Gemeinsam Bus und Schiene stärken

Verkehrsminister Reichhart will das Allgäu bei der Vernetzung der Verkehrsverbünde unterstützen

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Nicht wirklich rund, dafür aber groß war der Tisch, an dem sich am Freitag Vertreter der drei Allgäuer Landkreise, der kreisfreien Städte und Verkehrsexperten mit Verkehrsminister Dr. Hans Reichhart trafen, um über ein allgäuweites Mobilitätskonzept zu sprechen.

Allgäu – Während der Oberallgäuer Kreistag am Freitagmorgen über das von Landrat Anton Klotz ins Spiel gebrachte 100-Euro-Jahresticket für den ÖPNV abstimmte, fanden sich zeitgleich Vertreter der restlichen Allgäuer Landkreise, der kreisfreien Städte, der Verkehrsträger und ÖPNV-Experten von Hochschule, Mona und Schwabenbund in Kempten zusammen. Dabei war auch der bayerische Verkehrsminister Hans Reichhart (CSU).

Aufgeschreckt durch das Ergebnis einer Umfrage der Hochschule Kempten zur Tourismusakzeptanz hatte Klaus Holetschek (CSU), MdL und Vorsitzender des Tourismusverbandes Allgäu/Bayerisch-Schwaben, zum Runden Tisch geladen. Den Einheimischen werden die Touristenzahlen bald zu viel. Das hatte die Umfrage der Hochschule ergeben. Aber „die Diskussion zum Overtourism rührt nicht von den Besuchern her, sondern vom Verkehr“, sagte Ostallgäuer Landrätin Maria Rita Zinnecker (CSU). Holetschek will nun das Mobilitätskonzept für das gesamte Allgäu voranbringen. 

Die bisherigen Mobilitätsprojekte sollen neu ausgerichtet und der ÖPNV über die Landkreisgrenzen hinweg vernetzt werden, um die öffentlichen Verkehrsmittel für die Besucher attraktiver zu machen. Bus, Bahn, Bergbahnen, das Rad, Carsharing-Konzepte, und Parkraumsteuerung: All das solle integriert und zu einer geringeren PKW-Belastung führen. 

Den Anwesenden gefiel diese Richtung, die eingeschlagen werden sollte, doch ging sie einigen nicht weit genug. Der Lindauer Landrat Elmar Stegmann bat Reichhart mit Blick auf seine Nachbarn Vorarlberg und Baden-Württemberg darum, auch eine Förderung für eine internationale Vernetzung, zum Beispiel für ein verkehrsmittelübergreifendes E-Ticketing auf den Weg zu bringen. Füssens Tourismusdirektor Stefan Fredlmeier schaute eher in die wachsende Metropolregion München, die mehr Gäste zu den Königsschlössern und Füssen schwemme. Ihm fehlte ein Verkehrsverbund nicht nur im Allgäu, sondern entlang des ganzen Alpenrandes. „Das Problem fällt uns auf die Füße“, sagte er. Weil es gerade im südlichen Ostallgäuer Landkreis um die Königsschlösser am meisten brenne, nutzte Zinnecker sogleich die Gelegenheit und hielt dem Verkehrsminister einen Förderantrag für ein Mobilitätskonzept süd unter die Nase. 

Digitalisierung gefragt

Einhellig waren sie der Meinung, dass die Digitalisierung maßgeblich zu einer Verbesserung beitrage, zum Beispiel mit der Möglichkeit, mit nur einem E-Ticket verschiedene Verkehrsmittel auf der Reise zu kombinieren. Daran arbeitet Werner Weigelt mit dem Projekt Schwabenbund Services. 

Mehrfach kam die Bitte an Reichhart, das Projekt zu fördern und zu unterstützen. Mit vernetzten Tickets könnte man die Touristenströme lenken, bekräftigte Zinnecker. „Wenn wir vorher wissen, wo die Leute hinwollen, können wir entsprechend reagieren.“ 

Der Verkehrsminister zeigte sich großzügig: Schwabenbund Services wollte er unterstützen, wenn der rechtliche Rahmen passe. Er sagte auch Stegmann zu, die fünf Haltestellen auf der Bahnstrecke Memmingen-Lindau wie geplant tatsächlich zu reaktivieren. Auch die sechs Memminger Haltestellen für die Regio-S-Bahn wollte Reichhart in Angriff nehmen. 

Sogar beim Thema Dieselloch Allgäu stimmte Reichhart Zinnecker zu, dass auch die Bahnstrecken im Ost- und Oberallgäu elektrifiziert werden müssten. Alternative Antriebe wie Wasserstoff, wie beispielsweise von der FDP fürs Allgäu propagiert wird, könnten laut Reichhart dagegen nur für kurze Strecken nützlich sein. 

Aber in Sachen Elektrifizierung der Bahnstrecken wolle er am Ball bleiben. „Ein Zug fährt nur von Hamburg bis nach Oberstdorf, wenn die Bahn durchgehend elektrifiziert ist“, sagte der Verkehrsminister. 

Einen bayernweiten Verkehrsverbund lehnte Reichhart dagegen ab, denn „jede Region hat andere Bedürfnisse“. Trotzdem bat er, egal, was die Landkreise nun auf den Weg bringen, sollten sie die Möglichkeit offen lassen, einen größeren Verbund zu bilden. Dabei sei er auch bereit, Verbundüberlappungen zu unterstützen. 

„Auch im Allgäu sind die Abstimmungen nicht ganz einfach“, meinte Allgäu-GmbH-Geschäftsführer Klaus Fischer und bezog sich damit auf Landrat Klotz‘ Vorstoß in Sachen 100-Euro-Jahresticket im Oberallgäu, den der Kemptener Oberbürgermeister Thomas Kiechle für verfrüht hält. „In der Schweiz und in Vorarlberg funktioniert das viel besser, weil es eine klare Strategie des Landes gibt“, so Fischer. „Wir haben sehr wohl eine Strategie“, meinte darauf der Verkehrsminister. Jeder solle das Verkehrsmittel nutzen, das er für das Beste hält, „wir schaffen die Angebote dafür“. 

Auch die A7 und die B12 will Reichhart ausbauen. Das Beispiel, das er brachte: Eine Familie mit kleinen Kindern, die in den Urlaub fahre, die bräuchte die Straße. Die breite Masse wolle eine möglichst flexible Mobilität, egal mit welchem Antrieb, das habe eine Studie jüngst gezeigt. Der Verkehr nehme auch zu, weil auch die ältere Generation mobiler werde. Trotzdem fördere Reichhart gerade die Integration des Schienenverkehrs in die lokalen Verbundsysteme. 

Der Freistaat trage 85 Prozent der Kosten für entsprechende Grundlagenstudien. Er nahm den Landkreisen die Angst, dabei jahrelang die Differenz zwischen lokalem Tarif und dem Schienentarif ausgleichen zu müssen. Das müssten sie mit der Hilfe des Freistaats nur fünf Jahre tun. 

Der Geschäftsleiter der Mobilitätsgesellschaft für den Nahverkehr im Allgäu (Mona) Martin Haslach warf einen nüchternen Blick auf die zu bewältigenden Aufgaben. Überall, wo man die Schiene braucht, rede man von sehr langen Zeiträumen. Die Schienenverkehrsunternehmer seien vertraglich in Dekaden gebunden. Lösungen in zwei, drei Jahren seien da ein Ding der Unmöglichkeit. „Ist denn ein Bahnunternehmer am Tisch?“, wies er auf das Versäumnis hin, sie einzuladen. Und er konnte bei diesem ersten Gespräch noch nicht erkennen, was die Teilnehmer denn konkret gemeinsam anpacken wollten. Für ihn löse ein E-Auto keine Verkehrsprobleme, weil es genauso viel Platz brauche wie ein herkömmliches. „Sagen Sie doch im Wahlkampf, Sie seien gegen das Auto und für den ÖPNV“, richtete er einen Appell an die Politiker, „das würde helfen.“

Kommentar

Mit seiner Strategie, sowohl auf die Schiene als auch Straße zu setzen, fährt der bayerische Verkehrsminister Dr. Hans Reichhart ganz im Sinne der CSU, die stets für den Ausgleich plädiert. Aber bei dieser Veranstaltung war die Zielsetzung doch eigentlich, den Verkehr von der Straße wegzubringen. In der Politik und in einer Demokratie ist ein Ausgleich von Interessen, sind Kompromisse unerlässlich. Das Problem bei der Klimapolitik, und das ist die Verkehrspolitik zu einem wesentlichen Teil: Wenn man hier auf den Ausgleich setzt, wird man als Minister oder Partei zwar wieder gewählt, doch wird es die Welt, wie wir sie kennen, mit der Verfehlung des 1,5-Grad-Ziels nicht mehr geben. Aber vielleicht können zumindest dann die vielen Klima- und Wirtschaftsflüchtlinge, die aus dem ausgedörrten Afrika oder den überschwemmten Niederlanden ins gelobte Land Bayern kommen, die toll ausgebauten Straßen und Schienen nutzen, bevor der Verteilungskampf losbricht. 

Susanne Lüderitz

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