Studie vorgestellt

"Auf Dringlichkeit hinweisen"

+
Dietmar Erdmeier vom ver.di-Bundesvorstand präsentiert im ver.di-Haus die Ergebnisse einer Studie über die finanzielle Machbarkeit einer Pflegevollversicherung.

Kempten – Alle Welt befasst sich im Wahlkampf mit Seehofers Vorschlag einer Autobahnmaut, wundert man sich im Kemptener ver.di-Haus in der Hirnbeinstraße. Dabei gibt es aus Sicht der Dienstleistungsgewerkschaft viel wichtigere Themen.

Mit einem solchen befasste sich dort am Montag der Referent Dietmar Erdmeier vom Bundesvorstand von ver.di, der die Ergebnisse einer von ver.di beauftragten Studie zur Machbarkeit einer Pflegevollversicherung durch Prof. Dr. rer. pol. M. Lüngen von der Hochschule Osnabrück vorstellte und dessen Ergebnis den zahlreich erschienenen Gästen gleichsam interpretierte.

Pflegevollversicherung wäre nach den Vorstellungen der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di demnach eine eigenständige gesetzliche Pflichtversicherung, wie sie bereits unter anderem bei Krankheit, Unfall oder Arbeitslosigkeit existiert. Deckt die heutige gesetzliche Pflegeversicherung nur einen geringen Teil der im Pflegefall anfallenden Kosten ab, würde der Betroffene bei eine Pflegevollversicherung die Sicherheit besitzen, dass sämtliche erforderlichen Leistungen, respektive ihre Kosten, vom Ver- sicherungsträger übernommen würden. Natürlich würden für den Versicherungsnehmer während seiner Lebensarbeitszeit höhere Beitragssätze fällig und es bedarf vorab durch den Gesetzgeber scharf umrissene Vorgaben, was bei den einzelnen klassifizierten Pflegestufen dem Versicherungsnehmer an Leistungen zustünde.

Die Gewerkschaft ver.di bringt in diesem Zusammenhang das Pro-Argument ins Spiel, dass somit aber aus Pflegebedürftigen keine Sozialfälle mehr würden, wie es aktuell noch der Fall ist. Das könnte auch zu einer erheblichen Entlastung der Kommunen führen. Beim Versicherten entstünde die Gewissheit, dass bei Pflegebedürftigkeit im Alter sämtlich anfallenden Kosten von der Kasse übernommen würden und er nicht wie bisher auf die Hilfe von Familienangehörigen, Freunden oder Nachbarn angewiesen wäre.

Bei der 1995 ins Leben gerufenen gesetzlichen Pflegeversicherung sind es allzu oft die Angehörigen, deren Leben durch die plötzlich notwendige finanzielle, wie menschliche Hinwendung zu einem Familienmitglied komplett auf den Kopf gestellt werden. So beträgt die derzeit durchschnittliche finanzielle Eigenbelastung bei Eintritt einer Pflegebedürftigkeit beim Mann 21 000 Euro und bei einer Frau 31 000 Euro. Das ist Geld, das nicht jeder mehr auf dem Sparbuch hat. „Wir wollen die Menschen auf die Dringlichkeit zum Handeln hinweisen, das derzeitige System der Pflege im Alter zu reformieren. Gleichzeitig richtet sich die Veröffentlichung unserer Studie an Politiker aller Parteien, endlich zu handeln“, so Jutta Aumüller von ver.di Kempten.

Ungünstige Demographie

Zum Jahr 2010, neuere Zahlen liegen derzeit noch nicht vor, wurde für insgesamt 2,34 Millionen Pflegebedürftige, davon 69 Prozent ambulant und 31 Prozent stationär behandelt, eine Summe von 21,5 Milliarden Euro aufgewendet – Tendenz steigend. Die Ursache liegt in der ungünstigen Demographie Deutschlands. Zu den 21,3 Milliarden müssen weitere 9,9 Milliarden hinzuaddiert werden, Aufwendungen die aktuell eben nicht von der „Teilkaskoversicherung“ Pflegezu- satzversicherung übernommen werden, sondern die die Betroffenen oder Angehörige selbst schultern müssen.

Der daraus resultierende Betrag von 31,3 Milliarden Euro ist die Summe, die durch eine Pflegevollversicherung gedeckt werden müsste. Die Gewerkschaft ver.di präferiert hier ganz klar eine umlagefinanzierte Variante, die paritätisch Arbeitnehmer wie Arbeitgeber belastet. ver.di schätzt dass bei einem mittleren Einkommen von 2500 Euro auf den Versicherten eine Mehr-Belastung von rund 12,50 Euro monatlich zukäme. Der kapitalgedeckten privaten Pflegezusatzversicherung von Gesundheitsminister Daniel Bahr erteilt ver.di dagegen eine klare Abfuhr. „Selbst neutrale Institutionen wie Stiftung Warentest sagen, dass die Versorgungslücke nur ungenügend geschlossen wird“, so Gesundheitsexperte Dietmar Erdenmeier in seinem Fazit.

Im Anschluss an seine Präsentation entbrannte noch eine lebhafte Diskussion an der sich unter anderem Landtagsabgeordnete Ulrike Müller von den Freien Wählern, der stellvertretende CSU-Landrat Anton Klotz, Ulrich Gräf, Geschäftsführer der AllgäuPflege gGmbH, und die Landtagskandidatin Ilona Deckwerth von der SPD beteiligten.

Jörg Spielberg

Auch interessant

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Bezirksmusikfest in Probstried
Bezirksmusikfest in Probstried
Feiern verbindet
Feiern verbindet
Schüler zeigen Einsatz
Schüler zeigen Einsatz

Kommentare