Viel Gottvertrauen

OB Dr. Ulrich Netzer (links) beglückwünscht Paul Baier zu seinem 106 Geburtstag. Foto: Kampfrath

106 Kerzen passen auf keine normale Geburtstagstorte. Vielleicht verzichtete man deswegen bei Paul Baiers Wiegenfest auf dieses Backwerk. Am Freitag vergangener Woche feierte der humorvolle Mann im Kemptener Margaretha- und Josefinenstift seinen 106. Geburtstag. Paul Baier ist der älteste Bürger Kemptens und des Oberallgäus.

Schon im Eingangsbereich des Seniorenheims sorgte der Jubilar für Gesprächsstoff. „Der Herr Baier ist wirklich ein Phänomen. Trotz seines Alters ist er noch total fit im Kopf“, sagte eine Frau. Ein großer Kranz, der eine 106 umrahmte, hing an der Tür seines Appartements. Im Aufenthaltsraum des ersten Stocks hieß Paul Baier seine Gäste willkommen. Wie in den vergangenen drei Jahren gratulierte Kemptens Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer dem Heimbewohner zum Geburtstag. „Sie schauen wieder glänzend aus. Jedes Jahr noch besser“, meinte der Rathauschef. Er schenkte Baier Wein und Bücher der Stadt Kempten. Der 106-Jährige kommentierte das mit den Worten: „Die alten Bücher habe ich schon alle gelesen, aber die neuen interessieren mich sehr.“ Netzer überreichte ihm ein Schreiben und Präsent des Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Das Geschenk entpuppte sich als bayerischer Löwe aus Nymphenburger Porzellan. „Ich danke Ihnen, mein lieber Herr Bürgermeister“, äußerte Paul Baier gerührt. Vom Pferd zur Rakete Der Heimleiter Thomas Duhr zündete ein Tischfeuerwerk an, die Gäste sangen lauthals „Viel Glück und viel Segen“. Der Jubilar bedankte sich mit einer Geburtstagsrede. „Sie, Herr Netzer, haben immer eine Freundlichkeit mitgebracht. Ich wünsche Ihnen auch weiterhin viel Freude, Gesundheit, gutes Gelingen und Gottes Segen.“ Paul Baier lobte seinen Geburtsort Steinberg (Kreis Ulm) für den Einfallsreichtum seiner Bürger. Er gehe regelmäßig mit seinem Rollator an die frische Luft. „Als ich in diesem berühmten Heim vor vier Jahren ankam, dachte ich, das ist das Sprungbrett zum Friedhof. Aber das stimmt nicht. Man wird hier gut umsorgt. Wir sind eine große Familie hier.“ Er glaube an die alte Volksweisheit „Das Gefühl ist der Weichensteller zum Zug des Gedankens.“ Vom Pferd bis zur Rakete habe er alles erlebt. „Es geht mir die Puste nicht aus“, erklärte der 106-Jährige. Er hatte ein Pamphlet verfasst, das sein Sohn Gerhard vorlas. Der am 21. Januar 1905 Geborene hatte sechs Geschwister. Nach seiner Lehre als Schriftsetzer trat er 1923 in eine preußische Einheit der Reichswehr ein. 1935 heiratete er Hermine Malterer, die 1996, ein Jahr nach der Diamantenen Hochzeit, verstarb. „Zwei Söhne, fünf Enkel und sieben Urenkel sind die Nachfahren unserer so guten Ehe“, schrieb Paul Baier. Nach Kriegsende und kurzer Gefangenschaft arbeitete er bis 1954 als Schriftsetzerlehrmeister in Rosenheim. Danach zog er nach Kempten, um das Technische Hilfswerk und später die Bundeswehr aufzubauen. Zuletzt war er im Führungsstab des Heeres in Bonn beschäftigt. Nach der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes, das er für den Aufbau der Bundeswehr erhielt, trat er in den Ruhestand. Das lange Leben habe er zu zwei Dritteln den Genen und zu einem Drittel seinem Tun und Gottvertrauen zu verdanken. Thomas Duhl erzählte von seiner ersten Begegnung mit dem ehemaligen Oberstleutnant. Sohn Gerhard hatte ihm am Telefon gesagt, dass sein Vater sich für einen Heimplatz interessiere. Duhl wollte sich den Bewerber erst einmal anschauen und besuchte ihn im Haubenschloss. Als Paul Baier die Tür öffnete, sagte der Heimleiter zu ihm: „Ich hätte gern Ihren Vater gesprochen.“ "Bin Suppenschwabe" Der älteste Bürger Kemptens gab bekannt, dass „irgendwie ein achtes Enkelkind unterwegs“ sei. „Ja nicht irgendwie. Das wissen wir schon, wie das passiert“, warf der Oberbürgermeister ein. Über diesen Kommentar lachte Paul Baier inbrünstig. „Ich bin ein Suppenschwabe. Ich esse jeden Mittag und Abend Suppe. Das bekommt mir gut“, erzählte der Rentner dem KREISBOTEN. Seine Hochzeit sei der schönste Tag in seinem Leben gewesen. „Weil ich die Frau bekommen habe, die ich wollte.“

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Shawn James im "mySkylounge"
Shawn James im "mySkylounge"
Schüsse im Wald führen zu Großeinsatz der Polizei
Schüsse im Wald führen zu Großeinsatz der Polizei
EEG ein "teurer Irrweg!"
EEG ein "teurer Irrweg!"

Kommentare