"Wir können die Kinder doch nicht im Stich lassen!"

Die verzweifelte Suche nach ehrenamtlichen Fußballbetreuern

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Gähnende Leere auf dem Sportplatz des SSV Wildpoldsried. Jugendleiter Ralf Dlapal sucht seit Wochen vergeblich neue Trainer für die Jugendmannschaften des Vereins. Im schlimmsten Fall muss er zwei Mannschaften abmelden.

Wildpoldsried – Die Sonne scheint. Das Fußballfeld des SSV Wildpoldsried erstrahlt in hellem Grün.

Der Himmel leuchtet blau. Es könnte alles perfekt sein am Sportgelände Am Hungersberg. Ist es aber nicht. Jugendleiter Ralf Dlapal steht am Vereinsheim und schaut mit leeren Blick auf den Rasen. Seit Monaten sucht die Jugend-Fußballabteilung vergeblich nach Trainern und Betreuern. „Dieses Jahr ist es besonders schwer, Freiwillige zu finden. Leicht war es noch nie, aber heuer hören viele gleichzeitig auf. In der C-Jugend sind es sogar alle vier bisherigen Trainer. Auch die A-Jugend braucht dringend Betreuer, aber es meldet sich niemand“, schildert der 46-Jährige die hoffnungslose Situation. 

Seit 1955 hat sich der Fußball fest in Wildpoldsried etabliert. Ralf Dlapal ist seit der Geburt Mitglied beim SSV und seit sechs Jahren als Jugendleiter für den Nachwuchs verantwortlich. Vorher hat er alle Stationen von der F- bis zu A-Jugend durchlaufen und sich selbst mit 18 Jahren als Jugendtrainer ehrenamtlich engagiert. „Zu meiner Zeit haben es viele Trainer noch ein ganzes Jahrzehnt oder sogar länger gemacht. Das gibt es so gut wie gar nicht mehr. Wir fangen fast jedes Jahr wieder von vorne an mit unserer Suche nach Freiwilligen, wie in einem Hamsterrad. Das frustriert extrem. Dieses Jahr ist die Lage echt ernst. Wir müssen acht Trainerposten besetzen“, so Dlapal. Die Meldefrist für die neue Saison läuft am 31. Juli ab. 

Wenn keine Freiwilligen gefunden werden, muss Ralf Dlapal sogar zwei Mannschaften abmelden. Die C- und die A-Jugend. „Das wäre der Supergau“ und nach dem sieht es aktuell leider aus. Die letzten Wochen hat er sich mit seinen Kollegen im Verein vergeblich bemüht, passende Leute zu finden. „Man muss immer mehr betteln und überreden. Das will ich ja eigentlich nicht. Ich will doch, dass es jemand freiwillig macht. Denn die Frage ist natürlich schon: Mit was für einem Eifer und was für einer Begeisterung macht es einer, wenn er überredet wurde?!“ 

Die Kinder geben so viel zurück
Die Situation ist schon grotesk. Früher gab es Zeiten, in denen Jugendmannschaften in Wildpoldsried nicht gemeldet werden konnten, weil zu wenig junge Spieler da waren. Daraufhin wurden Spielgemeinschaften mit umliegenden Gemeinden gegründet und dann hat es wieder funktioniert. „Mittlerweile haben wir 20 Kinder in einer Mannschaft und finden keinen Betreuer mehr. Das ist wirklich traurig. Fußball ist als Breitensport in jedem Haushalt mehr oder weniger gegenwärtig. Gerade bei Welt- oder Europameisterschaften. Es zermürbt, wenn man für den Sport, den so viele lieben, keine Freiwilligen mehr findet, die sich bereit erklären, sich vier bis fünf Stunden die Woche hinzustellen und den Kindern was beizubringen“, gesteht der Jugendleiter. Alle ehemaligen Trainer würden nämlich bestätigen, dass ihnen die Kinder und Jugendlichen so viel zurückgegeben hätten und es eine regelrechte Bereicherung und Freude war, sich ehrenamtlich engagiert zu haben. 

Was sollte ein Betreuer oder Trainer denn mitbringen? 

„In erster Linie einfach Begeisterung und die Lust, mit Kindern arbeiten zu wollen. Der zeitliche Aufwand liegt bei zweimal Training die Woche und am Wochenende dann meist ein Spiel. Fürs Training sollte man zwei Stunden und für ein Spiel etwa drei Stunden an Zeit einplanen. Derjenige braucht übrigens keinen Trainerschein. Wenn jemand einen hat, ist das natürlich optimal, wenn nicht, auch kein Problem. Idealerweise sollte man aber selbst mal Fußball gespielt haben. Die Kids merken nämlich sehr schnell, ob man Ahnung hat oder nicht“, sagt Dlapal. Eine Altersbeschränkung gibt es auch nicht: „Von 18 Jahren bis open end ist alles möglich, nur eine gewisse Fitness sollte schon vorhanden sein.“ 

Ehrenamt – ein Auslaufmodell?
Rund 1,7 Millionen Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich für den Amateurfußball und tragen damit aktiv zum Erhalt des Vereinslebens bei. Doch die Suche nach Freiwilligen stellt die Verantwortlichen immer öfter vor große Herausforderungen wie die Situation beim SSV Wildpoldsried deutlich zeigt. „Gefühlt ist es so, dass sich immer weniger Menschen ehrenamtlich engagieren und binden möchten. Die sagen erstmal nein und wollen schauen, ob es nicht irgendwo noch etwas Interessanteres oder Besseres gibt“, erklärt Dlapal. „Wenn du an so einem Punkt bist, wo du gute Mannschaften und genügend Spieler hast und eigentlich alle Probleme gelöst sind, aber dann keinen Trainer oder Betreuer bekommst, da möchtest du schon verzweifeln und hinschmeißen.“ Seiner Wut und Enttäuschung hat der Jugendleiter kürzlich auch in einem Brandbrief im Wildpoldsrieder Bürgerbrief Duranand Ausdruck verliehen. Und wie waren die Reaktionen auf seinen Hilfeschrei? „Ich habe viel positives Feedback bekommen, aus den unterschiedlichsten Sparten, von der Feuerwehr über die Theater- bis hin zur Radabteilung des SSV. Viele meinten: „Du hast vollkommen Recht, endlich hat mal einer was gesagt“. Das freut mich wahnsinnig, aber auf der anderen Seite hat sich kein Trainer gemeldet“, so sein trauriges Fazit. 

Seine letzte Hoffnung ist nun, dass sich in den nächsten Tagen jemand meldet und der Verein dann vielleicht zur Winterpause Mannschaften nachmelden kann oder eine Mannschaft außer Konkurrenz gemeldet wird. „Die Hütte brennt bei der A- und der C-Jugend. Da brauchen wir wirklich händeringend jemanden, egal woher. Es muss nicht zwingend jemand aus Wildpoldsried sein. Die Kinder sehen doch, dass alle Jugendmannschaften trainieren, nur eben die A- und –C-Jugend trainieren mehr oder weniger nicht. Das tut weh! Die Kinder brauchen unsere Hilfe und unsere Engagement, deshalb appelliere ich wirklich an alle, sich zu überlegen, ob es nicht doch irgendwie zeitlich geht“, bittet Dlapal und schaut dabei auf den leeren Fußballplatz am Sportgelände. „Der SSV Wildpoldsried ist mein Verein. Ich bin mit dem Fußball hier aufgewachsen, das ist wie ein Teil von mir, da hänge ich einfach dran. Und vor allem die Kinder und Jugendlichen liegen mir so am Herzen, denn sie brauchen uns.“

Kathrin Dorsch

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