Eine Reise in die Vergangenheit

Voller Erinnerungen: Maria-Ward-Absolventinnen besuchen zum Jubiläum ihr Schulhaus

Der Abschlussjahrgang 1971 der Maria-Ward-Schule mit seinem einstigen Religionslehrer Albert Leinauer im Sommer 2021 vor dem Gebäude der Fürstenschule
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Nicht vollzählig, aber geimpft und gesellig: Der Abschlussjahrgang 1971 der Maria-Ward-Schule mit seinem einstigen Religionslehrer Albert Leinauer.
  • VonAntonia Knapp
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Kempten – In einem halben Jahrhundert verändert sich vieles, äußerlich, im Stadtbild, aber auch innerlich, in Wertvorstellungen, Lebensentwürfen und Rollenbildern. 50 Jahre nach ihrem Abschluss an der Maria-Ward-Schule hat Gerlinde Merk für ihre ehemaligen Mitschülerinnen ein besonderes Klassentreffen organisiert:

Gemeinsam besichtigten sie das ehemalige Schul- und Internatsgebäude in der Fürstenstraße. Viele Erinnerungen wurden wach, als Ilse Roßmanith-Mitterer, Vorsitzende der Stiftsstadtfreunde e.V. und langjährige Leiterin der Fürstenschule, die heute erneut einen Teil des weitläufigen Gebäudes nutzt, die Damen durch lange Flure, Treppenhäuser und Klassenzimmer führte.

So vermissten die Besucherinnen in der heute altmodisch anmutenden Turnhalle die damalige Bühne und die Galerie, von der die Schwestern, die die katholische Privatschule seit 1861 betrieben, auf ihre Theater spielenden Schülerinnen herabblickten.

Während zu Fasching „humorvolle Märchenaufführungen“ auf dem Spielplan standen, führten zu den jährlichen Abschlussfeiern die jeweiligen Neuntklässlerinnen ernstere Szenen auf und „einmal haben wir Menuett getanzt, in historischen Gewändern“, erinnert sich Organisatorin Gerlinde Merk. Eine ihrer ehemaligen Klassenkameradinnen ergänzt, bestimmt hätten die Nonnen von ihrem Logenplatz aus mit strengem Blick kontrolliert, „ob man auch ordentlich angezogen war“. Die Schülerinnen mussten Röcke tragen, nur diejenigen, die im schneereichen Allgäu einen langen Schulweg zurücklegten, durften im Winter Hosen tragen, mussten aber vor Unterrichtsbeginn eine Kittelschürze überziehen.

Gingen die Schülerinnen im Gänsemarsch durch die damals noch recht düstere Fürstengasse zum Gottesdienst in die Basilika, wechselte die Schwester an der Spitze des Zuges kurz vor der nahegelegenen Knabenrealschule die Straßenseite und befahl: „Mädchen, Augen nach links!“ Kam die Klasse bei anderer Gelegenheit am Kino vorbei, wo Plakate für „die Kitschfilme mit Uschi Glas und Roy Black“ warben, hieß die Losung: „Mädchen, senkt eure Blicke!“

Da die Schülerinnen insbesondere auf kaufmännische Berufe vorbereitet werden sollten, standen auf dem Lehrplan neben den üblichen Fächern nicht nur Kochen, Backen und Haushaltsführung, sondern auch Maschineschreiben, Stenographie und Buchführung. Vor den Klassenzimmern im Obergeschoss, wo heute eine Fachschule für Ergo- und Physiotherapie untergebracht ist, erinnern sich die Damen übereinstimmend, dass Schwester Edita mit einem Stock den Takt vorgab, während die Mädchen tippten. Beherrschte eine Schülerin das Blindschreiben noch nicht, senkte sie gar den Blick, um auf die Tastatur zu schauen, stülpte die Nonne ihr einen Karton über Hände und Schreibmaschine, um ihren Schützling so dem Lernziel von 180 Anschlägen pro Minute blind näher zu bringen. Im Steno-Unterricht kontrollierte Schwester Edita die Zielvorgabe „150 Silben pro Minute“ mit der Stoppuhr.

Die Nonnen sind seit 1986 nicht mehr in der Maria-Ward-Schule tätig, doch der ehemalige Religionslehrer, Albert Leinauer, der inzwischen im Ruhestand ist, begleitete ‚seine Klasse‘ auf ihrem Rundgang und feierte am Nachmittag einen Dankgottesdienst mit ihnen. Im Laufe der Jahre sind die Klassenkameradinnen und der Priester immer wieder zusammengekommen; besonders der einstige Lehrer hat den Zusammenhalt gefördert und gepflegt; einige seiner ehemaligen Schülerinnen hat er auch getraut.

Dabei durfte er die erste Schulklasse seiner Lehrerlaufbahn nur ein Jahr lang unterrichten, in Klasse 9. Denn die Nonnen argwöhnten, die jungen Frauen könnten den frisch geweihten Mann auf unpassende Gedanken bringen; – zumal er aus ihrer Sicht teils unübliche, wenn nicht fragwürdige Unterrichtsmethoden wählte: So forderte er seine Schülerinnen auf, die in der Schule eigentlich verbotene „Bravo“ mitzubringen, um mit ihnen über die Inhalte der Teenie-Zeitschrift zu diskutieren. Zu einem Hüttenwochenende lud er pädagogisch geschulte Referenten ein, einen Mann und eine Frau, die mit den Mädchen sachlich und unbefangen über Sexualität sprechen konnten. Die Schülerinnen waren begeistert von ihrem jungen Lehrer: „Wir dachten natürlich: ‚endlich mal kein routinezerfressener alter Knochen.‘“

An der früheren Klosterpforte, hinter der sich heute die Fachschule für Krankenpflege befindet, verabschieden sich die ehemaligen Schülerinnen und ihr Lehrer von diesem sehr veränderten und doch eigentümlich vertrauten Ort und schlendern gemeinsam – nein, nicht zu „Seggers“, dem inzwischen verschwundenen Tante-Emma-Laden, auf eine Semmel mit Schokokuss, sondern in die Kapelle des Tagungshotels.

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