"Wir müssen den Verantwortlichen Feuer unterm Hintern machen!"

Verkehrsexperte Heiner Monheim sieht in Kempten noch Luft nach oben

Kempten – Der Pfarrsaal St. Lorenz platzte an diesem Abend aus allen Nähten. Über 130 Interessierte sind zum Vortrag des Stadtplaners Prof. Heiner Monheim gekommen, zu dem der Kreisverband Bündnis 90/Die Grünen eingeladen hatte.

Vielen blieb nur noch ein Stehplatz an der Seite oder neben der Eingangstüre. Das Thema umweltfreundliche Mobilität ist ein Publikumsmagnet und jeder will wissen, wie der renommierte Experte die Lage für Kempten und Umgebung einschätzt. „Ich bin von 11 bis 16 Uhr mit einigen Verantwortlichen durch die Stadt geradelt und habe mir die Gegebenheiten genauer angesehen. Mein Fazit: Kempten hat noch einiges zu tun“, so startete Monheim in seinen knapp zweistündigen Vortrag.

„Deutschland wollte in den Nachkriegsjahren Autoland werden. Und genau da lag der Fehler. Wir sind immer noch im Straßenbaufieber und wundern uns dann, wenn wir im Stau stehen. Das ist absurd“, meinte Monheim. Er machte gleich zu Beginn deutlich, dass Autoverkehr nicht nur unsere Nerven strapaziere, sondern auch noch „wahnsinnig teuer ist für die Kommunen“. Die nehmen nämlich dadurch anders als der Bund so gut wie kein Geld ein. Sein erster Appell deshalb klar: „Wir müssen und wir können bei Straßen Platz sparen. Wenn wir mehr Parkstreifen durch Bäume ersetzen oder durch Gastronomie, wie etwa die Außenbestuhlung, dann wäre das zumindest mal ein erster Schritt.“

Warum muss sich in Sachen Verkehr überhaupt etwas tun? Der emeritierte Professor für Angewandte Geographie, Raumentwicklung und Landesplanung erläuterte das anschaulich. „Die Zeitmuster haben sich mittlerweile verändert. Wir haben flexible Arbeitszeiten, ausgedehntere Öffnungszeiten und dadurch viel mehr Spätverkehr als noch vor ein paar Jahrzehnten. Allerdings hinkt der öffentliche Nahverkehr dieser Entwicklung nach wie vor deutlich hinterher, vor allem im ländlichen Raum. Da fährt dann nach 20 Uhr schlichtweg kein Bus mehr.“ 

"Die Hälfte der Mobilität ist Nahmobilität"

Auch die Raummuster hätten sich über die letzten Jahre hinweg verändert. Die radialen Muster würden abgebaut, es gebe mehr tangentiale Verbindungen. Gerade deshalb müssten die neuen Busnetze laut Monheim viel stärker tangential ausgerichtet sein. In Großstädten wie etwa München habe man die Botschaft bereits verstanden und setze das um, aber in den kleinen Mittelstädten sei das noch eher rar. „Das schlimmste ist aber, dass wir oft übersehen, dass die Hälfte aller Mobilität Nahmobilität ist. Wir sind statistisch gesehen überwiegend im Nahbereich unterwegs. Das zeigt die Tatsache, dass 50 Prozent aller Autofahrten kürzer als fünf Minuten sind. Das bedeutet also, dass wir unweigerlich bessere Busverbindungen und einen innovativen öffentlichen Nahverkehr brauchen, um für eine umweltfreundliche Zukunft im Verkehr gewappnet zu sein.“ Der öffentliche Verkehr müsse insbesondere im ländlichen Raum den Ehrgeiz haben, für jedermann und für alle Zwecke, vor allem auch für Freizeitaktivitäten, zu fahren und nicht nur für den Schülerverkehr.

Was sich in Kempten alles tun muss

Als Verkehrswissenschaftler hat sich Monheim seit Jahrzehnten immer wieder für attraktive und innovative Mobilitätsangebote stark gemacht. Die Lösung sieht er auch fürs Allgäu in einer „Netzdifferenzierung Bus“. Vorarlberg sei da ein gutes Beispiel. Da gebe es bereits einen Stadtbus, einen Landbus und einen Dorfbus. „Kempten hat immerhin einen Stadtbus. Das ist schon mal gut. Aber ich sehe für den Stadtbus hier noch erhebliches Verbesserungspotenzial. Es braucht beispielsweise deutlich mehr Haltestellen. Außerdem plädiere ich dafür, Carsharing gerade für den ländlichen Bereich anzubieten. Das ist ein zielführender und effizienter Schritt. Die Schweiz macht uns das schon vorbildlich vor.“ Der Verkehrsexperte äußerte sich außerdem leidenschaftlich zum häufig heiß diskutierten Thema Fahrradverkehr: „Das stärkste wachsende Verkehrsmittel ist das Fahrrad. Das zeigen Studien deutlich. 

Auch der Fußverkehr nimmt laut Statistik wieder zu. Darauf sollten und müssen wir alle unseren Fokus und unsere Energie legen, wenn wir dauerhaft etwas verbessern und eine klimafreundliche Verkehrswende herbeiführen wollen. Kempten braucht deshalb vernünftige Fahrradständer. Das, was ich heute gesehen habe, lässt definitiv zu wünschen übrig. Eine weitere Chance, um umweltfreundliche Mobilität zu stärken, sind öffentliche Fahrradverleihsysteme. Nicht nur in Paris oder Rennes, wo es das längst gibt, sondern auch in Kempten kann und sollte das eingeführt werden“, appellierte Monheim. 

Er führte den anwesenden Zuhörerinnen und Zuhörern vor Augen, dass Radfahrer entgegen der subjektiven Wahrnehmung am sichersten auf der Straße fahren. Die meisten Unfälle passierten im Querverkehr, wenn zum Beispiel ein Auto aus der Einfahrt komme und dabei mit einem Radfahrer auf dem Radweg zusammenpralle. „Das Fahrrad sollte deshalb zurück auf die Straße. Dafür müssen aber Radwege unbedingt demarkiert werden. Es braucht ganz klar fakultative Radwege. Offiziell gibt es seit 20 Jahren sogenannte Fahrradstraßen. Ich sage bewusst offiziell, denn faktisch gibt es keine. Ich fordere daher vehement ein System aus Fahrradstraßen. Auch Radschnellwege sind eine gute Lösung. Die Niederlande machen uns das mustergültig vor. Die haben seit mehreren Jahrzehnten baulich getrennte Radwege entlang stark befahrener Straßen. Die sind breit angelegt, sodass auch nebeneinander Radeln und sicheres Überholen möglich sind. Da müssen wir hin“, verdeutlichte der gefragte Stadtplaner, der bis 2011 an der Universität Trier gelehrt hat.

Fazit – ein Weiter so geht nicht mehr

Als Prof. Heiner Monheim gegen Ende seines lebendigen Vortrags zu einem Fazit kam, waren bereits zwei Stunden vergangen. Man hatte aber zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass der voll besetzte Saal nicht mehr folgen konnte oder angestrengt heimlich auf die Uhr geschaut hat. Die Themen umweltfreundliche Mobilität, Klimawandel und stadtverträgliche Verkehrskonzepte sind aktueller denn je. Dass sich was tun muss, ist allen Anwesenden klar. Der erfahrene Verkehrswissenschaftler Monheim gab den Verantwortlichen in Kempten und Umgebung zum Abschluss ein deutliches Zeichen. Nach seiner Einschätzung brauche die Stadt unter anderem zehn Velorouten aus ca. 200 Fahrradstraßen und 2000 Fahrradständer. Außerdem zwei Radstationen und dringend 200 Aufpflasterungen und Gehwegnasen. Die Aufpflasterungen seien vor allem für Rollstuhlfahrer, Menschen mit Rollatoren, aber eben auch für Fahrradfahrer wichtig. „Warum muss ich an einer Ampel oder Straßeneinmündung erstmal vom Bordstein runter, um später wieder rauf zu müssen?“ Auch dem ÖPNV in Kempten gab er seine Prognose mit auf den Weg: „Für den Stadtbus empfehle ich acht Linien und deutlich mehr Haltestellen. 300 an der Zahl halte ich für sinnvoll. Außerdem braucht es einen Dorfbus, einen Regionalbus und einen Schnellbus. Und für den Spätverkehr einen Rufbus.“

Bei der sich anschließenden Fragerunde machte sich Monheim außerdem für einen Deutschlandtarif stark, ein durchgehendes Tarifsystem für den gesamten öffentlichen Verkehr in Deutschland. Ein 100 Euro-Ticket für den ÖPNV, welches eine Initiative für Kempten und Umgebung fordert, hielt er für zu wenig. „Wir dürfen das nicht unter Wert machen. Mobilität hat am Ende auch ihren Preis. Aber ein 365 Euro-Ticket wie in Vorarlberg, das kann ich nur begrüßen.“

Kathrin Dorsch

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