»Lösung des Problems, nicht die Ursache«

Vertreter des Einzelhandels im Dialog mit Alexander Hold und Staatsekretär Roland Weigert

Für manche könnten „die Lichter endgültig ausgehen“
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Ab Wochenmitte gilt in Deutschland wieder ein harter Lockdown. Der Kemptener Einzelhandel fürchtet nun, dass für manche „die Lichter endgültig ausgehen“ könnten.

Kempten – Ob im kommenden Frühjahr die Kemptener Innenstadt noch so ausschauen wird wie zu Beginn des „Lockdown Light“ Anfang November, ist fraglich. Nun wurde durch die Politik ein zweiter, harter Lockdown beschlossen, der einen ohnehin geschwächten Einzelhandel wirtschaftlich trifft. Onlineversandhändler wie Amazon und Paketzustellern dürfen frohlocken, für den ein oder anderen im stationären Handel werden die Totenglöckchen läuten.

Vor diesem Szenario lud am vergangenen Freitagnachmittag der Vizepräsident des Bayerischen Landtags und Stadtrat Alexander Hold (Freie Wähler) gemeinsam mit dem Staatsekretär aus dem Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie Roland Weigert (Freie Wähler) zu einem Gespräch mit Vertretern des Kemptener Einzelhandels ein. Diejenigen, die den Einzelhandel durch dieses schwierige Jahr 2020 geführt haben, sehen sich zu Unrecht in den Medien als Infektionstreiber an den Pranger gestellt. „Wir haben die AHA-Regeln, Abstand, Hygienregeln, Alltagsmaske, konsequent in unseren Geschäften umgesetzt“, erklären die Einzelhändler den beiden Politikern. 

Auch den „Lockdown light“ mit einem beispielosen Frequenzrückgang habe man bis dato klaglos mitgemacht, der harte Lockdown aber werde die ohnehin wirtschaftlich angespannte Situation nochmals verschärfen. „Gerade für die kleinen Geschäfte, insbesondere aus der Modebranche, wird es eng werden. Wir rechnen zum Jahresbeginn 2021 vermehrt mit Insolvenzen, zumal die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht zum 1. Januar auslaufen wird“, so Stadtrat und Einzelhändler Joachim Saukel.

Alles richtig gemacht

Allen Vertretern des Einzelhandels ist es wichtig zu betonen, dass der Einzelhandel nicht Ursache des Problems sei, sondern Teil der Lösung. Die bisherigen Quarantäne-Maßnahmen haben dazu geführt, dass sich Treffen vom öffentlichen in den unkontrollierbaren privaten Raum verschoben haben. So sei es vernünftiger, eine Innenstadt in einen kontrollierten „Lockdown light“ zu versetzen, als die Menschen in Grauzonen zu entlassen, urteilen die Einzelhändler. Dietmar Wolz, Geschäftsführer der Bahnhof-Apotheke und 1. Vorsitzender City-Management Kempten, gibt zu bedenken, dass die Einzelhändler in den letzten Monaten einen sicheren und kontrollierbaren Raum für die Öffentlichkeit bereitet hätten. „Wenn jetzt alles wieder schließen muss, werden sich die Menschen in Grauzonen begeben. Wir Menschen sind soziale Wesen, wir wehren uns gegen Isolation und Separation und suchen das gemeinsame Erleben. Das sollte neben allen anderen Aspekten ebenso berücksichtigt werden“, meint Wolz. Was jetzt zu erwarten sei, formuliert Peter Eberle von der Unternehmensführung Reischmann dann so: „Wir müssen mit einem Run auf die Innenstadt bis zum Einsetzen des harten Lockdowns rechnen, in den Discountern und Supermärkten wird es angesichts von vier aufeinanderfolgenden Feiertagen wohl zu Hamsterkäufen kommen. Das alles folgt keiner wirklichen Strategie.“

Geduldig haben sich BYL-Vizepräsident und Stadtrat Alexander Hold und Staatssekretär Roland Weigert von den Freien Wählern die Einschätzungen der Betroffenen angehört. Die Vertreter der Politik möchten aber an diesem Freitag Nachmittag keine allzu großen Hoffnungen auf ein Abwenden des angekündigten zweiten, härteren Lockdowns machen. „Das Einzige was den Lockdown noch wird verhindern können, ist, wenn die Infektionszahlen kurzfristig zurückgehen“, sagt Roland Weigert und jeder im Raum weiß zu diesem Zeitpunkt, dass das nicht wahrscheinlich ist. 

Zudem sei es für den kleineren Juniorpartner in der Koalition schwierig, sich mit großen Forderungen durchzusetzen. Man würde sich aber dafür einsetzen, dass den Einzelhändlern durch staatliche Zuwendungen, Stichwort „Novemberhilfen“ und den Überbrückungshilfen III, zumindest finanziell geholfen werden kann.

Jörg Spielberg

Kommentar

Mit Reischmann, New Yorker, Woolworth, Modepark Röther und Depot haben gleich fünf große Mode- und Warenhäuser, die in Kempten Niederlassungen betreiben, einen Brandbrief an die Bundesregierung mit unterschrieben, in dem sie vor den massiven Folgen eines harten Lockdown für den Einzelhandel warnen („Bild“, 13.12.20). Manche aber in der Politik müssen mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn sie glauben, dass sie diesen massiven Schaden für den stationären Handel mit noch mehr Überbrückungshilfen kaschieren können. Der harte Lockdown, der Restart der Insolvenzantragspflicht zum 1. Januar 2021 (voraussichtlich wird die Aussetzung in dieser Woche im Bundestag verlängert), Corona-Lockdown-Endlosschlaufen und zudem ein harter Brexit könnten auch die Visitenkarte der Allgäumetropole, eine der attraktivsten Innenstädte Deutschlands, in einem halben Jahr in eine Geisterstadt verwandeln. 

Jörg Spielberg

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