»Das ist ein Verbrechen«

Hitzige Diskussion in Betzigau zum geplanten Neubaugebiet in Leiterberg

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Es wurde laut diskutiert, als am Mittwochabend im Bürgerzentrum Betzigau Bürgermeister Roland Helfrich und Stadtentwickler und Architekt Thomas Haag den ersten Planentwurf zum geplanten Neubaugebiet in Leiterberg präsentierten. Bebaut werden soll ein 1,8 Hektar großes Areal (rote Linie) oberhalb des alten Gasthauses Traube (M. unten) in Leiterberg (Ausschnitt).

Betzigau – Nicht immer entspricht die veröffentlichte Meinung der öffentlichen Meinung, das zeigte sich auch bei der Informationsveranstaltung zum geplanten Neubaugebiet Leiterberg,...

...zu dem Bürgermeister Roland Helfrich und der Gemeinderat Betzigau ins Bürgerzentrum beim Hirsch nach Betzigau eingeladen hatten.

Der Saal war bis zum letzten Platz besetzt, als Architekt und Stadtentwickler Thomas Haag von der Firma abtplan urban architecture aus Kaufbeuren im Auftrag der Gemeinde Betzigau einen ersten Planentwurf, der in Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat Betzigau entstanden war, den Besuchern des Abends auf eine Leinwand projizierte.

Bauland dringend gesucht

Die Gemeinde Betzigau möchte jungen Familien die Möglichkeit geben, sich im Gemeindegebiet baulich niederzulassen. Laut Aussage des Bürgermeisters und der Mehrheit des Gemeinderates ist hierfür die Erschließung eines neuen Baugebietes in einem der Betzigauer Weiler vonnöten, da im Ortskern nicht die nötigen Baugrundstücke, respektive Baulücken, vorhanden sind. Deshalb sieht der Gemeinderat vor, für das geplante Bauvorhaben neue Flächen außerhalb des eigentlichen Ortskerns auszuweisen und nach finalem Beschluss des Gemeinderates diese für eine Bebauung zu erschließen. „Rund 55 Ansässige und 64 Auswärtige haben für etwaige Baugrundstücke bereits ihr Interesse bekundet”, so Helfrich am Abend.

Das Augenmerk der Verantwortlichen fällt auf ein Wiesengrundstück, das sich östlich von Leiterberg an der Leiterberger Straße in Fahrtrichtung Möstenberg befindet. Oberhalb des alten, verlassenen Gasthauses Traube befindet sich eine circa 1,8 Hektar (etwa zwei Fußballfelder) große Wiese, die den Mitgliedern des Gemeinderates für ihre Pläne als geeignet erscheint. Hier plant die Gemeinde Betzigau nun den Bau von rund 23 Häusern auf circa 1,5 Hektar. Es sollen Einfamilienhäuser entstehen, die über maximal zwei Obergeschosse und ein Satteldach verfügen und mal einzeln und mal als Reihenhäuser stehen sollen. Für die Erschließung des neuen Baugebietes ist der Bau einer neuen Straße, die oberhalb des alten Gasthauses Traube in die Leiterberger Straße mündet, notwendig. Die Präsentation im Bürgerzentrum sollte den Bürgern die Möglichkeit geben, ihre Meinung zu den Plänen des Gemeinde rates zu äußern und gegebenenfalls Vorschläge zu machen. Davon machten einige, in der Sache bereits stark involvierte Personen, lautstark Gebrauch.

Angst vor Neuem

„Das ist ein Verbrechen, was sie da in Leiterberg veranstalten“, äußerte sich Stefan Schwarzenbach aus Leiterberg und Architekt Willi Huber, ebenfalls Bewohner des Weilers, unterstellte seinem Kollegen Thomas Haag, dieser lasse sich willfährig vor den Karren des Gemeinderates spannen. Äußerungen, die von der Mehrheit im Bürgersaal distanziert aufgenommen wurden und die Bürgermeister Helfrich, seinen Stellvertreter, 2. Bürgermeister Dieter Häringer, und Haag dazu bewogen, um mehr Sachlichkeit in der Diskussion zu bitten und nicht persönlich zu werden. Die Kritiker des Bauvorhabens befürchten, dass sich das geplante Baugebiet zu einer Bausünde entwickeln wird. Leiterberg verfüge als kleiner Weiler nicht über die notwendige Infrastruktur für ein Baugebiet dieser Größe, mit den neuen Mitbürgern entstünde zusätzlich belastender Pendlerverkehr und man resümiert schließlich: „Die Zukunft der Nachfahren wird verbaut.“

Das Wort der Landschaftszerstörung macht die Runde und Architekt Willi Huber befindet, dass das natürlich gewachsene Straßendorf Leiterberg durch das Neubaugebiet einen „unnatürlichen Rucksack“ erhält. Er kritisiert zudem, dass es zum jetzigen Zeitpunkt lediglich digitale Modelle der Bebauung gibt, die zudem nicht die Bestandsbauten mit aufgenommen hätten und rät dem jüngeren Kollegen aus Kaufbeuren, als erstes ein haptisches Modell anzulegen, das die Schwierigkeit des Bauens in der gegebenen Topographie Leiterbergs den Menschen verdeutlicht.

Außerdem beanstanden die Kritiker, dass bisher kein Verkehrsgutachten vorliege, welches das entstehende Mehraufkommen von motorisiertem Individualverkehr aufzeigen würde. Dem Wunsch der Kritiker, dass das geplante Baugebiet in einem verbesserten Modell dargestellt wird und die Wechselwirkung zu den Bestandsbauten des Weilers Leiterberg aufzeigt, schließt sich die Mehrheit im Saal an. Als allerdings Haag die Gretchenfrage stellt, wer für und wer gegen das geplante Neubaugebiet in Leiterberg ist, ist das Ergebnis eindeutig. Rund 80 Prozent der im Saal versammelten Bürger sprechen sich via Handzeichen für das neue Baugebiet aus und „nur“ 20 Prozent dagegen. So läuft es an diesem Abend schlecht für die Kritiker, über die bekannt wird, dass zwei von ihnen überhaupt nicht selbst in Leiterberg wohnen. Der Wunsch der Anwesenden nach bezahlbarem Baugrund für junge Familien ist zumindest an diesem Abend größer als nach einer unverbauten Aussicht für Alteingesessene.

Jörg Spielberg

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