Aus Frankensteins Labor

"Leben als Erfindung der Industrie" - Vortrag zur Agro-Gentechnik

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Informationen, die schockieren: Dr. vet. Christoph Then mit seinem Publikum beim Vortrag im Pfarrsaal St. Lorenz.

Kempten – Gentechisch veränderte Super-Nutztiere, Malariamücken ohne Malaria, Mais, in dem Insektizide bereits enthalten sind: Die Erfindungen und Visionen der Agro-Gentechnik hören sich vielversprechend an.

Was der Eingriff ins Erbgut von Lebewesen langfristig für Folgen hat, könne jedoch niemand so genau sagen. Das machte Dr. Christoph Then von Testbiotech den Zuhörern seines Vortrags klar, den die „IG FÜR gesunde Lebensmittel“ zusammen mit „GENial – Allgäu ohne Gentechnik“ und dem Bioring Allgäu im Pfarrsaal St. Lorenz organisiert hatte. Then ist promovierter Tierarzt, war eine Zeit lang Mitarbeiter bei Greenpeace und hat dann „Test Biotech“ gegründet. Das Institut untersucht die Folgen der Gentechnik in der Landwirtschaft, geht auch mal am europäischen Patentamt gegen Patente auf Laboraffen vor und betreibt Aufklärungsarbeit. Das tat der Münchner auch bei seinem Vortrag in Kempten.

Sie sind resistent gegenüber Unkrautvernichtungsmittel (Herbizide) wie Glyphosat, produzieren ihr eigenes Insektengift oder können beides auf einmal. Das sind die Eigenschaften, die gentechnisch veränderte Pflanzen meistens haben, erklärte der Veterinär. Der Vorteil von herbizidtoleranten Pflanzen: „Man kann Unkraut spritzen, ohne dabei der Nutzpflanze zu schaden.“

Seitdem Unkrautvernichtungsmittel zum ersten Mal eingesetzt wurden, sei eine Vielzahl von Wildkräutern verschwunden. Die Artenvielfalt ist eingeschränkt und damit auch die Nahrungsgrundlage für Insekten und Vögel. Mittlerweile seien einige besonders problematische Unkräuter aber resistent geworden. „Die Geschwindigkeit und die Tricks der Pflanzen hat selbst die Industrie überrascht“, erklärte Then. Einige Unkräuter könnten nur noch mähenderweise in Schach gehalten werden.

Nie am Tierversuch getestet

Die Insektengift beinhaltenden Pflanzen hätten ihrerseits bestimmte Schädlinge zwar verdrängt, wodurch andere Schädlinge aber häufiger auftreten, so Then. Damit Glyphosat heutzutage überhaupt noch Wirkung zeige, müsse statt wie früher nicht mehr nur einmal im Jahr ein Kilogramm pro Hektar gespritzt werden, sondern gar drei bis vier Kilogramm und das mehrmals im Jahr in Kombination mit anderen verstärkenden Giften.

Die Lösung der Industrie: Gentechnisch veränderte Pflanzen, die noch mehr können. Der „Smart Stax“-Mais beispielsweise beinhalte sechs verschiedene Insektengifte und sei resistent gegen zwei Herbizide. Der Mais, der in den USA großflächig angebaut werde, sei nie auf gesundheitliche Risiken getestet worden. Die neuestes Methode, die noch nicht zugelassen ist: Ein Botenstoff in der Pflanze, der vom Schädling aufgenommen werde und dann in seinen Stoffwechsel eingreife. Die Frage, die Then stellte: Wer nimmt diese Stoffe, zum Beispiel im Boden, dann noch auf?

Futter, an dem das Blut des Regenwaldes klebt

Und da die gentechnisch veränderten Pflanzen leichter als konventionelle Pflanzen auf Standorten zurechtkämen, auf denen zuvor Regenwald gestanden hätte, senke das die Hemmschwelle für die Abholzung. So wurde der Anbau von Gentechnik-Soja in Brasilien zu einem Motor der Regenwaldvernichtung, erklärte der Experte.

In Europa würden zwar keine gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut, allerdings in Form von Soja „massenhaft“ als Futtermittel importiert. Die EU habe einen Mangel an Eiweiß-Futtermitteln, brauche es laut Then aber, um landwirtschaftliche Exportüberschüsse zu erzielen. „Mir war schon klar, dass Glyphosat auch in der heutigen Abstimmung wieder eine Zulassung erhalten würde“, sagte er. Einige Stunden zuvor hatte die zuständige Kommission mit Zustimmung Deutschlands entschieden, Glyphosat für weitere fünf Jahre zuzulassen.

„Mit einem Verbot hätte die ganze Viehwirtschaft – vor allem die Geflügelwirtschaft – umgestellt werden müssen. Es sind sehr viele Marktsegmente betroffen. Die Umstellung geht nicht von heute auf morgen“, sagte der Tierarzt. Das Schicksal ganzer Länder, die voll auf Gentechnik oder Soja-Anbau wie Brasilien gebaut hätten, stehe auf dem Spiel.

Und da ist die Frage nach dem Krankheitsrisiko, die so oft diskutiert wird. Eine Sojabohne habe von Natur aus viele Allergene und Östrogene. In Reaktion auf die Umwelt könne die Pflanze manche Stoffe verstärkt produzieren. Das sei ein dynamischer Prozess. Ob die gentechnisch veränderte Sojabohne langfristig chronische Krankheiten hervorrufe, könne man nicht so genau sagen, da das Thema inklusive Abbauprodukten und dazukommenden Giften komplex sei und nur schwer untersucht werden könne. Das Insektengift BT-Toxin, das in manchen genveränderten Pflanzen produziert wird, wirkt auf das Immunsystem jedenfalls verstärkend und werde in der Medizin zusammen mit Impfungen gespritzt, um die Immunreaktion zu erhöhen. Können durch solche Nahrung vermehrt entzündliche Prozesse im Körper auftreten? „Empirische Untersuchungen dazu gibt es kaum. Es gibt aber viele relevante Risiken: Nehme ich Glyphosat dauerhaft zu mir, könnte das antibiotisch wirken wodurch die günstigen Bakterien im Darm abnehmen und die ungünstigen zu.“

Vieles wolle die Politik auch gar nicht wissen, glaubt Then. „Laut Efsa (europäsiche Behörde für Lebensmittelsicherheit) wurde in der gesamten EU im Jahr 2015 keine einzige Soja-Bohne auf Rückstände von Glyphosat untersucht, obwohl so viel davon importiert werde.

Unabhängigkeit gibt es nicht

Die Grenzen zwischen Politik und Industrie verwischen. Es gebe zu wenig von der Industrie unabhängige Forschung: „Auch Mitarbeiter der Behörden gehen auf Konferenzen, die von der Industrie veranstaltet werden und finden das ganz normal. Da gibt es zu wenig Richtlinien oder Verhaltenskodizes, um die nötige Distanz zu wahren.“

Und das Geschäft mit den genveränderten Pflanzen sei lukrativ. „Knapp 3000 Patente auf genverändertes Saatgut gibt es in der EU“, sagte Then. Indem Chemiefirmen wie Monsanto oder Dupont patentierte Gene in Pflanzen einsetzen, gehören ihnen auch die Pflanzen selbst. Sie haben das alleinige Recht auf deren Produktion und somit Verkauf. Und der Landwirt darf seine eigene Ernte nicht mehr zur Aussaat verwenden, sondern muss immer wieder neues Saatgut kaufen, wenn er Pflanzen mit diesen speziellen Eigenschaften haben will. Noch gravierender sei: Andere Züchter könnten mit den am Markt befindlichen Sorten nicht mehr weiterzüchten, um noch besseres Saatgut bereitzustellen. „Damit wird die Vielfalt im Angebot verringert und die weitere Züchtung behindert oder blockiert“, so Then. Kleinere Züchter würden zunehmend aus dem Markt gedrängt. Das Problem betreffe inzwischen auch die konventionelle Züchtung. Ein Riesengeschäft, erklärte der Tierarzt den Zuhörern.

In der Schublade der Konzerne steckten bereits eine Vielzahl an neuer gentechnischer Verfahren, die zwar effizienter und billiger seien, deren Risiken aber nicht abzuschätzen seien. In Europa hätte man zwar geschafft, die Grenze zwischen Gentechnik und gentechnikfrei produzierten Lebensmitteln zu ziehen. In den USA seien mehrere dieser Pflanzen aber bereits ohne Auflagen zum Anbau freigegeben. Es gebe schon Auskreuzungen in Wildpopulationen. „Hier muss die Politik klare Grenzen setzen. Wir dürfen die Kontrolle und die Auswahlmöglichkeiten nicht verlieren, die wir in der EU errungen haben. Und neuen Fehlentwicklungen wie einem Einzug von gentechnisch veränderten Nutztieren sollte man frühzeitig eine Absage erteilen: Für diese Tiere gibt es hier keinen Markt“, gab Then den Zuhörern mit auf den Weg.

Susanne Kustermann

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