Die Geschichte der Genossenschaftsbanken in Kempten – Teil 2: Die Volksbank

Blühendes Bankenwesen

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Jenisch-Ponikau Haus um 1870.

Am 24. Juli 2017 öffnete das neue Sparkassenhaus am Stadtpark zum ersten Mal seine Pforten für die Kunden. Am 31. Juli erfolgte der offizielle Einweihungsakt und am 12. August gibt es einen Tag der offenen Türe.

Damit beginnt für die Sparkasse Allgäu eine neue Ära. Neben der Sparkasse Allgäu, als dem wohl ältesten Kemptener Geldinstitut, können auch die Volks- und Raiffeisensbanken in Kempten auf eine lange Geschichte zurückblicken. Ihnen widmet sich Teil 2 der Miniserie.

VON DR. WILLI VACHENAUER

Am 6. Januar 1870 gründeten 22 Kemptener Bürger einen „Spar- und Vorschußverein“, als Vorgänger der heutigen Volksbank. Dieser Verein basiert auf den Ideen von Hermann Schulze aus Delitzsch (1808–1883), daher auch Schulze-Delitzsch genannt. Als eine Kartoffelblattfäule zwischen 1845 und 1847 fast die gesamte Ernte vernichtete und schwere Hungerkrisen auslöste, schuf er auf genossenschaftlicher Basis Spar- und Konsumvereine, um besonders die Lage der Handwerker zu verbessern. Hinzu kam, dass auch viele Manufakturen und die aufkommende Industrie in dieser Zeit in eine Wirtschaftskrise hineinschlitterten. Danach benötigten gerade Bauern, Handwerker und kleine Unternehmen Kredite, um wieder auf die Beine zu kommen. Sie waren dabei aber auf private Geldverleiher, oftmals zwielichtige Geschäftemacher angewiesen, da sie oft keinen Zugang zu den damals schon existierenden Banken hatten. Deswegen verschuldeten sich viele, verloren ihre wirtschaftliche Existenz und verelendeten. Als Weg aus der Existenzkrise des Mittelstandes entwickelten Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen fast zeitgleich die Idee der „Hilfe zur Selbsthilfe“, wobei die Kraft der Gemeinschaft den Einzelnen in die Lage versetzen soll, sich selbst zu helfen. Das Motto „Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele gemeinsam“, ist das grundlegende Prinzip jeder Genossenschaft. Auf dieser genossenschaftlichen Basis regten beide unabhängig voneinander die Gründung von Kredit- beziehungsweise Darlehenskassenvereinen an. Die von Schulze-Delitzsch initiierten Volksbanken orientierten sich in ihrer Geschäftstätigkeit vornehmlich auf die Städte und deren Umgebung. Schon am 22. Februar 1870 genehmigte das Königlich Bayerische Amtsgericht Kempten die Statuten des „Spar- und Vorschußvereins“. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, für Handwerker, Kleingewerbe und den lokalen Handel Genossenschaftsvermögen anzusparen, um damit ihren Mitgliedern Vorschüsse gewähren zu können. Um dies zu erreichen, sammelte der ehrenamtlich eingesetzte Vereinsdiener von jedem Mitglied einmal im Monat mindestens einen Gulden ein. Auf ihre angesparten Einlagen erhielten die Mitglieder eine Verzinsung von drei Prozent. Von diesem Genossenschaftsvermögen erhielten die Vereinsmitglieder im Bedarfsfalle, das heißt, bei besonderen Gelegenheiten und im Notfall, Vorschüsse und Kredite zu einem Zinssatz von vier Prozent. Am 1. Dezember 1891 beschlossen die Vereinsmitglieder eine Haftungssumme von 50 Reichsmark je Geschäftsanteil festzulegen. Die Mitglieder des Vereins wickelten ihre Einzahlungen und ihre Geldaufnahmen über den Vereinskassierer ab. Zwischen 1885 und 1911 übte der Bader Norbert Winkle, der als einer der letzten redlich gelernten Bader in Kempten gilt, in seiner Barbierstube am Rathausplatz Ecke Kronenstraße die Tätigkeit des Kassierers des Spar- und Vorschussvereins aus. Neben dem Haareschneiden, dem Rasieren und einfachen chirurgischen Eingriffen übernahm er auch die Aufgabe des Kassenwartes, damals auch „Rechner“ genannt. Er stellte Einzahlungsquittungen aus und führte genau Buch über die Geldein- und -ausgänge. Der massive und zentnerschwere eiserne Kassenschrank, in dem sich das ganze Vereinsvermögen befand, stand angeblich neben seiner Barbierstube vor der Türe zum Plumpsklo.

Wegen des damals noch sehr umständlichen Systems bei der Vorschussvergabe, blieb es dem Verein verwehrt, seine Geschäfte auf einen Bankbetrieb umzustellen. Dieses Ziel verfolgte ab 1904 das Vereinsmitglied Ferdinand Geisler, ein Malermeister. Wegen seiner Beharrlichkeit wurde am 12. März 1911 eine Kommission zur Vorbereitung eines bankmäßigen Betriebes nach dem Vorbild in anderen Städten wie zum Beispiel in Passau und Regensburg eingesetzt. Daraufhin beschlossen die 129 Mitglieder des Vereins, mit nur einer Stimme Mehrheit, den bankmäßigen Ausbau des „Spar- und Vorschußvereins“ und die damit verbundene Änderung der Statuten. Am 1. Oktober 1911 kam es zur „Schalter-

eröffnung“ in der Wilhelmstraße, M 93 (heutige Linggstraße). Der erste Geschäftsführer oder Direktor war ab 1912 Wilhelm Muzenhardt. Bereits wenige Jahre später überstieg der Bankumsatz die drei Millionen Reichsmarkgrenze und das Personal wuchs auf zwölf Angestellte. Damit konnten die Räume in der Wilhelmstraße den steigenden Geldverkehr nicht mehr verkraften. Eine deutliche Verbesserung der Raumsituation trat 1916, also mitten im 1. Weltkrieg ein. Der „Spar- und Vorschußverein“ erwarb gegen eine Summe von 58.000 Mark das Jenisch-Ponikau-Haus am Rathausplatz und richtete dort im Oktober 1916 seinen Hauptsitz ein. Zuvor gehörte dieses Haus zur Hälfte den jüdischen Bankiers Ull-

mann und Söhnen, die dort ein eigenes Bankgeschäft betrieben. Das sogenannte „Ponikau-Haus“ war ursprünglich aus zwei Häusern entstanden, die erstmals im Jahre 1499 erwähnt sind. Wahrscheinlich stand dort ab 1196 ein sogenanntes „Saltzhaus am Markt“ mit Verkaufsständen, das aber nicht mit dem „städtischen Salzstadel“ verwechselt werden darf.

Obwohl die Jahre des ersten Weltkriegs zwischen 1914 und 1918 große Probleme für den Kemptener „Spar- und Vorschußverein“ mit sich brachten, konnte er sogar im letzten Kriegsjahr 1918 im Gasthaus Engel in Obergünzburg seine erste Filiale eröffnen, die später einen neuen Standort im Anwesen „Unterer Markt“ bezog.

1922 erhielt das Geldinstitut den Namen „Genossenschaftsbank Kempten eG“, in der Rechtsform als eingetragene Genossenschaft. Mit diesem Namen wollte man nach außen demonstrieren, dass sich aus dem ehemaligen „Spar- und Vorschußverein“ eine richtige Bank entwickelt hatte. Schon ein Jahr später vernichtete die Hyperinflation die meisten Ersparnisse und Geldwerte. Wie dramatisch sich der Währungsverfall auswirkte, zeigt die Bilanzsumme der Genossenschaftsbank: Zum 31. Dezember 1923 wies sie die exorbitante Summe von 120.364.710.427.456.776,15 Mark aus.

In den sogenannten „Goldenen 20er Jahren“ erholte sich die Bank und konnte innerhalb von vier Jahren die Bilanzsumme vervierfachen, die am 1. Januar 1924, nach dem Wunder der Rentenmark, über 159.577,58 ehemalige Goldmark lautete.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 durchlebten die Genossenschaften eine schwere Zeit. Ihr Grundsatz der genossenschaftlich/demokratischen Selbstverwaltung entsprach nicht dem vom Nationalsozialismus geprägten „Führerprinzip“, nach dem die Leitung immer von oben einzusetzen war. Daher erstreckte sich die sogenannte „Gleichschaltung“ vor allem auf die Führungsschichten der Gemeinschaftsunternehmen, die politisch linientreu sein mussten.

Nach dem Krieg lagen die Spareinlagen der Kemptener Volksbank auf einem niedrigen Niveau. Dies änderte sich nach der Währungsreform im Jahre 1948, bei der auch die Genossenschaftsbank das sogenannte „Kopfgeld“ in Höhe von 40 DM (Deutsche-Mark) je Kopf auszahlte. Die „DM“-Eröffnungsbilanz betrug 1.170.978,83 DM.

Das genossenschaftliche Prinzip erfuhr in dieser Zeit einen neuen Aufschwung und gilt auch heute noch unverändert für die Volksbank, die von ihren Mitgliedern getragen ist. Im Zuge des Wiederaufbaus und eines damit einhergehenden Konjunkturaufschwungs unter dem Einfluss der „sozialen Marktwirtschaft“ setzte eine starke Kreditnachfrage ein. Das Geschäftsvolumen der Genossenschaftsbank steigerte sich in den Folgejahren ständig. Daher konnte die Bank 1965 die Zweigstelle in Kempten St. Mang eröffnen und es erfolgte der Anschluss an die Rechenzentrale der Bayerischen Genossenschaften. Die Mitgliederversammlung der Volksbank beschloss am 13. April 1962 den einheitlichen Firmennamen „Volksbank Kempten eGmbH“ für alle angeschlossenen Geldinstitute einzuführen. Diese Umbenennung sollte signalisieren, dass die Bank nicht nur für Handwerk, Gewerbe und Handel tätig ist, sondern allen Bevölkerungsteilen offensteht und alle Geldgeschäfte durchführt.

1969 eröffnete die Zweigstelle der „Volksbank Kempten ­eGmbH“ an der Ecke Lindauer Straße/Salzstraße. Im Jahr 1971 erfolgte der Zusammenschluss der „Volksbank Kempten eGmbH“ mit der „Allgäuer Volksbank Sonthofen eG“. Sie nannte sich ab da „Allgäuer Volksbank eG Kempten-Sonthofen“. 1973 eröffnete die Bank eine Zweigstelle in der Ellharter Straße in Kempten.

Lange Zeit fehlten die finanziellen Mittel für durchgreifende Restaurierungsmaßnahmen im Ponikau-Haus, in dem sich die Hauptstelle der Bank befand. Den Anfang machte 1957 der Umbau des Bankgebäudes mit der Renovierung der Südfassade. 1966 folgte die Wiederherstellung des Treppenhausgemäldes und schon damals stand die Frage nach der Restaurierung des Gebäudes und der Rettung des Rokokosaales im Raum. Aufsichtsrat und Vorstand beschlossen im Jahr 1981, den festlichen Saal renovieren zu lassen. Die schwierigen Arbeiten erfolgten zwischen 1982/1983. Noch vor der Einweihung fand die erste Generalversammlung der Allgäuer Volksbank eG am 27. Juli 1983 im neuerstandenen Rokokofestsaal statt. Die Laudatio hielt damals Professor Johannes Goldner. Die feierliche Einweihung erfolgte am 10.11.1983 in Anwesenheit von Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und der Kirchen, sowie von Vertretern der Presse und den Repräsentanten der „Allgäuer Volksbank eG Kempten-Sonthofen“. Damit blieb dieses Kemptener „Rokokojuwel“ im Ponikau-Haus der Nachwelt erhalten. Mehrmals wurde in den vergangenen Jahrzehnten die Fassade des historischen Gebäudes restauriert und in mehreren Bauabschnitten auch das Erdgeschoss umgestaltet. 1984 kam es zum Umbau der Schalterhalle, damit gelang es, neue Besprechungs- und Kundenräume einzurichten. 1998 und 1999 wurden in den Obergeschossen moderne Bank- und Beratungsräume eingerichtet.

In den Jahren 2002 und 2003 kam es zur kompletten Erneuerung der Außenfassade sowie zum Umbau der Schalterhalle einschließlich der Integration moderner Sebstbedienungsautomaten. Dank dieser Restaurierungsarbeiten präsentiert sich heute das Ponikau-Haus der „Allgäuer Volksbank eG Kempten-Sont-

hofen“ am Rathausplatz in neuem Glanz.

Heute hat die Volksbank neben zwei SB-Filialen zwei Geschäftsstellen in der Stadt, am Rathausplatz und in Kempten-Oberösch. Am 31.12.2015 beschäftigte sie 105 Mitarbeiter, die Einlagen betrugen 316 Millionen Euro und die Bilanzsumme belief sich auf 443 Millionen Euro. Die Bank hatte zu diesem Zeitpunkt 8.613 Mitglieder.

Auch heute noch kann jeder Kontoinhaber im Sinne des Genossenschaftsgedankens eine Mitgliedschaft der Volksbank erwerben. Er muss dazu einen Antrag auf Mitgliedschaft stellen, über den der Vorstand entscheidet. Als neues Mitglied verpflichtet er sich, einen oder maximal zehn Geschäftsanteile zu je 50 Euro zu zeichnen. Mitglieder können die Politik der Bank demokratisch mitbestimmen, da sie die Möglichkeit erhalten, mit ihrem Stimmrecht – jedes Mitglied hat nur eine Stimme, unabhängig von der Anzahl der Geschäftsanteile – bei der Vertreterwahl mitzuentscheiden.

Die Vertreterversammlung legt u.a. den Jahresabschluss fest, entscheidet darüber, wie der Reingewinn verwendet wird und bestimmt die Besetzung der Kontrollgremien und erhält wichtige Informationen zur Geschäftspolitik. Darüber hinaus sind die Vertreter am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt, da sie auf ihre Geschäftsanteile in der Regel jährlich einmal eine Dividende erhalten.

Die Volksbank ist Mitglied im Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). Damit können Kontoinhaber der Volksbank auch bei den dort angeschlossenen Raiffeisenbanken Kontoinformationen abrufen und kostenlos Geld abheben.

Die Geschichte der „Raiffeisenbank Kempten-Oberallgäu eG“ lesen Sie als abschließenden dritten Teil in unserer Mittwochsausgabe am 6. September 2017.

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