So verbreitet sich Nazi-Gedankengut

Journalist Sebastian Lipp von "Allgäu rechtsaußen" klärt auf

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Investigativ-Journalist Sebastian Lipp vom Redaktionsteam „Allgäu rechtsaußen“ stellte in Auszügen Ergebnisse aus der neuen Publikation vor und beantwortete viele Fragen.

Kempten – „Grüne Wiesen, weißblauer Himmel, die Berge am Horizont, die Kühe vor der Nase“ lässt es sich in der Einladung zur Informationsveranstaltung „Voice of Anger und der rechte Untergrund im Allgäu“ lesen. Denn genau das ist es, was viele Menschen mit dem Allgäu verbinden: eine idyllische Urlaubsregion. Und auch während der Veranstaltung in der 13. Etage der Skylounge, weit über den Dächern Kemptens, hatten die Gäste bei blauem Himmel und Sonnenschein eine herrliche Aussicht auf die malerische Landschaft. Doch wer hinter die Fassade blicke, finde einen „braunen Sumpf“ vor, wie weiter in der Einladung von „The 13th Floor Kulturetage“ zu erfahren ist. Über diesen Sumpf berichtete der investigative Journalist Sebastian Lipp vom Redaktionsteam „Allgäu rechtsaußen“, der Teile aus einer neuen umfangreichen Publikation vorstellte.

„Unser nächstes Lied ist ein Lied über Menschen, die wir nicht mögen. Die uns zerstören wollen“, ist in dem Videoausschnitt zu hören, den Lipp anfangs abspielte, um aufzuzeigen, wie Jugendlichen ein niedrigschwelliger Einstieg in die rechte Szene ermöglicht wird: mit vermeintlich harmloser Musik. 

Doch wer auf den Inhalt des Liedes und des Videos achtet, wird schnell klar, worum es eigentlich geht: Es wird davor gewarnt, dass die Juden die weiße Rasse vernichten würden. Spätestens wenn im Video über das Rechtsrock-Konzert Band und Konzertbesucher im Kollektiv den Arm zum Hitlergruß heben, wird dem Zuschauer das Ausmaß des Antisemitismus klar. 

Auch im Allgäu ist der „rechte militante Untergrund“, wie Lipp ihn bezeichnete, seit Jahrzehnten verankert. Der Journalist zeigte die historische Entwicklung in der Region auf, beginnend mit der nicht mehr existierenden Gruppierung „Skinheads 88“, die ab 1995 aktiv gewesen ist. 

Doch während die Organisationen in ihren Anfängen selbst noch Gewalttaten verübten und dadurch schnell verboten werden konnten, haben die Aktiven aus der Vergangenheit gelernt und sind vorsichtiger geworden. 

So auch die bis heute – besonders im Allgäu – aktive Neonazi-Skinhead-Kameradschaft „Voice of Anger“, die über mehrere Nachfolgeorganisationen letztlich auf die „Skinheads 88“ zurückzuführen ist. „Sie testen die Grenzen der Illegalität aus und wissen genau, was ihnen im schlimmsten Fall droht, wenn sie diese überschreiten“, sagte Lipp auf die Frage, wie es sein könne, dass das „Voice of Anger“ zuzuordnende Rechtsrock-Label „Oldschool Records“, das vom Allgäuer Benjamin Einsiedler betrieben wird, bis heute nicht verboten ist, obwohl strafrechtlich relevantes Material gefunden wurde. 

„Die Szene hat ihre eigenen Star-Anwälte, die beispielsweise für Einsiedler Rechtsgutachten erstellen, auf die er sich im Zweifel bei einer Anklage vor Gericht berufen kann. Und selbst wenn er verurteilt wird, besteht das Unternehmen selbst weiter, da die Hürden, ein gesamtes Unternehmen zu verbieten, deutlich höher liegen“, beschrieb Lipp, wie sich die Szene mittlerweile absichere. 

Insgesamt hielten sich die Mitglieder von „Voice of Anger“ mit offensichtlichen Straftaten zurück, die mit der Gruppierung in Verbindung gebracht werden könnten, um kein Verbot zu riskieren. „Trotzdem ist es der Nährboden für ein Milieu, in dem eine solche Ideologie zu Hause ist und das auch vor Gewalttaten nicht zurückschreckt“, erklärte der Investigativ-Journalist das indoktrinative Vorgehen der Gruppierung. 

„Wichtig ist auch, wie die Gesellschaft auf solche Straftaten reagiert“, so Lipp, der als Beispiel den NSU-Prozess anführte. „Beate Zschäpe wurde zwar verurteilt, aber das strukturell gut organisierte Netzwerk im Hintergrund kam unbescholten davon.“ 

„Von wie vielen Leuten sprechen wir im Allgäu?“, lautete eine weitere Frage aus dem Plenum. Lipp nannte 60 Personen allein bei „Voice of Anger“ als größte und stabilste Gruppe im Allgäu und berief sich dabei auf Zahlen des Verfassungsschutzes. „Die Dunkelziffer liegt vermutlich höher, da sie keine Mitgliederlisten mehr führen und sich auch nicht mehr ins Vereinsregister eintragen lassen“, ergänzte der Journalist. 

„Was kann man tun, wenn man Neonazis auf der Straße antrifft?“, wollte eine andere Teilnehmerin wissen. „Für unsere Arbeit ist es hilfreich, wenn uns solche Sichtungen gemeldet werden. Auch viele kleine Mosaiksteine können ein Gesamtbild ergeben“, so Lipp, der eher davon abriet, die Polizei zu rufen, wenn keine konkrete Straftat vorliegt. 

Keine Informationen hatte er auf die Nachfrage, ob „Voice of Anger“ Kontakt zur Ultra-Fanszene im Sport suche und verwies auf andere Fachjournalisten. „Es gibt allerdings eine rechtsradikale Kampfsportszene, die große Turniere als Teil von Musikfestivals austrägt. Das hat sich bereits als Subkultur etabliert“, so Lipp, der auch in Memmingen und Kempten je ein Sportstudio kenne, in dem Personen trainieren, die der rechten Szene angehören. 

Mit einem klaren Ja antwortete er auf die Frage, ob die Szene auf einen Tag X hinarbeite. „Sie verbreiten Schriftwerke, die zu einem Rassenkrieg aufrufen und führen Schießübungen durch.“ Dem Plenum zeigte er ein Foto mit Waffen, das in den sozialen Netzwerken die Runde gemacht hat. „Inwieweit Schießübungen auch hier in der Region stattfinden, wird Teil unserer künftigen Recherche werden“, kündigte der unermüdlich wirkende Journalist am Ende der Veranstaltung an.

Dominik Baum

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