Auch in Kempten ist das Bayerische Rote Kreuz sozial höchst engagiert

Vizepräsidentin besucht Wärmestube

+
Amelie Lang (v.li.), Leitern der Wärmestube, Brigitte Meyer, Vizepräsidentin des BRK, Alfred Reichert, Vorsitzender des Kreisverbands Kempten, Susanne Kultus, Leiterin des Kleiderladens – alle im Dienste gelebter Menschlichkeit.

Kempten – Zwei Kemptener Vertreterinnen der größten Hilfsorganisation in Bayern und der Vorsitzende des Kreisverbands, Alfred Reichert, haben in der Wärmestube in der Haubenschlossstraße deren Leistungen vor Ort vorgestellt. Und die sind wahrlich beachtlich. Die Vizepräsidentin des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), die anlässlich der Landesversammlung in Kempten weilte, war beeindruckt von den örtlichen Schwerpunkten und vom Engagement der Haupt- und Ehrenamtlichen im Sinne „gelebter Menschlichkeit“.

Amelie Lang, Leiterin und Seele der Wärmestube, ist stolz auf die Einrichtung. Das Alleinstellungsmerkmal dieses freundlich gestalteten offenen Treffpunkts ist wohl, dass er an 365 Tagen im Jahr für alle Personen offen ist, die hier wirklich billig essen und/oder Anschluss finden wollen – und zwar ganz ohne Bedürftigkeitsprüfung. 

„Wir sind an der Würde des Menschen orientiert und wollen niemanden beschämen“, versichert Lang überzeugend. Als Lehrerin für Alten- und Heilerziehungspflege mit Schwerpunkt Ethik im Gesundheits- und Sozialwesen, seit Mai an dieser Stelle, hat Lang mit der Leitungsverantwortung offensichtlich ihre Erfüllung gefunden: „Unsere Gäste bekommen hier nicht nur Frühstück und eine warme Mahlzeit, sie finden auch ein wenig Heimat, Zuwendung und auf Wunsch individuelle Beratung.“ 

Ein buntes Team aus Freiwilligen, geringfügig Beschäftigten und Leuten, die Sozialstunden und Praktika ableisten und deshalb intensiver Begleitung bedürfen, hält den Betrieb aufrecht. Für ein gutes Miteinander sind eine große Portion Toleranz und vorgelebte Inklusion nötig. In der kleinen Küche werden täglich etwa 60 Essen frisch zubereitet – gelegentlich auch von „Promis“. Großzügige Lebensmittelspenden der Bevölkerung sorgen dafür, dass die Teller stets gefüllt werden können. 

Die Wärmestube ist kein Ghetto, wenngleich betagte und bedürftige Gäste überwiegen. Sie beugt krankmachender sozialer Isolation vor und nimmt nicht zuletzt dem Staat Fürsorgepflichten ab. Die im Keller des Hauses untergebrachte Übernachtungsstelle ist für durchreisende obdachlose Menschen gedacht. Diese können, sofern sie die Vorgaben erfüllen, hier bis zu drei Nächte schlafen. Als „letztes Netz“ steht die Übernachtungsstelle über 18-Jährigen zur Verfügung, die weder unter Alkohol noch unter Drogen stehen. Lang versucht, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, sie prüft die Voraussetzungen im persönlichen Gespräch und stellt bei Bedarf Kontakt zur Polizei, zum Bezirkskrankenhaus oder Ordnungsamt her. 

Hoch zufrieden erzählte Lang vom Sozialprojekt der Klasse 10b des Hildegardisgymnasiums. Die jungen Leute hatten sich auf ihren Tag in der Wärmestube intensiv vorbereitet und für prima Stimmung gesorgt. Es gab alkoholfreie Cocktails, Obstspieße und ein Quiz für alle Anwesenden. In der Reflexion nach dem Einsatz wurde deutlich, dass die Schülerinnen und Schüler „ganz viel mitgenommen haben. Die Gäste waren begeistert!“, versicherte die Leiterin. Wer weiß schon, dass der erste Kleiderladen des BRK in Kempten eröffnet wurde? Er besteht seit 21 Jahren; in ganz Bayern gibt es inzwischen 107 davon. 

Susanne Kultus sorgt seit einigen Monaten dafür, dass der Laden „schöne Sachen und nur gute Ware“ anbietet. Früher ehrenamtlich im Kleiderladen tätig, hat sie nun als Hauptamtliche ihren „Traumjob“ gefunden, wie sie strahlend versichert. Sie hat sich enthusiastisch in die Arbeit gestürzt, leitet ein Team von nicht weniger als 31 Ehrenamtlichen und bietet „Mode aus zweiter Hand“ im Boutiquestil an. Steigende Umsätze beweisen, dass die Mundpropaganda funktioniert und hier nicht nur Bedürftige einkaufen. Der Nachhaltigkeitsgedanke bringt auch andere Bevölkerungskreise ins Geschäft. Brigitte Meyer ist es wichtig, der Gesellschaft die große Palette sozialer Dienstleistungen des BRK ins Bewusstsein zu rufen. Es engagiert sich nämlich auch in der Pflege und Kinderbetreuung und war zum Beispiel 2015 maßgeblich an der Versorgung von Geflüchteten beteiligt. Das Rote Kreuz sei weltweit bekannt und genieße das Vertrauen der Menschen. Die „gelebte soziale Arbeit hält den Staat aufrecht“, davon sind Reichert und Meyer überzeugt. Das Rote Kreuz bekommt staatliche Zuschüsse für seine diversen Projekte – auch die Kemptener Tafelläden zählen dazu – muss aber auch zehn Prozent Eigenanteil durch Spenden aufbringen.

Kommentar:

"Wenn ich die langen Schlangen vor den Tafelläden in meiner Heimatstadt sehe, schäme ich mich für den sogenannten Sozialstaat Deutschland. Wie konnte es so weit kommen, dass die Bedürftigkeit dieses Ausmaß angenommen hat? Wann ist die soziale Marktwirtschaft zur asozialen geworden? Immerhin: Dank der Tafelläden, der Wärmestuben und Übernachtungsstellen begegnen wir in Deutschland der krassesten Armut nicht täglich auf der Straße, wie man es in den USA erleben muss. Stichwort Übernachtungsstelle: Trotz der gelb gestrichenen Wände und der hellen Bettwäsche sind die Vierbettzimmer bedrückend, weil sie im Keller liegen. Mit jedem Schritt die schmale Treppe hinab wird den Leuten bewusst gemacht, wo sie angelangt sind in der gesellschaftlichen Hierarchie, nämlich ganz unten. Einer so großartigen und mit allen freien Wohlfahrtsträgern in Bayern vernetzten sozialen Einrichtung wie dem Roten Kreuz sollte es gelingen, eine schlichte Übernachtungsstelle in Räumen mit Tageslicht unterzubringen – hat auch was mit Wertschätzung der Klientel zu tun." 

Elisabeth Brock

Auch interessant

Meistgelesen

Tausende Kinder amüsieren sich beim Sport- und Familientag
Tausende Kinder amüsieren sich beim Sport- und Familientag
Mann in der Nähe des Kemptener Hofgartens brutal zusammengeschlagen
Mann in der Nähe des Kemptener Hofgartens brutal zusammengeschlagen
Raser muss Führerschein erneut abgeben
Raser muss Führerschein erneut abgeben
Hochzeitsgast feuert mit Schreckschusspistole
Hochzeitsgast feuert mit Schreckschusspistole

Kommentare