus Wien, Amsterdam, Paris und Lustenau zeugen davon, dass naturinklusive Planung und interdisziplinäre Zusammenarbeit der Fachleute aus Architektur, Soziologie und Biologie neue oder erneuerte Quartiere mit hoher Wohn- und Freiraumqualität ermöglichen. Aber: Nur wenn es politisch gewollt ist, gelingen CO2-Reduktion und Temperatursenkung in der Stadt!

„Die Vogelperspektive ist der harmloseste Blick auf die Stadt, da sieht sie immer nett und putzig aus“, stellte Prof. Christian Wagner fest. Aus niedriger Flughöhe dagegen wirken die Städte weit weniger harmonisch, sie breiten sich aus wie eine wuchernde Flechte und verknappen die Freiraumflächen. Deshalb dürfen sich in der Schweiz aufgrund eines Volksentscheids die Dörfer und Städte nicht mehr nach außen, nur noch nach innen entwickeln. Das bedeute, dass höher und dichter gebaut wird. Ein Gestaltungsbeirat, wie auch Kempten einen hat, dringe in die Privatsphäre der Menschen ein und sei deshalb nicht unbedingt beliebt. „Der bei uns zelebrierte Individualismus, der die Basis für die westliche Modernisierung darstellt, ist das größte Problem und macht kollektives Handeln zum Wohle der ,Physiognomie‘ der Stadt sehr schwierig“, erklärte Wagner. Weil aber Architektur uns alle als Gemeinschaft betrifft, müssen bestimmte Ordnungsprinzipien gesucht und festgehalten werden. Das Schöne ist zu wiederholen, um der Zerstreuung und Komplexität entgegenzuwirken. Aus langjähriger Erfahrung weiß Wagner, dass ein Planungsbeirat bereits in einer ganz frühen Phase der immer langwierigeren Planungsvorgänge einbezogen werden soll, dass er einen langen Atem braucht und sich oft mit kleinen Erfolgen in den Stadtquartieren zufriedengeben muss.

Die anschließende Diskussion war thematisch breit gefächert, wobei viele Beiträge die Kernfrage „Wo anfangen, das Chaos aufzuräumen?“ berührten. Hier eine Auswahl der Anliegen und Kritiken aus dem Publikum: Sollen historische Denkmäler wie das Beginenhaus erhalten werden? Wagner dazu: „In 99 Prozent der Fälle wird das Neue schlechter als das Alte.“ 

Beim Neubaugebiet in Heiligkreuz wurde der „unverantwortliche Flächenverbrauch“ beanstandet, beim freigewordenen Areal der Ari-Kaserne eine Mischung aus Wohnen und Gewerbe gewünscht. 

„Die Stadt bitte nicht länger aus dem fahrenden Auto heraus denken!“ war einer der Appelle an die städtische Verkehrspolitik, wobei gar das Wort „autohörig“ fiel. 

Am Donnerstag, 6. August 2020, wird die „Vogel-Perspektive“ mit dem Themenabend „Außen-Perspektive“ fortgesetzt. Wer Interesse hat, am neuen Flächennutzungsplan mitzuwirken, kann sich bei Antje Schlüter melden:stadtplanung@kempten.de.

Kommentar

Sollte ich jemand übersehen haben, oder hat an dieser äußerst erhellenden und gehaltvollen Veranstaltung tatsächlich kein Stadtrat, keine Stadträtin, geschweige denn ein Mitglied des Bauausschusses teilgenommen? Sicher können alle eine überzeugende Erklärung dafür vorweisen … Aber haben nicht jedem und jeder „die Ohren geklingelt“, als im Laufe des Abends deutlich wurde, dass anderswo ein anderes Bewusstsein herrscht? Bei unseren Nachbarn in der Schweiz und in Österreich sind nämlich verkehrstechnisch und stadtplanerisch Dinge möglich und selbstverständlich, die in meiner Heimatstadt nur äußerst zäh realisiert werden oder undenkbar sind. Eigentlich peinlich. Ich frage mich auch, weshalb der Baureferent oder eine andere Fachperson aus der Stadtverwaltung nicht für die „verstimmte“ Antje Schlüter eingesprungen ist? Dann wäre nämlich der Kemptenbezug deutlicher geworden. Da viele Interessierte aus Platzmangel abgewiesen werden mussten, wäre bei einer Wiederholung der Veranstaltung (dann bitte mit Mikro!) der Saal bestimmt noch einmal voll. Und: Den politisch Verantwortlichen böte sich eine zweite Chance, neue Gedanken aufzunehmen, bzw. neu motiviert und informiert ihre Aufgaben zur Stadt- entwicklung anzugehen.

Elisabeth Brock

Auch interessant

Meistgelesen

Einbruch in eine Wohnung in der Bodmanstraße
Einbruch in eine Wohnung in der Bodmanstraße
Eine Entscheidung fürs Leben
Eine Entscheidung fürs Leben
Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz: Alte Linde bleibt erhalten
Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz: Alte Linde bleibt erhalten
Entscheidung zur Causa Knussert
Entscheidung zur Causa Knussert

Kommentare