"Allgäuer Geschichtsfreund" wurde präsentiert

Von vergessenen und renitenten Bürgermeistern

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Markus Naumann (r.), Vorsitzender des Heimatvereins Kempten e.V. stellte gemeinsam mit Redakteur Dr. Werner Scharrer (l.) letzten Dienstag Oberbürgermeister Thomas Kiechle (Mitte) die neue Ausgabe des „Allgäuer Geschichtsfreund, Blätter für Heimatforschung und Heimatpflege“ Nummer 119 vor.

Kempten – Heimat: schützenswerte Kultur, Eigenart und Tradition. Dafür steht der Heimatverein Kempten e.V. Globalisierung und Digitalisierung verändern die Lebensbedingungen und Sichtweisen der Menschen, und damit gehen neue Herausforderungen und notwendige Entscheidungen einher. „Heimat werde vielfach als Rückzugsort und Zufluchtswinkel verstanden“, sagt Markus Naumann, Vorsitzender des Heimatvereins, in seinem Vorwort in der jährlich erscheinenden historischen Zeitschrift „Allgäuer Geschichtsfreund“. Für ihn sind Kenntnisse zur geschichtlichen Vergangenheit der Region und der damit verbundenen Erfahrungen hilfreich und wertvoll für die Gegenwart und die Zukunft: „Wertschätzung für die Heimat, für den Lebensraum, in dem wir leben.“

Vergangene Woche präsentierte Naumann im Weberzunftraum des Kemptner Rathauses Oberbürgermeister Thomas Kiechle die diesjährige Ausgabe des „Allgäuer Geschichtsfreund“. Seit 1886 publiziert der Verein jährlich eine Ausgabe mit Beiträgen zur Geschichte Kemptens und der Region. Außerdem organisiert der Verein Vorträge zu historischen Themen – nicht ohne aktuelle Entwicklungen zu berücksichtigen –, veranstaltet Fahrten, führt im Auftrag der bayerischen Schlösserverwaltung in der Residenz oder berät bei der Stadtentwicklung. 

Den Blick zurück zu werfen und die Beschäftigung mit Themen, die vertraut sind und auch nicht erklärt werden müssen, so Kiechle, seien außerordentlich wertvoll als Richtschnur für unser zukünftiges Handeln. So sei der vorliegende Band des „Allgäuer Geschichtsfreund“ ein wichtiges Dokument für den heimatinteressierten Menschen, bekräftigte er. Mit einem herzlichen Vergelt‘s Gott bedankte sich der Oberbürgermeister für die Haltung und Einstellung, die hinter der Arbeit des Vereins stehe. „Ein Impuls- und Ratgeber, der als kritischer Geist auf aktuelle Projekte schaut, unverzichtbar für die Politik und auch für ihn persönlich.“ 

In dem vorliegenden Jahresband des „Allgäuer Geschichtsfreunds“, der unter der Federführung von Redakteur Dr. Werner Scharrer und seinem Team entstanden ist, geht es auch diesmal um lokale und regionalen Geschichte. So handelt ein Beitrag des Autors Dominik Gerd Sieber von Kaiser Maximilian I., dessen Todestag sich am 12. Januar 2019 zum 500. Mal jährte. Der als „letzter Ritter“ titulierte Habsburger stand in einer engen persönlichen Beziehung zu den oberschwäbischen Reichsstädten. Die Erinnerung daran ist heute noch in zahlreichen Städten der Region lebendig, so Sieber in seinem Artikel. Zwei weitere Texte spiegeln die historischen Ereignisse um zwei ehemalige Bürgermeister der Stadt Kempten wider. 

Der Autor Ralf Lienert beleuchtet in seinem Aufsatz „Der vergessene Bürgermeister Sebastian Arnold, Kempten 1854 bis 1873“ das Leben und Wirken des damaligen Stadtoberhauptes, dessen Leistungen im Schatten seines Nachfolgers verschwanden und ihn in Vergessenheit geraten ließen. Sein Verdienst war der Ausbau des Schienennetzes – es entstand die Bahnstrecke zwischen Kempten und Ulm, der Austausch der Holzwasserleitungen durch gusseiserne Rohre und die Ausstattung der Straßen mit einer der ersten gasbetriebenen Beleuchtung. Doch nur die Amtskette der Stadt Kempten, die auch heute noch der amtierende Oberbürgermeister zu offiziellen Anlässen trägt, ist eine bleibende Erinnerung an ihn. 

„Bernhard Stirnweiß – Kemptner Stadtkämmerer und Oberbürgermeister“, dessen Werdegang der Autor Gerhard Hölzle in einem Artikel beschreibt, hat in bemerkenswerter Weise zu einem Druckkostenzuschuss der Stadt Kempten geführt. Stirnweiß wurde am 27. August 1945 von der amerikanischen Militärregierung zum Oberbürgermeister der Stadt Kempten ernannt. Seine Regierungszeit währte nur etwa ein Jahr. Ein Skandal führte dazu, dass er vorzeitig abgesetzt wurde. Seine Ehefrau hatte trotz des ausgerufenen Boykotts gegen jüdische Geschäftsleute bei dem jüdischen Geschäft „Wohlwert“ eingekauft. Sein Nachfolger Anton Brändle schwärzte Stirnweiß an, der wurde des Dienstes enthoben und um eines seiner Monatsgehälter erleichtert. Als symbolische Geste der Wiedergutmachung habe die Stadt Kempten für die vorliegende Ausgabe des „Allgäuer Geschichtsfreund“ einen Druckkostenzuschuss gewährt, erklärte Markus Naumann. 

Der Beitrag des Autors Ernst Ulrich spannt den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart. Sein Aufsatz „Fast 100 Jahre Industriegeschichte: Die Glockengießerei Engelbert Gebhard in Kempten/ Allgäu“ beschäftigt sich mit der Firmengeschichte eines traditionsreichen Handwerksunternehmens. Die Glockengießerei Gebr. Ulrich, Kempten, die 1921 als Zweigwerk der 1722 entstandenen Glockengießerei Apolda (Thüringen) in der Ulmer Straße gegründet worden war, erwarb im Jahr 1930 Engelbert Gebhard. Mitte Mai 2019 wurden die Industriegebäude im Ostbahnhofviertel abgerissen. Gebhard lieferte die Glocken hauptsächlich nach Kempten, ins Allgäu und nach Oberbayern Zahlreiche Glocken in und um Kempten zeugen von der hohen Handwerkskunst, beschreibt der Autor. 

Vielfältige Fotos geben den Aufsätzen Lebendigkeit und vermitteln dem geneigten Leser einen Eindruck der damaligen Zeit. Abgerundet werden die überaus interessanten Beiträge im diesjährigen „Allgäuer Geschichtsfreund“ durch diverse Buchrezensionen, wie etwa „Bonifaz von Haneberg. Gelehrter – Abt – Bischof“ von Franz Xaver Bischof, oder „Gabi (1937-1943). Geboren im Allgäu. Ermordet in Auschwitz“ von Leo Hiemer.

Christine Reder

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