Weibliche Komponisten bewiesen auch am Mittwoch ihr Können

Das Classix-Festival nimmt Fahrt auf

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Lena Neudauer und Oliver Triendl mit einer Violinsonate der Komponistin Zara Levina.

Kempten – Am vergangenen Mittwoch fand die zweite Abendveranstaltung innerhalb des 12. Internationalen Festivals der Kammermusik im Kemptener Stadttheater statt.

Das Konzert begann mit einem kurzen Werk einer sehr jungen, zeitgenössischen japanischen Komponistin, das das Lebensgefühl der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts in Berlin beschreiben wollte. Die 1983 in Osaka geborene Yukiyo Takahashi hatte nach einem ersten Besuch im Jahre 2009 ein großes Interesse für die Stadt entwickelt, was dazu führte, dass sie 2014 dieses charmante Stück Gebrauchsmusik unter dem Titel „Berlin 1920s“ für diverse Besetzungen komponierte.

Am Mittwoch wurde es von einem tonfarbigen Quintett aus Violine (Vineta Sarieka), Fagott (Diego Chenna), Horn (Olivier Darbellay), Klarinette Matthew Hunt) und Kontrabass (Gunars Upatnieks) vorgetragen. Die Musiker spielten mit sichtlichem Spaß die locker wirkende, aber doch genau auf den Punkt komponierte Abfolge von Liedrhythmen und Jazzpatterns.

Es folgte ein 1952 geschriebenes Trio für Flöte (Stephanie Winker), Violoncello (Amy Norrington) und Klavier Bengt Forsberg) der russischen Komponistin Marcelle de Manziarly. Dieses Stück trug in keinem seiner vier Sätze die russische Schwermut in sich, die man doch bei den großen russischen Komponisten von Tschaikovsky bis Schostakovich feststellen kann. Vielmehr atmete es die Leichtigkeit und ruhige Beschaulichkeit einer französischen Landschaft. Das Tonmaterial bestand vorwiegend aus Klängen und Klangflächen, weniger aus konkreten Melodiebögen. Beides ist dadurch erklärt, dass die 1899 geborene Komponistin sehr früh mit ihren Eltern nach Frankreich übersiedelte, wo sie natürlich während eines Kompositionsstudiums in Paris mit der französischen Musik des frühen zwanzigsten Jahrhunderts in Berührung kam. Ein Stück, das es wert wäre, wieder öfters gespielt zu werden.

Das dritte Stück, wiederum von einer russischen Komponistin, nämlich von der von 1906 bis 1976 lebenden Zara Levina, kam im Gegensatz zum vorhergehenden sehr russisch-schwermütig daher. Der stark kontrapunktisch geprägte Charakter, bei dem virtuose Linien der Geige (Lena Neudauer) auf lang angelegte Melodiebögen des Klaviers (Oliver Triendl) trafen, erzeugte durchgängig eine dunkle Tonatmosphäre. Im dritten Satz durfte das Klavier immer wieder die Melodieführung übernehmen, was den Klang belebte, insgesamt war dieses 1928 komponierte Stück aber eines der - für den heutigen Hörer - unzugänglichsten des Abends.

Auch beim vierten und letzten Stück vor der Pause, der 1945 geschriebenen Suite für Bläserquintett (Stephanie Winker/Flöte, Céline Moinet/Oboe, Matthew Hunt/Klarinette, Diego Chenna/Fagott, Olivier Darbellay/Horn) der Norwegerin Pauline Margrete Hall tat sich der Zuhörer ein bisschen schwer. Von Peer-Gynt-Romantik war nichts vorhanden und in der Erinnerung blieb ein Stück zurück, das zwar mit großer Schaffensfreude sehr viele musikalische Ideen enthielt, aber dies alles schien sich etwas unstrukturiert in den sechs Sätzen ausgebreitet zu haben. Vielleicht hing das ja damit zusammen, dass die Komponistin einmal, nachdem sie aufgezählt hatte, mit wie vielen Tätigkeiten sie ihren Lebensunterhalt bestritt, auf die Frage, was denn mit Komponieren sei, antwortete: Davon kann man nur verhungern.

Noch ein "Highlight"

Nach der Pause dann das zweite Highlight des Abends: Nadia Boulangers Drei Stücke für Violoncello und Klavier von 1914. Die drei Überschriften sind Programm. Die kurzen Stücke loten genial und beispielhaft in prägnanten Pinselstrichen die Klangwelt des Impressionismus aus. Peter Bruns am Violoncello und Oliver Triendl am Klavier gelingt es, eine Dramaturgie der Spannung über die drei Stücke zu legen, die sie erstrahlen lässt. Für die Dauer dieses Vortrags werden Fauré, Debussy und Ravel überflüssig.

Beim folgenden letzten Werk des Abends wurde man dann wieder auf den Zuhörersitz zurückgeholt. Im erdverbundenen Klangkörper von zwei Violoncelli (Alexander Hülshoff/I und Peter Bruns/II), einer Bratsche (Hariolf Schlichtig) und zwei Violinen (Lena Neudauer/I und Nina Karmon/II) das Streichquintett in E-Dur op.1 der Engländerin Ethel Smyth von 1884. Es gelten die musikalischen Gesetze des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Markante Themen werden sehr dominant durchgeführt, hier gibt es keine Himmelfahrten, auch keine weiblich-filigranen Feinheiten. Statt Träumereien klare Ansagen, die Komponistin muss eine sehr selbstbewusste Frau gewesen sein. Nach dem furiosen Finale gab es dann starken und ehrlichen Beifall, der natürlich nicht nur dem letzten Stück, sondern dem ganzen Abend galt.

Es bleibt festzuhalten, dass dies alles keine Musik ist, die die Konzertsäale der Welt erobern konnte oder kann (Ausnahme vielleicht die Stücke von Yukiyo Takahashi, Marcelle de Manziarly und Nadia Boulanger), auch wenn man die Widerstände, denen vor allem die Komponistinnen vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte ausgesetzt waren, abzieht. Aber einem Festival wie diesem ist es hoch anzurechnen, dass die Stücke zumindest für ein Mal wieder aus der Versenkung des Vergessens geholt werden, unabhängig davon, ob sie auf diese Art ihren Schöpferinnen zu Ruhm und Ehre weiter verhelfen oder nicht.

Kulturleistung und Künstlertum sind keine Einbahnstraße, die nur durch das Erschaffen alleine leben, sie brauchen den Hörer, Leser und Betrachter, weil nur dadurch der Dialog entsteht, der dem Ganzen seinen Sinn verleiht.

Jürgen Kus

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