Von Deutschland nach Russland für den Frieden

Über 300 Teilnehmer bei der Friedensfahrt 2017

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Friedensfahrer bei der Blumenniederlegung am Grabmal des unbekannten Soldaten an der Kremlmauer in Moskau.

Um Freundschaft und deren Förderung zwischen Deutschland beziehungsweise Europa mit Russland geht es dem Verein „Druschba“ (Freundschaft), denn seine Mitglieder glauben daran, dass Frieden möglich ist, trotz der, wie sie finden, politischen wie medialen Förderung eines russischen Feindbildes.

So hat der Verein bereits zum zweiten Mal auch im Sommer dieses Jahres eine Friedensfahrt mit über 300 Teilnehmern jeden Alters aus insgesamt 16 Staaten nach Russland organisiert. Mit dabei war der in Kempten lebende Fotograf Gerd Heidorn, der das Land 1992 und 2012 schon bereist hat und schmunzelnd offenbart: „Ich wollte in den 1970ern mit dem Motorrad durch Russland fahren, aber es wurde nichts daraus. Jetzt, rund 40 Jahre später, wurde es eben eine Busreise“.

Berlin – Moskau – Berlin auf verschiedenen Routen

Man dürfe sich die Friedensfahrt mit dem Druschba Global e.V. mit verschiedensten Teilnehmern allerdings nicht als durchorganisierte Busreise vorstellen, erzählt er im Gespräch mit dem Kreisboten. Viele seien Selbstfahrer, die sich mit Motorrad, PkW oder auch Wohnmobil auf den Weg machten und – zwei Busse als bequemere Variante. Start und Ende der Reise, für die man zwischen insgesamt sieben unterschiedlichen Strecken wählen konnte, waren am Brandenburger Tor in Berlin. Ziel der Unternehmung: „Das aufeinander Zugehen der Deutschen und Russen hilft Vorurteile abzubauen. Es zeigt, dass nicht alle Deutschen Nazis sind und nicht alle Russen militant“, meint Heidorn.

Neben der Hauptroute „Freundschaftsfahrt“ mit den Stationen Berlin, Stettin, Kaliningrad, Riga, Pskow, Luga, St. Petersburg, Welikij Nowgorod, Waldai, Twer, Moskau, Smolensk, Minsk, Brest, Warschau zurück nach Berlin, konnte man sich für die Routen „Baikal“, „Goldener Ring“, „Kaukasus“, „Krim“, „Wolga“ oder „Karelien“ entscheiden.

Er selbst hatte sich für die Fahrt im Bus durch Karelien entschieden: Berlin – Stettin – Königsberg – Rigo – Pskow - St. Petersburg – Petrosawodzk – Wologda – Jaroslawl – Moskau – und zurück über Smolensk – Minsk – Warschau nach Berlin; die Strecke Kempten mit eingerechnet circa 5000 Kilometer in drei Wochen, sagt Heidorn.

"Warmherzige Leute"

Er erzählt von „warmherzigen Leuten“, von „Gastfreundschaft“ und „sehr sehr offenen Menschen“, auch wenn einen dort „die Lebensfreude nicht gerade anspringt“. Wolle man mehr als eine Begegnung auf der „menschlichen Ebene“ seien allerdings Russischkenntnisse oder ein Übersetzer nötig. So fand er es hilfreich, dass auch einige Deutsch-Russen mitgefahren seien, „weil sie das Land wiedersehen wollten“.

Bleibende Eindrücke

Trotz der vielen schönen Eindrücke, war Heidorn auch ein wenig enttäuscht. Zum Beispiel habe es zu seinem Bedauern „nur wenig direkten Kontakt“ mit Einheimischen gegeben. Und da habe die Zeit dann auch „nie für tiefere Gespräche gereicht“, erinnert er sich zum Beispiel an die 92-Jährige Kapitolina Bolschakowa, die im Krieg als Funkerin in der Roten Armee gedient hatte. Sie gehöre zu den wenigen Zeitzeugen, die noch von der größten Katastrophe des letzten Jahrhunderts erzählen können.

„Noch sehr aktuell“ ist laut Heidorn in Russland das Thema 2. Weltkrieg, das mit dem Feiern von Gedenktagen, der Pflege von Kriegsgräbern etc. stark in der Gesellschaft verankert sei, wobei der Fokus auf der „Versöhnung im Alltag“ liege. „Es gibt auch noch Einige, die die der Stalinzeit nachtrauern“, vermutet er dahinter aber eine eher „verklärte“ Wahrnehmung.

Suche nach Angehörigen

Er erzählt auch von Reiseteilnehmern, die beim Besuch der Gedenkstätte Sologubowka bei St. Petersburg nach Namen von Angehörigen gesucht hätten. Denn dort seien die Namen der identifizierten Gefallenen in Granit gemeißelt. In ­Wologda betreibe ein Verein „ so eine Art Kriegsgräber-Archäologie“ indem seine Mitglieder die ehemaligen Schlachtfelder mit Detektoren nach Munition und Gebeinen und ähnlichen Relikten absuchen. Während des Besuches dort sei man gerade damit befasst gewesen die Identität eines aktuell gefundenen Gefallenen zu klären, das eine „Erkennungsmarke und einen Ehering mit Gravur getragen hat“, erzählt Heidorn. Als Höhepunkt der Reise empfindet Heidorn die Blumenniederlegung am Mahnmal für Gefallene der Roten Armee an der Kremlmauer, zu der sich alle Teilnehmer in Moskau getroffen hätten.

Bleibenden Eindruck hinterlassen haben neben all den Bildern, die der Fotograf mit seiner Kamera eingefangen und/oder in seinem Kopf gespeichert hat, auch die Begegnungen in einer bewohnten Klinik in St. Petersburg, mit einem „Arzt“ oder eher „Heiler“ und der ehemaligen Tänzerin Olga, deren Gastfreundschaft und „gutes Herz“ für Heidorn eine Art Markenzeichen für Russland ist.

So wundert es kaum, dass er eine Städtepartnerschaft zwischen Kempten und einer russischen Stadt „hilfreich“ fände, damit man besser sehen könne, „auch sie lieben ihre Kinder“, und dass man sich menschlich begegnen könne. „Das wäre gut.“

Christine Tröger

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