Verzicht ohne zu verzichten

Brenda Boykin, Sängerin bei der Barrelhouse Jazzband, begeistert beim Eröffnungsabend. Fotos: Tröger

Der bewusste Verzicht auf zugkräftige Namen internationaler Jazz-Stars hat dem Jazzfrühling nicht geschadet. Vielmehr präsentiert sich die 28. Auflage des neuntägigen Festivals auf musikalisch hohem Niveau und einer „Perlenkette“ an Musikerlebnissen schon bis zur nunmehr Halbzeit. Scharenweise glückliche Gesichter waren zum Beispiel nach den beiden Konzerten im Kornhaus zur sehen, bei denen nicht nur drei hervorragende Sängerinnen unter die Haut gehenden Blues über Soul bis Gospel mit ganz individuellen Nuancen interpretierten.

Getragen wurden sie von ebenbürtigen Instrumentalisten, deren Spielfreude unweigerlich sofort mitriss: Am Eröffnungsabend die Barrelhouse Jazzband mit den „Black Voices“ Brenda Boykin und Harriet Lewis, davor die Pegasus Brass Band als „Anheizer“; im zweiten und letzten, ebenfalls rappelvollen Kornhaus-Konzert wurden Christian Willisohn, Lilian Boutté und „Southern Spirit“ frenetisch gefeiert. Als wahre Schätze mit exzellenten Musikern entpuppten sich – einmal mehr – die vier Abende fernab von Mainstream im TheaterOben. Josef Ego, Organisator der Reihe, hat sein Publikum erneut herausgefordert, sich einzulassen und einzuhören. Mit intellektueller Leichtigkeit könnte man die Musik des fröhlich-unkomplizierten „Andromeda Mega Express Orchestra“ bezeichnen, das unter anderem das Miteinander in Hotels, Transiträumen oder auch Fahrstühlen während ihrer dreimonatigen Südamerika-Tournee musikalisch umgesetzt präsentierten. Ein gewisses Maß an Willenskraft hat einigen Zuhörern die Formation „Tá Lam 11 ‚Mingus’“ mit insgesamt zehn Saxophonen und Klarinetten, dazwischen ein verbindendes Akkordeon, abverlangt. Der stete Wechsel von tönendem Chaos und Neuordnung der Töne, die auch gleich wieder zerfiel um sich neu und anders zu formieren, waren gleichermaßen anregend und anstrengend. Warum ausgerechnet der New Yorker Pianist Craig Taborn die Ausnahme von spärlich besetzten Zuschauerreihen erfuhr, wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben. Wer da war, erlebte ein Spiel voller Kraft und Anmut, voller Wildheit und Zartheit, Rhythmik und Weite, voller berührender Geschichten, wie es nur selten zu finden ist – jeweils abrupt beendet durch den Griff zur Wasserflasche. Unter die Zuhörer hatte sich auch Donny McCaslin, der mit seinem Quartett den folgenden Abend zu bestreiten hatte, gemischt. Beide wohnen in New York quasi „um die Ecke“, wie McCaslin dem KREISBOTEN erzählte, begegnen sich aber nur gelegentlich beim Trainieren im von beiden besuchten „Gym“. Da hatten sie sich beim Treffen in Kempten in der Konzertpause eine Menge zu erzählen. New Yorker Treffen Unwägbarkeiten von Musikerleben hatten auch Ulrich Habersetzer und Matthias Fischer von der Jazz-Abteilung des Bayerischen Rundfunks nach Kempten gebracht: Ihr mit McCaslin in New York anberaumtes Interview musste kurzfristig verschoben werden – da bot sich Kempten an, wo sie sich wenige Tage nach der kurzen Begegnung im „Big Apple“ im Theater zum Interview wiedertrafen. Das Konzert am Abend darf man schließlich getrost zur „Perlenkette“ des Festivals rechnen – eine geniale Mischung aus „verkopftem“ Jazz, der emotional berührte. Sympathisch offenbarte sich der 45-Jährige McCaslin als Familienvater, der für seinen acht Monate alten Sohn nachts aufsteht um mit schmerzendem Rücken den Schnuller am Boden zu ertasten. Daraus entstanden ist das Stück „Tension“, das die nächtliche Aktivität nicht ohne Humor schildert. Als fester Bestandteil des Jazzfrühlings gilt der ökumenische Gottesdienst in der Lorenzkirche, der heuer mit Musik von „Tre Pane“ – Stephan Holstein (Klarinette), Uli Fiedler (Kontrabass) und Josef Holzhauser (Akustikgitarre) – und einem ausgefallenen Zusammenspiel mit Hans Augart an der Kirchenorgel – gestaltet wurde. Restlose Begeisterung ernteten die zwei Meister der 7-String-Jazzgitarre, Helmut Nieberle und Howard Alden, zum krönenden Abschluss der vier „AÜW-Jazzperlen“. Da herrschte „Einklang“ statt „Zweiklang“ und das in Vollendung mit pointiertem Humor in den Ansagen und der Musik. Hörgenuss gab es dort auch am Abend zuvor mit Walter Bittners Zakedy Musik. Walter Bittner, Stephan Holstein, Daniel Mark Eberhard und Uli Fiedler hatten auch eine charmante Variante des „Pausengongs“ parat: Mit einem fetzigen Ständchen im Foyer läuteten sie die zweite Hälfte ihres Konzertes ein. Als großen Erfolg kann Organisator Hansjürg Hensler auch den mit „Caféhaus“ erstmaligen Versuch einer Tanztheater- und Jazz Big Band-Fusion zwischen dem Landes-Jugendjazzorchester und den Tänzerinnen der KaRi-Dance Company betrachten.

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