"Wem kann ich glauben?"

Politikwissenschaftler Ingmar Niemann spricht über die Macht der Medien

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Gut besucht war der Workshop mit Politikwissenschaftler Ingmar Niemann, den der Integrationsbeirat der Stadt Kempten am vergangenen Wochenende im Haus International veranstaltete.

Kempten – Manche sprechen von einer „Lückenpresse“ oder gar „Lügenpresse“, wieder andere finden, niemals zuvor so umfassend informiert gewesen zu sein wie in der heutigen Zeit.

Fakt ist, neben der traditionellen Zeitung, dem Rundfunk und dem Fernsehen wird das Angebot an Nachrichten heute durch die digitalen Medien wesentlich erweitert. In einem Workshop „Politische Medien – Wohin steuert die 4. Macht im Staate?“ referierte der Politikwissenschaftler und Hochschuldozent Ingmar Niemann am vergangenen Wochenende im Haus International zu diesem Thema. 

Rund 20 interessierte Teilnehmer fanden sich ein, darunter auch Geschäftsführer Lajos Fischer und Gaby Heilinger vom Haus International. Eingeladen zur kostenfreien Veranstaltung hatte der Integrationsbeirat der Stadt Kempten.

Viele Angebote – wenige Anbieter

Niemann gab vorab einen Überblick, wer im Besitz welcher Massenmedien ist. Im Bereich des Fernsehens sind es bei der ARD die Bundesländer, beim ZDF der Bund, bei Pro7/SAT1 ist es die börsennotierte Beteiligungsgesellschaft KKR aus New York und bei RTL der deutsche Bertelsmann-Konzern. Ingmar Niemann zeigt auf, dass die offenbare Medienvielfalt mit unzähligen Fernsehprogrammen, Printmedien und Online-Angeboten täuscht. Fast alle diese Angebote können sich auf die vier großen Anbieter zurückführen lassen.

Im Bereich der Online-Angebote gibt es neue Formate wie der „Der Fehlende Part“. Niemann macht deutlich, wie wichtig es ist, zu hinterfragen, wer hinter einem Angebot steckt und welche Botschaften mit welcher Absicht an den Mann/Frau gebracht werden sollen. Beim Online-Angebot „Der fehlende Part“ ist es beispielhaft „Russia Today“, ein von der russischen Regierung finanzierter Fernsehsender.

Aber auch öffentlich-rechtliche Programme und deren Nachrichtenformate werden von Niemann hinsichtlich ihrer Unabhängigkeit kritisch beäugt. Zudem gibt es aus seiner Sicht eine zu große Nähe von Politik, Wirtschaft und Medienvertretern, wie der Experte an vielen Beispielen belegen kann. Eine unabhängige freie, journalistische Arbeit, wie die vom verstorbenen Peter Scholl-Latour, sei heute nicht mehr möglich. Kanzlerin Angela Merkel habe zum Beispiel eine Duzfreundschaft mit Friede Springer, einer der einflussreichsten Frauen der deutschen Medienlandschaft angebandelt und freue sich über Überschriften wie „Kanzlerin der Herzen“, „Super-Merkel“ und „Standfeste Powerfrau“.

Manipulative Nachrichten

Aber auch weltweit sieht es nach Einschätzung von Niemann nicht viel besser aus. Wer heute über Kriege berichten möchte, könne dies tun, aber immer nur „embedded“ – eingebettet und kontrolliert von denen, die die Szenerie beherrschen. Viele Staaten hätten enormen Einfluss auf halbstaatliche, halb private Sender, mit denen ungeniert die Öffentlichkeit getäuscht und manipuliert werde. Und das betreffe nicht nur China, sondern auch die USA, Frankreich und Russland, wie der Experte belegte. Die frühe Berichterstattung über den „Arabischen Frühling“ war auch im Westen einseitig, oberflächig und manipulativ, so Niemann.

Für die Teilnehmer gab es während des vierstündigen Workshops die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Sie waren eingeladen, von ihren eigenen Erfahrungen im Umgang mit Medien zu sprechen. Dabei fiel auf, wie schwer sich viele damit tun, die Wahrhaftigkeit von Nachrichten zu bewerten. Einige Pädagogen wollten von Niemann konkrete Tipps bekommen, wie sie Schülern begegnen können, die sich im Netz zum Beispiel von Verschwörungstheorien oder radikalen, politischen Ansichten einfangen lassen. „Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als sich selbst schlau zu machen und zu recherchieren, wer Ihnen warum etwas berichten möchte“, rät der Politikwissenschaftler.

Dabei ist Niemann, wenn es um die Recherche zu weltpolitischen Themen geht, ein Freund der alten Schule. „Ich lese gerne Bücher, weil kein Medium so umfassend tief informieren kann wie ein Buch“, so sein Credo. Sein eigenes Wissen zum Beispiel speist sich zu einem erheblichen Teil aus der Lektüre von längeren Publikationen, Tageszeitungen, dem Netz, aber natürlich auch aus persönlichen Kontakten.

Jörg Spielberg

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