TIK-Eigenproduktion "Enigma" feiert Premiere

Giftig und zugleich feinfühlig

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Heftiges verbales Duell im TheaterInKempten: Literaturnobelpreisträger Abel Znorko (links) und Journalist Erik Larsen bei der Suche nach der Wahrheit.

Kempten – Zwei Schüsse, im Hintergrund die Musik von Edgar Elgars 14 „Enigma-Variationen, op. 36” – und die Rätsel sind bereit sich zu entfalten. „Enigma“ bedeutet „Rätsel“ und ist Titel des Schauspiels von Eric-Emmanuel Schmitt, das der Regisseur Oliver Karbus als viertes Stück für das Theater in Kempten (TIK) inszeniert hat.

Vergangenen Samstag feierte das aus giftigen bis feinfühlenden Dialogen gestrickte Stück auf der großen Bühne mit zwei unglaublich packenden Schauspielern und einem rundweg begeisterten Publikum Premiere. Bisweilen fast unerträglich steigern sich die beiden ungleichen Kontrahenten in ihre Suche nach der Wahrheit – oder sind es individuelle Wahrheiten, die kleine oder auch keine gemeinsamen Schnittmengen haben? Wie viele „Gesichter“ verbergen sich in dem scheinbar für jeden doch offensichtlich nur einen Gesicht, das dennoch für jeden eine andere Wahrheit bereit hält? Wann sind wir wahrhaftig? Oder sind wir es im Grunde immer, nur eben im Rahmen der jeweiligen Rolle, die vielleicht nicht einmal eine Rolle, sondern nur eine unserer vielgestaltigen Teilwahrheiten ist? Wie ein roter Faden zieht sich Elgars Komposition – er selbst hatte einst den Hinweis auf ein darin verstecktes, bis heute nicht gelöstes Rätsel gegeben, dass neben dem Originalthema noch ein zweites Thema darin ertöne, aber nicht gespielt werde – wie ein bedeutungsschwangeres Symbol durch die dramatischen, voller überraschender Wendungen steckenden Offenbarungen, die sich die beiden Protagonisten gegenseitig abringen. Ausgerechnet dem Provinzjournalist Erik Larsen (Thomas Lackner) gewährt der misanthropische Literaturnobelpreisträger Abel Znorko (Harro Korn) ein Interview zu seinem neuesten Bestseller „Die uneingestandene Liebe“. Der aus dem Briefwechsel zwischen einem Mann und einer Frau bestehende Liebesroman ist den Initialen „H.M.“ gewidmet, an deren Identität sich ein erbittertes verbales Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden Männern entfaltet. (Er-)Lösungen jagen Rätsel, jagen (Er-)Lösungen, im Mittelpunkt die Liebe und – ja – eine Frau: Helene Metternach, die in wechselnden Hintergrundbildern zunächst als scheinbare Landschaftsaufnahme, dann zunehmend deutlicher als Frauen- körper wahrnehmbar, immer anwesend ist – ohne jemals ihr (wahres?) Gesicht preis zu geben. Arrogant, verletzend, sich damit brüstend ein Despot zu sein, wird Znorko nicht müde seinen Gast zu demütigen. Hartnäckig aber immer respektvoll im Umgang mit seinem Gegenüber wirft dieser mehrfach sozusagen das Handtuch und geht, um jedesmal durch zwei erneute Gewehrsalven darauf aufmerksam gemacht zu werden, dass der zynische Einsiedler ihm noch etwas zu sagen hat. Und doch entwickelt sich im Verlauf auch eine fast zarte Komponente in dieser sich gegenseitig eher feindselig umkreisenden Beziehung. Ein Werk, das die Kombination Liebe, Tod und Wahrheit zu bewerkstelligen vermag, wenn auch vielleicht auf andere Art, als der Zuschauer fast bis zum Schluss zu wissen glaubt. Soviel sei verraten: Es ist am Ende weniger Znorko, der Antworten auf Fragen geben kann; es ist der vermeintliche Interviewer, der ihm die – oder doch wieder nur eine? – Wahrheit offenbart. 

 Zu sehen ist das Stück im TIK noch einmal am kommenden Freitag, 1. März (20 Uhr), und am kommenden Samstag, 2. März (19 Uhr). Christine Tröger

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