Landkreis Oberallgäu will mit "unschlagbarem Angebot" den ÖPNV ankurbeln – Kemptens OB ist nicht im Boot 

Mit Volldampf zum 100-Euro-Ticket

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Knapp 20 Bürgerinnen und Bürger der Initiative „Oberstdorf for Future“ machten sich vor dem Landratsamt in Sonthofen stark für einen leistungsfähigen ÖPNV. In der kurzen Diskussion erläuterte Landrat Anton Klotz (links) den Vorstoß für ein 100-Euro-Ticket, den der Kreistag an diesem Tag auf den Weg brachte.

Oberallgäu – Möglichst schon im April kommenden Jahres soll es beim Öffentlichen Personennahverkehr ÖPNV im Oberallgäu eine „Initialzündung geben: Mit einem Jahresticket zum Preis von gerade einmal 100 Euro will der Oberallgäuer Kreistag einen Schub auslösen und ermuntern, vom Auto auf Bus und Bahn umzusteigen.

Unmittelbar vor der Sitzung, in der der Oberallgäuer Kreistag den Beschluss über die Einführung eines Ganzjahrestickets für 100 Euro fasste, hatte die Initiative „Oberstdorf for Future“ vor dem Landratsamt eine Verkehrswende angemahnt und ein Ticket zum Preis von 365 Euro gefordert. Landrat Anton Klotz erläuterte, dass man im Oberallgäu „weiter gehe“ mit dem Vorstoß eines noch günstigeren Jahrestickets. Ziel sei es, möglichst viele Menschen zum Umstieg vom eigenen PKW auf den ÖPNV zu bewegen. 

Nach rund drei Stunden voller Information und Diskussion ebnete der Oberallgäuer Kreistag mit einem einstimmigen Beschluss den Weg für das sogenannte 100-Euro-Ticket. Ganz „rund“ sei dieser Wurf zwar nicht, da die Stadt Kempten bislang noch nicht im Boot ist, so die kritischen Anmerkungen aus den Fraktionen. Die zukünftige Jahreskarte für den Oberallgäuer ÖPNV zum Preis von 100 Euro pro Person gilt – erst einmal – nur im Landkreisgebiet; in die Stadt Kempten kann man aber dennoch fahren. Langfristig soll ein gemeinsames Netzticket eingeführt werden. 

Um das neue 100-Euro-Ticket zu finanzieren, soll im kommenden Jahr die Kreisumlage um einen Prozentpunkt angehoben werden. „Heute geht es um einen Grundsatzbeschluss! Details kann man später klären“, appellierte der ehemalige Sonthofer Bürgermeister Hubert Buhl (Freie Wähler) an seine Kreistagskollegen, endlich zur Beschlussfassung zu kommen. „Wir sollten jetzt sagen: Wir wollen das! Aus. Fertig. Schluss!“ Manfred Baldauf (CSU) pflichtete bei: „Genau. Das ist ein Quantensprung. Wir müssen jetzt einen ÖPNV auf den Weg bringen und an die Umsetzung gehen. Weiter zuwarten bringt nichts!“ 

Bald schon, so schätzte Baldauf, würden die Menschen in Kempten sagen: Das wollen wir auch. Auch der Landtagsabgeordnete der Grünen, Thomas Gehring, sieht das so: „Wenn es die Tickets gibt, nutzen die Leute das auch.“ Durch das positive Signal werde der Druck wachsen – in der Stadt Kempten und anderen Landkreisen, ergänzte Jörg Hilbert von der SPD-Fraktion. Allerdings riet er davon ab, die Finanzierung des Tickets über die Kreisumlage abzusichern.

Wie ein ÖPNV funktionieren kann, der den Namen auch verdient, erläuterten zwei Experten aus dem benachbarten Vorarlberg. Auch in Österreich habe man vor 30 Jahren eine Ausgangssituation vorgefunden, die von einer Vielzahl von kleinräumigen Lösungen geprägt war. „Jedem Bürgermeister seinen Bus“, beschrieb Christoph Metzler vom Gemeindeverband Personennahverkehr Oberes Rheintal die Situation. Dann habe man den „kantonalen Geist“ überwinden können und regionale Verkehrsverbünde geschaffen. Auch Dank einer klaren politischen Zielsetzung. Heute könne Vorarlberg in der Fläche eine verlässliche Vertaktung von früh bis spät vorweisen. 

Den Markterfolg des 365-Euro-Jahrestickets erklärte Dr. Christian Hillbrand vom Verkehrsverbund Vorarlberg mit der Grundfrage: „Wie viele Menschen können wir vom Auto auf den Bus bringen?“ Wesentlicher Treiber dabei seien die verkehrsplanerischen Rahmenbedingungen und die Verfügbarkeit des PKW. „Dem Autofahrer in Vorarlberg geht es noch zu gut“, räumte Hillbrand dennoch ein und deutete an, dass noch nicht alle potentiellen Kunden erreicht würden. 

Unterm Strich habe sich das Prinzip bewahrheitet: Schaffe das Angebot und Du bekommst die Nachfrage. Letztendlich sei es die Qualität des ÖPNV, die über Gelingen oder Scheitern entscheide. Die Erschließung müsse gut sein, die Taktung verlässlich, der Tarif einfach. „Vorarlberg hat das zweitdichteste ÖPNV-Angebot nach dem Ballungsraum Wien“, so Hillbrand. Fasst jeder zweite Haushalt hat ein Jahresticket; 120 Millionen Fahrten pro Jahr werden gezählt – und 30 Millionen Euro an Fahrscheinerlösen. 

Nach diesem Muster soll jetzt auch der ÖPNV im Landkreis Oberallgäu Fahrt aufnehmen. Landrat Anton Klotz sieht in Vorarlberg ein gelungenes Beispiel. Aber das Nachbarland sei „meilenweit voraus“, was den ÖPNV, die E-Mobilität und den Klimaschutz angehe. „Sie hatten ähnlich Probleme wie wir, haben sie aber früher und anders angepackt.“ Untersuchungen zum Oberallgäuer ÖPNV und den Überlegungen für neue Anreize hatten gezeigt, dass bei allen Gegenrechnungen von Einnahmeausfällen und neuen Abos unterm Strich Mehrkosten von gut einer Million Euro stehen werden. Die Mehrkosten sollen solidarisch über die Erhöhung der Kreisumlage aufgefangen werden. 

Am Rande eines Runden Tisches zum Thema „Mobilitätskonzept Allgäu“ zeitgleich zur Kreisratssitzung (siehe Artikel auf Seite 7) äußerte sich Kemptens OB Thomas Kiechle. Wie er bereits im Vorfeld erklärt hatte, hält er den Zeitpunkt für die anvisierte Einführung des 100-Euro-Tickets im April für zu früh. „Im Ziel haben wir keinen Dissens“, sagte er, „im Zeitpunkt ist der Vorstoß aber nicht verständlich.“ Über die Mobilitätsgesellschaft für den Nahverkehr im Allgäu (Mona) sei man gerade daran, ein einheitliches Tarifsystem für das Ober- und Ostallgäu zu entwickeln. „Im März liegt ein Gutachten zum LEADER-geförderten Pilotprojekt Tarifharmonisierung vor, erst wenn wir die Ergebnisse haben, können wir mit allen beteiligten Städten, Verkehrsunternehmen und Landkreisen sprechen“, so Kiechle. 

Es gehe auch um Fragen des Vertriebs des Marketings und der Zonen. „Es muss einfacher werden“, steht für den OB fest, „dann können wir uns mit dem Preis beschäftigen“. Aber davor gehe es darum, ein Angebot zu schaffen. Stadt und Landkreis seien sehr unterschiedlich. Während die Busse in Kempten im Halbstundentakt fahren, gebe es im südlichen Oberallgäu vielerorts gar keine Busverbindungen, sagt der OB, der durch das 100-Euro-Ticket höhere finanzielle Differenzen befürchtet, als von Klotz prognostiziert. Außerdem würde das Ticket in die Fördersystematik des Freistaats eingreifen. 

„Es wäre nicht verständlich, wenn die Erwachsenen dann billiger fahren als die Schüler“, sagte Kiechle. Ob wir dann am Ende ein 100-Euro-Ticket dabei herauskomme, oder etwas anderes, das sei dem OB letztlich gleich. Das 100-Euro-Ticket sei ein erster Schritt, betonte derweil der Landrat. Und die Kritik von Kiechle an dem Alleingang des Landkreises kann Klotz nicht nachvollziehen. „Wir preschen hier nicht vor. Wir haben mit der Stadt gesprochen, wie wir uns das 100-Euro-Ticket vorstellen – zuletzt Anfang Oktober.“ Es brauche jetzt einen Verkehrsverbund für das Gebiet der Verkehrsgemeinschaft Mona. Fünf oder sechs Jahre wolle er nicht warten, zumal der Vorschlag auf „eine unglaubliche positive Resonanz“ in der Bevölkerung stoße, deutete Klotz die breite Rückendeckung an. „Unser Vorstoß ist für die Stadt Kempten kein Nachteil.“ 

Das Gegenteil sei vielmehr der Fall, argumentierte Klotz. Der Zustrom in die Stadt Dank des attraktiven Tickets führe zu einer verbesserten Wertschöpfung in der attraktiven Einkaufsstadt, konterte der Landrat die Befürchtungen Kiechles. Zudem sei eine deutliche Verkehrsentlastung der Stadt durch einen Rückgang der mit dem eigenen PKW einpendelnden Berufstätigen zu erwarten. Die Ostallgäuer Landrätin Maria Rita Zinnecker (CSU) hat von Klotz‘ 100-Euro-Ticket aus der Presse erfahren. Sie versteht, dass Kiechle für das zentrale Kempten eine überregionale Lösung bevorzugt. 

„Ideal wäre eine bayernweite Lösung“, sagt sie. Da vom Freistaat allerdings keine Konzept geboten werde, behelfen sich die Landkreise mit eigenen Systemen. Im Ostallgäu ist im Juli die Fahrgastoffensive gestartet, mit denen Schüler sieben Monate bezahlen, aber zwölf Monate fahren. Bei den Umweltkarten für die Erwachsenen sieht es ähnlich aus. Sie zahlen sechs Monate, fahren aber ebenfalls zwölf. Schüler und Erwachsene mit Jahreskarte sind im gesamten Netz mobil so viel sie wollen, auch am Wochenende. „Wenn ein überregionales Ticket kommt, müssen wir nachjustieren“, erklärt Zinnecker, „bei der Fahrgastoffensive hatten wir das Glück, dass Kaufbeuren mit ins Boot gestiegen ist.“

Aus der Kemptener Opposition 

Einige Kemptener Oppositionsparteien wundern sich über Kiechles Vorgehen. „Der im allgemeinen wenig entscheidungsfreudige OB erlaubt sich bei einem derart grundlegenden Thema einen spontanen Alleingang“, kritisiert Thomas Hartmann, Fraktionsvorsitzender der Grünen in Kempten, Mitglied der KVB (Kemptener Verkehrsbetriebe und Beteiligungsgesellschaft). Hartmann fordert daher eine Untersuchung der potenziellen Wirkungen, wie das der Kreistag OA tut. Er will im Kemptener Stadtrat für eine gemeinsame Allianz werben, um auch Kempten einzubinden, egal, ob es 100 oder am Ende 150 Euro sind. Katharina Schrader, Fraktionsvorsitzende der SPD beantragt genauso wie ÖDP und die Unabhängigen Bürger, dass das Thema im Stadtrat noch im Zeitraum der jetzt anstehenden Haushaltsgespräche beraten wird. Schrader hält eine spätere Ausweitung auf das Ostallgäu – gegebenenfalls auch mit gestaffelten Angeboten für möglich. Ihrer Meinung nach müsste hier auch schon längst die Allgäu GmbH tätig sein.

Josef Gutsmiedl/Susanne Lüderitz

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