"Vollkommen neue Konzeption"

Setzt sich für mehr Ganztagesklassen ein: Der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Güll. Foto: Kesel

„Mehr Ganztagsklassen – jetzt!“ So lautete die Forderung des Landtagsabgeordneten Martin Güll bei einem Vortrag in der Gaststätte „Zum Schmelztiegel“ in Sankt Mang. Als Mitglied der SPD und tätig im Landtags-Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport setzt er sich für eine Neugestaltung des bayerischen Bildungssystems ein.

Da die Nachfrage nach Plätzen in Ganztagsklassen und auch Krippen in Kempten nicht mehr bedient werden kann, stellte die SPD-Stadtratsfraktion Ende September 2010 den Antrag das Ganztagsangebot auszubauen. Gegenwärtig gibt es in Kempten 21 Ganztagsklassen, hinzu kommen die Förderklassen und 430 Hortplätze für die Nachmittagsbetreuung. Doch für Güll ist klar: „Wir brauchen eine vollkommen neue Konzeption der Betreuungssystematik für Kinder und Jugendliche!“ Der Großteil des Ganztagsangebots bestehe aus offenen Ganztagsklassen mit „normalem“ Halbtagsunterricht und anschließendem freiem Nachmittags-Programm. Diese offene Systematik sei nichts anderes wie ein „Hort light“. Der Abgeordnete meinte deshalb: „Die gebundene Ganztagsschule ist die einzige pädagogisch sinnvolle Einrichtung.“ Schulen gelten dann als gebundene Ganztagsschulen, wenn Schülerinnen und Schüler verpflichtet sind, an mindestens drei Wochentagen für jeweils mindestens sieben Zeitstunden an den ganztägigen Angeboten der Schule teilzunehmen. Ziel sei es dabei eine andere Lernkultur zu etablieren, zum Beispiel Phasen von Anspannung und Entspannung sinnvoll aufeinander zu beziehen und den Stundenplan so zu gestalten, dass längere Unterrichts- und Arbeitsphasen für Projekte entstehen. Beim Ausbau des Ganztagsangebots treffe man jedoch auf einige Schwierigkeiten. Eine davon seien die vielen verschiedenen Förderungstöpfe für das Bildungssystem und die zu starke Belastung der Kommunen. „Wer Ganztagsschule will, muss ordentlich Geld in die Hand nehmen“, so Güll, „und das ist Sache der Länder!“ Als weiteres Problem nannte der Referent den Mangel an Personal: „Eine Ganztagsschule ohne zusätzliche Sozialpädagogik hat keinen Sinn.“ Am bestehenden Bildungssystem kritisierte Güll die 45-Minuten-Taktung des Unterrichts am Beispiel des G8: „Das G8 bezeichnet sich als Ganztagsangebot, ist aber wie eine verlängerte Halbtagsschule, in der die Schüler mehrfach am Tag im großen Rahmen überfordert werden. Die Kinder lernen das, was sie behalten nicht in der Schule, sondern im Anschluss zu Hause beim selbstständigen Aufarbeiten.“ Güll schlägt vor, stattdessen mehr auf kooperative Lernformen und selbsttätiges Lernen während des Unterrichts zu setzen. Falsche Ausbildung Als weitere Baustelle des bestehenden Bildungssystems in Bayern nannte er die falsche Ausbildung der Lehrer, nicht fachlicher Natur, sondern in Bezug auf die Unterrichtsmethoden. „90 Prozent unserer Lehrer im bayerischen Bildungssystem können nicht kooperativ unterrichten.“ Kemptens Schulreferent Benedikt Mayer, der auch an der Veranstaltung in Sankt Mang teilnahm und selbst Verfechter der gebundenen Ganztagsschule ist, spricht von zehn bis 15 Jahren „Umdenkphase“, die nötig sein werden, um ein neues Bildungskonzept zu organisieren. Er betonte jedoch die Vorreiterrolle der Stadt Kempten beim Ausbau des Ganztagsangebots in Bayern. „In Kempten werden wir in vier Jahren 37 Prozent Versorgungsgrad in gebundener Form ohne Horte aufbringen können, in Bayern haben wir im Moment nur 1,5 Prozent Versorgungsgrad“, erläuterte der Schulreferent. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissen (GEW) Bayern, Gele Neubäcker, stellte die Forderung, dass Bayern für Bildung „sehr viel mehr Geld“ zur Verfügung stellen müsse. Das Land erfülle nicht einmal die Hälfte der Zielvorgabe des Bundes, zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts in Bildung und Forschung zu investieren. Zudem sei es wichtig, Ganztagsschulen auch für pädagogische Mitarbeiter finanziell attraktiver zu gestalten und diese nach Tarif zu bezahlen. Bevor Güll zum Abschluss der Diskussion eine Präsentation über das Konzept der SPD für eine Gemeinschaftsschule vorstellte, schlug er für die Schulsituation in der Stadt Kempten vor, aus einem der drei Gymnasien eine richtige Ganztagsschule zu machen, um den Eltern und Schülern eine Wahlmöglichkeit zu bieten.

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