Radfahrer haben erstmals Vorfahrt

Verkehrsausschuss segnet Herrenstraße als Kemptens erste Fahrradstraße ab, Streit um Moko

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Kempten – Der sich wohl hartnäckig haltenden Meinung, dass in Sachen Mobilitätskonzept 2030 (Moko) nichts vorwärts geht, wollte Oberbürgermeister Thomas Kiechle im letzten Verkehrsausschuss entgegentreten und „zur Versachlichung beitragen“.

Die Verwaltung zeigte, was hier bereits geschehen ist. Nicht einverstanden mit dem Tempo bei der Umsetzung war die Opposition. Als weiteren Schritt in Richtung Fahrradstadt sollen die Radler in der Herrenstraße zwischen Madlener Straße und Residenz besondere Rechte bekommen. Hier entschieden die Räte einmütig. Verkehrsmanager Stefan Sommerfeld stellte, wie auch im letzten Verkehrsausschuss im Juli zu Fahrradthemen schon geschehen, eine Übersicht über den Stand des Moko vor: Von den 160 aufgelisteten Maß- nahmen im Mobilitätskonzept 2030 sind acht Prozent „zum größten Teil“ erledigt, 36 Prozent in Bearbeitung, 56 Prozent offen und vier Prozent abgesetzt. Tiefbauamtsleiter Markus Wiedemann wies gesondert auf die Radwegunterführung in der Heisinger Straße hin, die Zeppelinstraße und die Immenstädter Straße, für deren Radprojekte 8,2 Millionen Euro gestemmt wurden. Viele Dinge müssten konzeptionell untersucht werden. „Das dauert“, sagte Wiedemann 

Missverständnis und scharfer Ton
Stolz zeigte sich Helmut Berchtold (CSU): „Wenn wir so weitermachen, sind wir 2030 durch.“ Helmut Hitscherich (UB) war dagegen unzufrieden. Er regte sich darüber auf, dass die großen Projekte wie die Kö- nig-Ludwig-Brücke „seit Jahren beantragt“ seien, es ansonsten um „viel Kleinzeug“ gehe und ein Gesamtkonzept fehle. Außerdem vermisste er eine von ihm beantragte Prioritätenliste. Hier reagierte wiederum Oberbürgermeister Thomas Kiechle empfindlich. Der Fokus liege dieses Jahr eindeutig auf den Kindertagesstätten. „Eine Prioritäten-Liste, wie Sie sie sich vorstellen, kann es nur geben, wenn Sie die Geburtenzahlen der nächsten fünf Jahre vorhersehen“, schleuderte er dem UBMann entgegen. Hitscherich präzisierte, dass es ihm um die Priorisierung der Moko-Projekte gehe, die wie Wiedemann erklärte, auf der vorgelegten Liste an den angegebenen Wirkung, Kosten und Zeit ersichtlich seien. 

"Es geht um Gefühle"
Eine andere Interpretation hatte Thomas Hartmann (Grüne). Für ihn liegt die mangelnde Wahrnehmung des Fortschritts daran, dass die Maßnahmen „schlecht sichtbar sind“. Dies wiederholte er im Verkehrsausschuss an verschiedenen Stellen. Für ihn gebe es effektive Maßnahmen, die mit einfachen Mitteln umzusetzen seien: Das Umhängen von Schildern oder eine stärkere Verkehrsüberwachung. Somit war der Ausschuss wieder beim Thema Kronenstraße angelangt. „Erst wenn wir notwendige Konsequenzen wie eine Sanierung der Illerbrücke stemmen können, können wir an eine Sperrung der Kronenstraße denken“, so der OB. Und Wiedemann rief ins Gedächtnis, dass es auch um Rettungswege, den Busverkehr und die noch zu untersuchenden Auswirkungen auf die Burgund Illerstraße gehe. Für Wolfgang Hennig von der SPD ging es bei dem Thema um Emotionen. Er nutzte die Gelegenheit, um seinerseits auf das SPD-Anliegen autofreien Rathausplatz aufmerksam zu machen. 

Erste Fahrradstraße 
Mit dem Mobilitätskonzept hängt auch der Entschluss zusammen, die Herrenstraße zwischen Madlenerstraße und Residenz zu einer „Fahrradstraße“ zu machen. Nur wenn eine Fahrradstraße für den restlichen Verkehr freigegeben ist, darf dieser dort mit maximal 30 Kilometern pro Stunde rollen. So ist es für die Herrenstraße vorgesehen. Vorrang haben die Radler, die auch nebeneinander fahren dürfen. Wie Stefan Sommerfeld erklärte, seien Reihenparker für Fahrradstraßen besser geeignet als die in der Herrenstraße vorhandenen Querparker; das müsse aber im Einzelfall bewertet werden. Helmut Hitscherich fand es „super!“, dass eine Straße zur Wahl stand, in der wenig Verkehr herrscht. Für problematischer befand er Keselstraße und Freudenthal, die zusammen mit Bahnhofstraße (zwischen Mozart- und Hirnbeinstraße), Wiesstraße (zwischen Bahnhofstraße und Schumacherring), Stiftskellerweg und Madlenerstraße gerade auf Fahrradstraßen-Tauglichkeit untersucht werden: „Wir müssen es dort machen, wo wenig Verkehr ist“, so Hitscherich. Klaus Knoll, der mit seinen Freie-Wähler-Stadtrats-Kollegen einen Antrag gestellt hatte, die Parkstraße zur Fahrradstraße umzuwidmen, befand die Herrenstraße für „noch toller“ als die Parkstraße. 

Für Thomas Hartmann war „jeder Anfang gut“. Aber für eine große Veränderung hielt er die Maßnahme nicht. „Wir haben was gemacht, aber keiner merkt‘s.“ Karl Sperl (CSU) tat es ein wenig weh, dass die erst kürzlich eingerichteten Parkplätze umgestaltet werden sollten. Dieses Missverständnis konnte gleich geklärt werden. Außerdem war für ihn kaum vorstellbar, dass nicht genau geregelt sein soll, wie viele Fahrradfahrer genau nebeneinander unterwegs sein dürfen. „In Deutschland gibt es dafür doch Regeln“, war er überzeugt. Laut Sommerfeld müssten alle Verkehrsteilnehmer aufeinander Rücksicht nehmen. Bis zur Breite einer Fahrbahn dürften so viele Radler nebeneinander rollen, wie sie wollen. „Es funktioniert besser, als man es sich vorstellen kann“, meinte der Oberbürgermeister.

Umgesetzte MokoMaßnahmen

• Umgestaltung des Vorplatzes am Hbf: Kapazität und Bewirtschaftung der Parkflächen für Kfz (Vermerk: teilweise)
• Umgestaltung Hirnbeinstraße
• Prüfung der streckenweise Freigabe für den Radverkehr in der FuZo Gerberstr./Fischerstr./Bahnhofstraße (Vermerk: teilweise)
• Fahrradstationen im Zentrumsbereich
• Kleinteilige Maßnahmen für weniger Konflikte im Radverkehr (Vermerk: teilweise)
• Eigenes Radverkehrsbudget im Haushalt
• Neubau Zeppelinbrücke
• Verlängerung des Geh- und Radwegs an der Linggener Straße
• Durchgehender Radweg Immenstädter Straße
• Ausbau Kaufbeurer Straße zwischen Dieselstraße und Anschlussstelle Leubas (Vermerk: teilweise: Heisinger Straße)
• Radunterführung Heisinger Straße
• Sanierung der König-Ludwig-Brücke
• Verbesserung der Verknüpfung zwischen Hochschule, Bahnhof, Schaffung einer zusätzlichen Querungsmöglichkeit auf Höhe Calgeerstraße
• Weiterentwicklung eines einheitlichen Stadtbusverkehrsauftritts (Vermerk: teilweise)
• Anzeige der Durchlässigkeit von Sackgassen für den Radverkehr (Vermerk: teilweise) 


Susanne Lüderitz

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