Geduld, Fachwissen und eine ruhige Hand

Gefallenentafeln restauriert

+
Der Überbacher Kunstmaler Hans Sichler restauriert die Gefallenentafeln in Dietmannsried. Die Arbeit an den Gedenktafeln erinnert manchmal an die eines Detektivs.

Sie zeugen von hunderten von tragischen Einzelschicksalen, die Gefallenentafeln des Ehrenmals auf dem Dietmannsrieder Friedhof.

Auf ihnen finden sich die Namen der Männer der Gemeinde, die in den beiden Weltkriegen ihr Leben ließen oder als vermisst gelten. Nun restauriert der Kunstmaler Hans Sichler die unleserlich gewordenen Tafeln.

Viele der Namen sind ihm geläufig, zum Teil kennt er die Nachkommen der Genannten persönlich. Einer dieser Namen lautet Hans Meggle. Er war Hans Sichlers Onkel. Der junge Obergefreite kam an die russische Front und galt seit Juni 1944 als vermisst. „Seine Mutter, also meine Oma, hoffte ihr Leben lang herauszufinden, was mit ihrem Sohn geschehen war. Leider fand man seine Erkennungsmarke erst nach ihrem Tod, bei einem Brückenbau“, erzählt er. 

„Als gebürtiger Überbacher kenne ich natürlich viele der Namen auf den Steinen und auch teilweise die tragischen Geschichten, die damit zusammenhängen“, so der 67-Jährige weiter. „Hier steht beispielsweise der Name des Vaters eines Nachbarn“, sagt er und deutet auf eine der vielen Zeilen. „Er starb in Russland. Seinen damals noch ungeborenen Sohn hat er nie kennengelernt.“ Hans Sichler nimmt sich mit fachmännischem Wissen der zeitaufwändigen Arbeit an, die in Stein gemeißelten und durch jahrzehntelange Witterungseinflüsse abgeschliffenen und verblassten Namen der Kriegsopfer zu restaurieren. Mit ruhiger Hand zieht er Linie um Linie und schwingt Serifen, bis alles wieder leserlich ist. „Dafür ist viel Geduld und Konzentration nötig“, gibt er zu. „Aber es ist eine interessante Aufgabe.“ 

Den Auftrag dafür erhielt er von der Marktgemeinde. Diese hatte ihn bereits im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem örtlichen Veteranenverein mit der Aufgabe betraut, die Gedenktafeln an die Gefallenen aus den Feldzügen 1805 bis 1815 zu restaurieren. „Das Ungewöhnliche an jenen Tafeln war, dass auf ihnen auch die Überlebenden der Schlachten vermerkt sind. Die Restaurierung selbst war sogar noch aufwändiger“, so Sichler. „Bei diesen sehr alten, verwitterten Tafeln musste zunächst der poröse Sandsteinuntergrund mit Steinfestiger gefestigt werden, zudem mussten lose Schichten entfernt werden, ehe die Schriften wieder mit Farbe ausgefasst werden konnten. Die Schrift selbst war zum Teil völlig unleserlich. Den ursprünglichen Namen wieder auf die Spur zu kommen, war ein bisschen wie eine Detektivarbeit, bei der man das Puzzle zusammenfügen musste“, erinnert er sich. „Die Gemeinde musste sogar extra einen 60 cm tiefen Graben ausheben lassen, in dem ich stehen konnte, um auch die unteren Zeilen erneuern zu können.“ Der Gemeindeverwaltung sei es ein großes Anliegen, die Tafeln zu erneuern und für die Zukunft zu erhalten“, erklärt Bürgermeister Werner Endres. 

Durch die Restaurierung wolle man den Menschen mit ihren Einzelschicksalen die Ehre erweisen und ihr Gedenken bewahren. Für Sichler ist seine derzeitige Arbeit an dem Denkmal auch eine kleine Zeitreise in die eigene Vergangenheit. Mit Blick auf die überlebensgroße hölzerne Jesusfigur, die an dem Kreuz inmitten der Tafeln auf der Südseite des Friedhofs prangt, erinnert er sich: „Als 14-jähriger Malerlehrling musste ich genau diese große, schwere Figur allein auf einem zweirädrigen Karren von hier bis zur Malerwerkstatt in der Bahnhofstraße schieben. Den Buckel dort hinten habe ich kaum geschafft.“ Schmunzelnd fügt er hinzu: „Dass ich 53 Jahre später wieder hier arbeiten würde, hätte ich damals sicher nicht gedacht.“

Sabine Stodal

Auch interessant

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Kempten
Babys der Woche im Klinikum Kempten
Bezirksmusikfest in Probstried
Bezirksmusikfest in Probstried
Feiern verbindet
Feiern verbindet
Schüler zeigen Einsatz
Schüler zeigen Einsatz

Kommentare