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Alexander Köffer (li.) von der Koordinierungs- und Fachstelle „Demokratie leben!“ an der Volkshochschule Kempten und der Rechtsextremismusexoerte Thomas Witzgall (re.), gaben Auskunft zur Ausstellung „Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ in der Kunstfabrik Kempten letzten Samstagabend.
Alexander Köffer (li.) von der Koordinierungs- und Fachstelle „Demokratie leben!“ an der Volkshochschule Kempten und der Rechtsextremismusexoerte Thomas Witzgall (re.), gaben Auskunft zur Ausstellung „Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ in der Kunstfabrik Kempten letzten Samstagabend. © rch

Kempten – Demokratie aktiv mitgestalten und so extreme Entwicklungen wie Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit verhindern, dafür steht das Kemptener Projekt „Demokratie leben! – Miteinander-Kempten-gestalten“, das im Juli letzten Jahres startete und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Stadt Kempten gefördert wird.

Ende letzter Woche wurde im Rahmen dieses Programms, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung kuratierte Ausstellung „Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ in der Kunstfabrik von Alexander Köffer („Demokratie leben!“ Koordinierungs- und Fachstelle bei der Volkshochschule Kempten) gemeinsam mit Juliane Kappaun (Amt für Integration) eröffnet. Die Ausstellung soll Jugendliche sowie Schülerinnen und Schüler an das Thema heranführen und zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus einladen, erklärte Köffer. Zwei jugendliche, auf Plakaten abgebildete Protagonisten, Anna und Samir, vermitteln auf Informationstafeln Grundwissen und Handwerkszeug für „ein aktives Demokratie leben“ und machen mit dem Thema Rechtsextremismus vertraut. Ergänzt werden die Stellwände mit Würfeln, beschriftet mit Fragen und Antworten, sowie einem Medientisch mit zahlreichen Videos.

Die Ausstellung möchte das Engagement junger Menschen für Demokratie, Toleranz und Zivilcourage fördern, betonte Köffer.

Darüber hinaus hatten Besucherinnen und Besucher an diesem Tag die Gelegenheit, an einem Vortrag des Rechtsextremismusexperten Thomas Witzgall zum Thema Rechtsextremismus in Bayern teilzunehmen. Seit über zehn Jahren beobachtet er die rechte Szene in Bayern. Witzgall schreibt hauptsächlich für die Fachportale „Endstation Rechts“ und „Blick nach rechts“, er gibt Stellungnahmen ab und stellt auch Bildmaterial für Vorträge, Broschüren und Ausstellungen zur Verfügung. Auch an der Kemptener Ausstellung habe er mitgewirkt, erzählte Witzgall. Das Thema versprach einen spannenden und interessanten Einblick in Inhalte, Aktivitäten und Strategien der alten und neuen Rechte in Bayern. 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren der Einladung gefolgt.

„Demokratie braucht Demokraten.“ Mit diesem Zitat von Friedrich Ebert, dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten Deutschlands, stieg Thomas Witzgall direkt in das Thema ein. Die rechtsextremistische Szene sei teilweise nicht auf den ersten Blick erkennbar, erklärte Witzgall. Sie unterliege oftmals Klischees, wie beispielsweise „Glatze, Hitler, Rassismus“. Doch die Ideologie, die sich dahinter verberge, stehe für die Befürwortung der Diktatur, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Antifeminismus, Transfeindlichkeit, Rechtsextremismus,

Holocaustleugnung und auch nationaler Überlegenheitsanspruch. Zudem gebe es unterschiedliche Ausprägungen im öffentlichen Auftreten, führte der Experte aus. Angefangen mit Aufmärschen, wie etwa von Holocaustleugnern, der Gruppierungen Pegida oder der identitären Bewegung, über Zusammenkünfte der ultrarechten Burschenschaften in Landtag 2021 auf Einladung eines AfD-Politikers bis hin zu Kommentaren im Netz, wie beispielsweise die Aussage einer 70jährigen Schlossherrin „die richtigen Deutschen haben eine Blutlinie bis hin zu den Germanen“ oder auch Hinweise, rechtsextremistische Aussagen in neue Wörter zu kleiden.

Zu den extrem rechten Gruppen in Bayern zählt die 2013 gegründete neonazistische Partei „Der III. Weg“, eine Gruppierung, die sich stark am Nationalsozialismus orientiere, erklärte Witzgall. Entstanden sei „Der III. Weg“ aus dem 2014 verbotenen „Freien Netz Süd“ (FNS). „Brandanschläge und rechter Terror ziehen in Bayern eine lange Spur“, so der Referent.

Andere Gruppierungen, wie die identitäre Bewegung, die nicht links und nicht rechts, sondern als gemäßigt wahrgenommen werden möchte, setzen auf Ideologietransfer, betonte der Experte. „In die Köpfe der Leute zu kommen, die Menschen neugierig machen“, so drückte es Witzgall aus. Wie etwa die Parole: „Hört mir auf mit ‚Multikulturell‘“. Neue Rechte, wie Pegida, AfD und Co. stellen sich nach außen als Demokraten dar. Zu den größten rechtspopulistischen Aufmärschen der Nachkriegszeit in Deutschland fanden sich Pegida-Anhänger in Dresden zusammen. In Bayern gab es sogenannte Spaziergänge von Neonazis und Rassisten, berichtete der Rechtsextremismusexperte.

Die alte und neue Rechte haben ein gemeinsames Weltbild, so Witzgall. „Kern ihres Denkens ist das Reinheitsgebot, ein Reinheitswahn.“ So komme der Bevölkerungsfrage eine enorme Bedeutung zu. Auch der Ethnopluralismus gehe in die gleiche Richtung, es stehe eine absolute Trennung der Kulturen dahinter. Wenn man die Landkarte mit Pinselstrichen bemalen würde, so gäbe es keine Vermischung der Farben, Gelb bleibt Gelb, Rot bleibt Rot. Doch auf den ersten Blick suggeriere der Begriff die Vielfalt der Völker, wohlklingend und weich, erklärte Witzgall. Ein weiteres Instrument, rechtsextremistischen Anschauungen Nachdruck zu verleihen, sei die Verbreitung von Verschwörungstheorien wie etwa die Bedrohung der Europäer durch die Islamisierung. Es entstehe dadurch eine Radikalisierungskraft, die so weit gehe, dass Einzelne zur Waffe greifen. Über soziale Netzwerke werden diese menschenverachtenden Ideologien auf viele Köpfe verteilt, führte der Referent aus. Es entstehe eine große Streuung, die darauf abziele, einer setze es um. „Einschüchternde Botschaften mit Aufforderungscharakter“, unterstrich Witzgall.

Nach dem interessanten und kenntnisreichen Vortrag des Rechtsextremismusexperten hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Gelegenheit, Fragen zu stellen und auch aktiv eigene Ideen für die Förderung der Demokratie, der Gestaltung von Vielfalt und der Vorbeugung von Extremismus auf dafür bereitgestellten Metaplanwänden einzubringen.

rch

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